fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Trotz eines Kompromisses, der hier dargestellt wird, liegt nach Meinung des Autors in dem Tendenzunterricht weiterhin die zentrale Aufgabe des KC zur Erziehung seiner jungen Studenten. Er skizziert dann in dem Artikel auch einen Semesterplan mit Inhalten, die KC-Studenten im Tendenzunterricht vermittelt werden sollten. Als Inhalte schlägt er eine kritische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Rassebegriff (Judentum als Rasse), die Geschichte der deutschen Juden und die Geschichte des modernen Antisemitismus vor.

Diese Themenauswahl macht deutlich, daß insbesondere spezifisch jüdische Themen als Erziehungsinhalte für die jungen KC-Studenten für wichtig gehalten wurden.

Der Wille, den verbandsinternen Streit um mögliche Reformen und um die Tendenzausrichtung beizulegen, wird auch in einem Artikel aus dem Jahr 1924 deutlich. Der Autor bezeichnet es als Notwendigkeit, nach den vergangenen Jahren der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu einer einheitlichen Verbandslinie zurückzufinden und weitere Streitereien aus dem Wege zu räumen: "Unbedingte Voraussetzung einer ersprießlichen Tätigkeit im Sinne der KC-Ideale [ist] der ehrliche Wille zur Gemeinschaft."(179)

Eine weitere Reformbewegung innerhalb des KC entstand 1929, wiederum ausgehend von einigen alten Herren. Auch hier stand wieder die Frage nach der Bedeutung des Komments im Vordergrund, und auch hier wurde die Frage der Satisfaktionsverweigerung durch die völkisch orientierte Studentenschaft zum auslösenden Moment, wie aus dem folgenden Textauszug zu erkennen ist:

"Dem K.C. ist sein ursprüngliches Betätigungsfeld, die Bekämpfung des Antisemitismus in der Studentenschaft mit der blanken Waffe, genommen. Auf den Willen und die Fähigkeit, antisemitischen Beleidigungen mit Mut und geübter Faust entgegentreten zu können, stützte sich früher im wesentlichen das Selbstbewußtsein des K.C.er. (...) Eine weitere Umstellung erscheint unausbleiblich. Unpolitisch können wir nicht bleiben, wenn das unzweideutig geäußerte und betätigte Bekenntnis zum neuen Staat und zu den ihn stützenden Parteien als politische Betätigung anzusehen ist." (180)

Besonders der Anspruch auf eine Politisierung der KC-Arbeit charakterisiert hier die Differenzen, die es innerhalb des KC gab, und bringt die mit der Zeit veränderten Vorstellungen über die Arbeit des Verbands zum Ausdruck. Noch 1921 hat es in einem Artikel zu demselben Thema geheißen: "Unser Neutralitätsparagraph lehnt mit vollem Recht den Drill für irgend eine bestimmte, sei es religiöse, sei es politische Richtung des Judentums ab. Wir wollen wenigstens in unserem engen Gebiet keinerlei Politisierung des Studenten, deren verderbliche Wirkung in der Allgemeinheit gerade heutzutage auf deutschen Hochschulen (...) deutlichst genug zu spüren ist." (181)

Die Reformvorstöße in dieser Zeit stellten aber nicht nur die satzungsmäßige Neutralitätsverpflichtung des KC in Frage, sondern es wurden darüber hinaus konkrete Vorschläge zur Reform des Kommentwesens eingebracht. Die Vorschläge von 1929 enthielten als wichtigste Punkte: (1.)Die Abschaffung sogenannter Verabredungsmensuren innerhalb und außerhalb des KC. (2.)Die völlige Aufhebung des Trinkzwangs. (3.)Jede einzelne KC-Verbindung sollte eigenverantwortlich über die "Couleurfrage", d.h. die Frage des Farbentragens, entscheiden können. (4.) Der gemeinschaftliche KC-Geist sollte stärkeres Gewicht in der Arbeit der einzelnen Verbindungen erhalten.(182)

