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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


6.2 Stellungnahmen innerhalb des KC zum Antisemitismus in Gesellschaft und Studentenschaft

Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen dem KC und dem CV ist im Rahmen dieser Arbeit bereits in Abschnitt V.2.1 dargelegt worden. Diese Verbindung bestätigt sich auch, wenn man die Ziele beider Verbände im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus vergleicht.

Die Stellung des KC diesbezüglich läßt sich durch zwei Hauptmerkmale charakterisieren. Zum einen sah sich der KC in einer liberalen Tradition stehend und baute darauf, den antisemitischen Vorwürfen durch sachliche Argumentationen entgegenzutreten. In einem Artikel der KC-Blätter aus dem Jahr 1925 heißt es dazu, daß den Vorwürfen von zionistischer und antisemitischer Seite verstandesmäßig gegenübergetreten werden müsse und daß man nicht nur auf der Ebene von Gefühlen argumentieren dürfe. Zur allgemeinen Tendenz der Abwehrarbeit schreibt der Verfasser: "Auch der Kampf gegen unsere völkischen Gegner, mögen sie hitlerisch oder zionistisch sein, ja unsere gesamte Stellung als Juden fordert ein Zurückgreifen auf Formen, wie sie uns die Kultur des Liberalismus übermittelt hat." (187)

Das zweite Hauptmerkmal der KC-Abwehrarbeit lag in der Einschätzung, daß der Antisemitismus in der nach wie vor nicht vollständig geglückten Assimilation der Juden in die deutsche Gesellschaft begründet liege. Daraus schloß man, daß nur eine starke Betonung des eigenen Deutschtums und der Zugehörigkeit zur deutschen Nation eine endgültige Assimilation und somit einen Sieg über den Antisemitismus bewirken könne.

Über die nach wie vor bestehende Sonderstellung der Juden, die, so die Meinung des Autors, den Antisemitismus als Reaktion hervorrief, heißt es in einem Artikel aus dem Jahr 1925: "Was ist Antisemitismus? Mit einem Worte ausgedrückt: ein Fremdheitsgefühl. Fremdes gilt allgemein als minderwertig. Minderwertiges mißachtet man. Mißachtung drückt sich aus in Fernhaltung, Absonderung und in Beschimpfung. Ferngehaltenes - so rundet sich der Kreislauf - scheint fremd. (...) Die Schwäche der jüdischen Deutschen liegt in ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft. (...) Bilden nicht vielleicht die jüdischen Deutschen so etwas, daß man eine Art Staat im Staate nennen könnte, oder richtiger noch eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft? Sind hier nicht noch Überreste des Ghettos zu tilgen?" (188)

Trotz dieser Erkenntnis, daß die Juden noch immer eine Sonderstellung einnahmen, bestand eine sehr positive Meinung im Hinblick auf die eigenen Möglichkeiten, den Antisemitismus zu widerlegen. Insbesondere glaubte man, daß eine vollständige Eingliederung der Juden in die deutsche Gesellschaft aus eigener Kraft zu erreichen sei, und genau in diesem Weg sah man von jüdischer Seite die beste Möglichkeit, den Antisemitismus zu entkräften.

Dieser Glaube an eine sachliche Bekämpfung und Widerlegung des Antisemitismus findet sich sehr konzentriert in einem Artikel aus dem Jahr 1929. Hierin heißt es unter anderem: "Kulturantisemitismus ist an sich nicht zu widerlegen. Zwei verschiedene Anschauungen prallen aufeinander und man streitet sich um Begriffe. Es gibt nur ein Mittel, um zu einer Einigung zu gelangen. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen, an den gesunden Menschenverstand appellieren,(...). Nunmehr wird auch die kulturelle Einbürgerung Ereignis werden, und wenn uns von andersgläubiger Seite dann noch entgegengehalten wird, daß wir die deutsche Kultur doch nicht einfach über Nacht erwerben könnten, so halten wir dem unsere fast 2000jährige Verbundenheit mit dem deutschen Vaterlande entgegen, und man wird einsehen, daß wir deutsche Juden einen auch durch Geschichte, Kultur und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Vaterlande unlöslich verbundenen Volksteil bilden."(189)

Die Parallelen zur Abwehrarbeit des Centralvereins werden deutlich, wenn man die Analyse der CV-Abwehr von Arnold Paucker (190) heranzieht. Paucker nennt hier als zentrale Elemente der Abwehrarbeit des CV den historischen Beweis der "Sündenbockrolle", in die die Juden immer wieder gedrängt wurden sowie die Widerlegung des Minderwertigkeitsarguments gegen die Juden durch den Nachweis des jüdischen Anteils an der deutschen Kultur.

Dieses gilt insbesondere auch für den Bereich des Sports, wo der CV bemüht war, den Vorwurf der Unsportlichkeit und Untüchtigkeit durch zahlreiche Aktivitäten und durch gezieltes sportliches Training zu widerlegen. Das gleiche Verhalten ist bereits auch für den KC nachgewiesen worden. Vor der zunehmenden Satisfaktionsverweigerung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war aus den selben Gründen besonderes Gewicht auf die Fechtausbildung der Studenten gelegt worden, später dann verlagerte sich dies zu einer allgemeinen körperlich-sportlichen Schulung.(191)

Ein weiteres zentrales Element war die starke Betonung der eigenen nationalen Gesinnung und nach dem Ersten Weltkrieg auch der Nachweis über Kriegsopfer aus den eigenen Reihen als "Beweis" für den eigenen, uneingeschränkten Patriotismus.(192)

Und wie dies für die Arbeit des KC galt, so stellt Paucker auch als wichtigstes Prinzip der Abwehrarbeit des CV wie folgt heraus: "Der Verzicht auf billige Demagogie galt als oberstes Gesetz, und keine Behauptung sollte unter dem Namen des CV ins Land gehen, die nicht durch Unterlagen erhärtet werden konnte." (193)

Als Hauptkritikpunkt an der Abwehrarbeit von CV und auch KC ergibt sich in der Literatur die, wie Paucker es formuliert, "theoretische Begrenztheit seiner Antisemitismus-Analyse".(194)

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Zurück zum Text  187. Ernst Goldschmidt-Offenbach: Unsere kulturelle Kampfstellung, in: KC-Blätter, Januar-März 1925, Seite 6

Zurück zum Text  188. Herbert Fiegel: Wofür fechten wir?, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, Januar 1925, Seite 2-3

Zurück zum Text  189. Gerhard Jacobsohn: Kulturantisemitismus, in: KC-Blätter, März-August 1929, Seite 25

Zurück zum Text  190. Arnold Paucker: Der jüdische Abwehrkampf, in: Karl-Heinz Janßen, Werner Jochmann, Werner Johe, Bernd Nellessen (Hrsg.): Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte, Band IV, Hamburg 1969

Zurück zum Text  191. Vergleiche dazu auch Abschnitt V.1. und VI.1.

Zurück zum Text  192. Siehe zu diesem Abschnitt: Paucker, Der jüdische Abwehrkampf, Seite 63-69

Zurück zum Text  193. Ebenda, Seite 72/73

Zurück zum Text  194. Paucker, Die Abwehr des Antisemitismus, Seite 151

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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