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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Der Antisemitismus wurde zurückgeführt auf soziologische Probleme zwischen der deutschen Mehrheit und der jüdischen Minderheit mit ihren Sonderheiten. Es fehlte aber die Einsicht, daß die Ursachen auch mit in der Psychologie der deutschen Gesellschaft lagen und somit nicht nur kausal auf Verhalten und Stellung der Juden zurückzuführen waren.

Winnecken erklärt das Aufkommen des modernen Antisemitismus im Kaiserreich damit, daß nach der vollendeten Reichsgründung das große deutsche politische Ideal des 19. Jahrhunderts, die nationale Einheit, erreicht war und nun eine "Welle des Unbehagens, ausgelöst durch soziale Mißstände, Kulturkampf und Wirtschaftskrise" als "Nährboden für rassistisches Gedankengut" (195) entstand. Winnecken sieht in diesem Zusammenhang dann auch den Antisemitismus nicht als eine Folge der aufgekommenen Judenfrage" an, sondern er schließt umgekehrt, daß erst der Antisemitismus die "Judenfrage" in der Wilhelminischen Gesellschaft aufgebracht hat.(196)

Der moderne Antisemitismus entwickelte sich so zu einem neuen politischen Ideal, das mit seinen völkischen und rassentheoretischen Inhalten an die Stelle der Idee von der Deutschen Nation trat.

Auch Paucker kommt zu dem Schluß, daß die unvollständige Antisemitismusanalyse die Wirkung der Abwehrarbeit prinzipiell beschränkte.

Er schreibt dazu: "Man darf wohl bezweifeln, ob die jüdische Apologetik mit ihren sorgfältigen Erklärungsversuchen der historischen Gründe imstande war, Eindrücke zu widerlegen, die man sich aufgrund der zweifellos unverhältnismäßigen Prominenz der Juden auf bestimmten Gebieten des deutschen Lebens gebildet hatte." (197)

Daneben stellt er als zweiten Grund des Scheiterns heraus, daß die Zielgruppe, an die sich die Argumentation der jüdischen Verbände richtete, das "humane, liberale Bürgertum" (198), immer weiter an gesellschaftlichem Einfluß verlor, während auf der anderen Seite die "gefühlsmäßige Gegenattraktion" (199) fehlte, um die große Menge der Deutschen anzusprechen. In diesem Punkt spricht er sich also deutlich gegen das Prinzip von CV und KC aus, den antisemitischen Vorwürfen nur mit Sachargumenten zu begegnen.

Das grundlegende Prinzip, daß der Antisemitismus im historischen Kontext eine bestimmte gesellschaftspolitische Funktion übernahm, findet sich auch in der Analyse des Antisemitismus der Studentenschaft in der Weimarer Republik bei Hammerstein. Er schreibt in diesem Zusammenhang: "Die antidemokratische Grundhaltung vieler Studenten ging insbesondere bei Korporationen häufig eine Verbindung mit rassistisch-antisemitischen Vorstellungen ein. Modernitätskritik, Kritik an der Weimarer Republik, am Parteienstaat, Ängste vor akademischer Konkurrenz und sozialem Abstieg ließen vielfach antisemitische Klischees aufnehmen." (200)

Über die Schwierigkeiten, die der KC im Umgang mit modernen Formen des Antisemitismus noch in den letzten Jahren des Kaiserreichs hatte, heißt es in einem Artikel von 1910: "Der Antisemitismus hat es leider fertig gebracht, gesellschaftsfähig zu werden.(...) Weil diesem Feinde ganz und gar nicht mit mutiger Wehr und schneidiger Waffe beizukommen ist, weil er sich überall versteckt, wo man ihn zu fassen versucht, darum ist es den Angehörigen der Verbindungen im K.C. oft so außerordentlich schwierig, sich in diese Sachlage hineinzufinden." (201)

In diesem Zusammenhang schreibt der Autor auch, daß es einfacher gewesen sei, dem sogenannten "Radauantisemitismus" der 1870er und 1880er Jahre zu begegnen, da hier eine offene Konfrontation möglich gewesen sei, die im Duell ausgetragen werden konnte.

Der schon angesprochene Punkt, daß der Antisemitismus nach der Reichsgründung 1871 als neues politisches Ideal fungierte, fand auch Niederschlag in einem Artikel der KC-Blätter von 1912, in dem sich der Autor mit dem Antisemitismus innerhalb der Burschenschaften beschäftigte. Hier heißt es unter anderem: "Ein Jahrzehnt schwankte die Burschenschaft hin und her, ein Ziel wünschend und suchend. Da kündigte sich ein neues Gestirn an: der Antisemitismus, und ihm leistete sie freudig Gesellschaft." (202)

Ein letzter Punkt, der in diesem Zusammenhang erwähnt werden soll, ist die Argumentation des KC bezüglich der Aufnahme konvertierter Juden in die Burschenschaften. Diese Argumentation macht deutlich, wie von jüdischer Seite versucht wurde, dem Antisemitismus mit sachlich-logischen Argumenten zu begegnen.