Ähnliche Anträge waren zwar schon zuvor im Januar 1929 auf dem KC-Tag im wesentlichen abgelehnt worden(183) . Trotzdem machen sie aber die Tendenz deutlich, daß ein Teil der KC-Mitglieder ein Umdenken in der Frage des Kommentwesens anstrebte und sich für eine stärkere Betonung der jüdischen Tendenzerziehung aussprach. Offensichtlich hatten die zunehmenden Satisfaktionsverweigerungen und die Zunahme völkischer Tendenzen innerhalb der Studentenschaft dazu geführt, daß ein weiterhin starkes Festhalten der KC-Verbindungen am traditionellen Kommentwesen für nicht mehr sinnvoll erachtet wurde.

Einen erneuten Kompromiß formulierte schließlich 1930 Ludwig Holländer in einer Rede, in der er die unterschiedlichen Standpunkte zu vereinen versuchte. Er skizzierte hier vier Säulen, auf denen der KC gebaut ist. Zwei dieser Säulen, die "Freundschaft" und Selbstzucht und "Ehrenhaftigkeit" sind deutlich an dem studentischen Idealbild der deutschen Gesellschaft orientiert und verkörpern somit die Komment-Richtung, während die beiden anderen Säulen sich an den jüdischen Erziehungszielen des KC orientieren. Holländer bezeichnet diese als "Wehrhaftigkeit" und "praktische Verwirklichung des Idealismus". Mit Wehrhaftigkeit meint er eine "innere Wehrhaftigkeit, die nicht allein beruht in Kenntnissen, in Wissen, sondern beruht in der inneren Stärke und in der inneren Entschlossenheit." (184) Hierin drückt Holländer das wesentliche Ziel der Tendenzerziehung jüdischer Studenten im KC aus.

Im letzten Punkt, der "praktischen Verwirklichung des Idealismus", bezieht Holländer sich auf das jüdisch- religiöse Ideal des "Zaddik"(185). Ziel dieses Ideals, so Holländer, ist "nicht nur ein Mensch, der Gerechtigkeit liebt und gerecht ist, sondern ein Mensch, der nicht nur von Wohlwollen erfüllt ist, sondern der ein Wohlwollen hat für seinesgleichen." (186)

Holländer vereint in diesen vier Säulen somit die Ideale des studentischen Traditionalismus und Korporatismus mit denen der KC-Tendenzerziehung und einem religiösen Ideal des Judentums zu einer ganzheitlichen Grundlage der KC-Arbeit. Gleichzeitig beschwört er den gemeinsamen Geist, der die Verbindungen im KC vereint und der über diesen Sachstreit hinweghelfen sollte.

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  179. Walter Rosenfeld: Gegenwartsaufgaben des KC, in: KC-Blätter, Januar-April 1924, Seite 6

Zurück zum Text  180. Bernhard Strauch: Positives Judentum im KC, in: KC-Blätter, Dezember 1929, Seite 34

Zurück zum Text  181. Arnold Lazarus: Erzieherische Aufgabe des KC, in: KC-Blätter, Juli/August 1921, Seite 109

Zurück zum Text  182. Siehe dazu: Asch, Seite 126 - 128

Zurück zum Text  183. Ebenda, Seite 126

Zurück zum Text  184. Ludwig Holländer: Rede auf dem Kommers, in: KC-Blätter, Mai/Juni 1930, Seite 68

Zurück zum Text  185. Der Begriff Zaddik" stammt aus dem Hebräischen (gerecht, Gerechter) und ist die Bezeichnung für einen wahrhaft frommen Menschen. Besondere Bedeutung hat der Begriff in der jüdischen Religion und Mystik.

Zurück zum Text  186. Ludwig Holländer: Rede auf dem Kommers, in: KC-Blätter, Mai/Juni 1930, Seite 70

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de