Inhaltlich geht es in dem Artikel um den Widerspruch, daß die Burschenschaften, obwohl sie einen Rassenantisemitismus vertraten, konvertierte Juden aufnahmen. Dazu heißt es: "(...)der Grund zum Ausschluß der Juden war der Rassenantisemitismus; diese Grundlage hat die deutsche Burschenschaft aber verlassen, indem sie ihre ablehnende Haltung gegenüber solchen Juden aufgegeben hat und aufgibt, die zwar nicht mehr der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, aber ihre Rasse nicht abstreifen können. (...) Gerade daraus folgt aber nicht mehr und nicht weniger: Die beinahe 30semestrige Entwicklung hat den Beweis erbracht, daß die Burschenschaft das Recht auf Anführung des Rassenmoments verloren hat!" (203)

Konvertion als jüdische Reaktion auf die zunehmenden Diskriminierungen war, wie Endelmann schreibt, eine durchaus verbreitete Antwortstrategie: "On the eve of World War I, alongside Germany´s Jewish population of 620.000, there may have been as many as 100.000 converts and children and grandchildren of convents." (204)

Über die Gründe, die Juden zur Konvertion veranlaßt haben, und über die politischen Voraussetzungen, die diese Entwicklung verstärkt haben, schreibt Endelmann:

"Some of these responses where not heroic, for many Jews chose to flee from their Jewishness when antisemitism threatened to frustrate their careers or undermine their social standing. One of the most radical responses was to abandon the Jewish community altogether and convert to Christianity. (...) Most of these surges of apostasy were linked to the rise of political antisemitism in Central Europa after 1870 and to its exploitation by the Right in the years between the two world wars." (205)

Auch Paucker bezeichnet die Taufe als eine wichtige Möglichkeit für deutsche Juden, dem zunehmenden gesellschaftlichen Druck zu entgehen, um so die eigene berufliche und soziale Stellung wahren zu können. Paucker stellt in diesem Zusammenhang die Position des Centralvereins bezüglich des zunehmenden Phänomens Konvertion heraus. Der tiefe inhaltliche Zusammenhang zwischen Centralverein und KC, wie er bereits oben dargestellt wurde und wie er sich auch im folgenden Abschnitt bestätigen wird, läßt den Schluß zu, daß auch der KC auf einem ähnlichen Standpunkt stand, wie ihn Paucker für den CV darstellt. Er schreibt dazu: "Symptomatisch für die Haltung des Centralvereins ist die Militanz seines Auftretens für die Stärkung eines jüdischen Selbstbewußtseins und gegen die Taufbewegung." (206)

Der Schluß, daß der KC in dieser Frage auf einem ähnlichen Standpunkt gestanden haben wird wie der CV, scheint auch aus dem Grund stringent, da auch im KC das jüdische Selbstbewußtsein einen zentralen Stellenwert einnahm. Die Taufe als Flucht aus dem Judentum mußte somit klar abgelehnt werden, insofern konnte auch die Aufnahme konvertierter Juden in die Burschenschaften von Seiten des KC nur auf Kritik stoßen.

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Zurück zum Text  195. Andreas Winnecken: Ein Fall von Antisemitismus, in: Winfried Mogge (Hrsg.): Edition Archiv der deutschen Jugendbewegung, Band 7, Köln 1991, Seite 27

Zurück zum Text  196. Ebenda, Seite 27

Zurück zum Text  197. Paucker, Der jüdische Abwehrkampf, Seite 146

Zurück zum Text  198. Ebenda, Seite 145

Zurück zum Text  199. Ebenda, Seite 146

Zurück zum Text  200. Notker Hammerstein: Antisemitismus und deutsche Universitäten 1871 - 1933, Frankfurt a.M., New York 1995, Seite 95

Zurück zum Text  201. Carl Amberg: Die Judenfeindlichkeit der guten Gesellschaft, in: KC-Blätter, Dezember 1910, Seite 39

Zurück zum Text  202. Curt Bürger: Der Antisemitismus in der Studentenschaft, in: KC-Blätter, Mai 1912, Seite 153

Zurück zum Text  203. Paul Schindler: Die deutsche Burschenschaft und die Juden, in: KC-Blätter, Oktober 1910, Seite 10-11

Zurück zum Text  204. Todd M. Endelmann: Conversion as a Response to Antisemitism in Modern Jewish History, in:
Jehuda Reinharz (Hrsg.): Living with Antisemitism, Hanover and London 1987

Zurück zum Text  205. Ebenda, Seite 61-62

Zurück zum Text  206. Arnold Paucker: Zur Problematik einer jüdischen Abwehrstrategie in der deutschen Gesellschaft, Seite 515, in: Werner E. Mosse (Hrsg.): Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, Tübingen 1976, Seite 479-549

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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