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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


6.3 Das Verhätnis des KC zum Centralverein

Wie bereits in Abschnitt V.2.1 angesprochen, standen der CV und der KC nicht nur in einem außerordentlichen inhaltlichen Zusammenhang, der sich aus den Verbandszielen und der jeweiligen Klientel ergab, sondern die beiden Verbände waren darüber hinaus durch eine Überschneidung der Mitgliedschaften miteinander verbunden.

Prominentestes Beispiel für eine solche Doppelmitgliedschaft war - wie oben bereits erwähnt - Ludwig Holländer, der Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des KC und daneben - nach der Gründung des CV 1893 - Leitender Geschäftsführer des Centralvereins war.

In einem Artikel aus dem Jahr 1927 befaßt sich der Autor anläßlich Holländers fünfzigstem Geburtstag mit eben dieser angesprochenen inhaltlichen Verbindung beider Vereine und mit der Bedeutung von Doppelmitgliedschaften wie im Beispiel Ludwig Holländers.

Der Autor bezeichnet es als das Ziel der Verbindung Viadrina, die er als Ursprung des KC benennt, gegen die fortschreitende Diskriminierung der Juden und für eine selbstbewußte und entschlossene Verteidigung der eigenen Rechte einzustehen. In diesem Zusammenhang nennt er den Wahlspruch der Verbindung, "Nemo me impune lacessit!"(207), als zentrale Aussage des Verbindungsgedanken.

Über den engen Zusammenhang dieser Bewegung mit dem Centralverein heißt es in dem Artikel: "Aber auch in der jüdischen Bürgerschaft, an die sich die Viadrina gleichzeitig gewandt hatte, verhallte der Ruf nicht ungehört. Der am 1. Mai 1893 gegründete C.V., der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der nachgerade fast die ganze deutsche Judenheit umfaßt, ist der bürgerliche K.C.(...) Es ist somit das gleiche Pathos, das beide beseelt, die gleiche im höchsten Maße sittliche Idee, für die sie kämpfen " (208)

In diesem Zusammenhang formuliert der Autor dann auch die Aufgabe, die dem KC seiner Meinung nach in Verbindung mit dem CV zukommt und die in der Person Ludwig Holländers ihre Erfüllung findet. Sehr deutlich stellt er hierbei den Führungsanspruch des KC als akademischen Verbands heraus: "Die Universität ist eine hohe Vorschule für das Leben und Wirken in der Nation und für die Nation. So ist auch der K.C. berufen, für den C.V. Führer zu erziehen.(...) Stellt aber die Leitung beider eine Personalunion dar, so darf unser K.C. stolz darauf sein. Sie beweist, daß er einen der seinen mit Erfolg dazu erziehen konnte. Das darf ein Vertreter der älteren Generation heute feststellen an einem der jüngeren Münchener Licaren Ludwig Holländer, dem Generaldirektor des C.V., dem glänzend erprobten Vorkämpfer, Organisator und Führer der deutschen Judenheit, von deren Sorgen einen nicht geringen Teil er in Kraft und Treue seit Jahrzehnten trägt, dessen Name ein Programm bedeutet, das Programm des K.C. zugleich und des C.V.." (209)

Den hier formulierten Führungsanspruch des KC innerhalb des CV bezeichnet Paucker als ein wesentliches Merkmal des Zusammenhangs zwischen beiden Verbänden und sieht darüber hinaus die studentische Bewegung, die in den KC mündete, als Voraussetzung für die Entstehung des CV: "Die führende Rolle der K.C.er im Centralverein ist verbürgt. Die militante Gärung unter den jüdischen Akademikern war mithin die geschichtliche Voraussetzung für den Gründungsprozeß. Durch sie wurden Führungs- Kader" für die breite Organisation jüdischer Selbstverteidigung gewonnen." (210)

Die obige Darstellung charakterisiert die wesentlichen Züge des Verhältnisses zwischen beiden Verbänden, wie es sich in den KC-Blättern darstellt. Dennoch sei hier eine zweite Stellungnahme erwähnt, die im Zusammenhang mit der Stellung zur zionistischen Bewegung steht. Der Autor nimmt hier Bezug auf eine Resolution des CV vom 3. März 1913, in der sich der CV von denjenigen Zionisten distanziert, die nicht für eine Lösung der bestehenden "Judenfrage" innerhalb der deutschen Gesellschaft stehen. Diese Resolution wird im Kontext des übernächsten Abschnitts noch genauer behandelt werden.

Der Autor begründet das Interesse des KC an dieser Resolution wiederum mit dem engen inhaltlichen Zusammenhang beider Verbände, wenn er schreibt: "Uns K.C.er interessiert diese Resolution in ganz besonderem Maße, weil sie erneut den Parallelismus unserer Organisation mit der des Zentralvereins belegt." (211)

Über die konkreten inhaltlichen Übereinstimmungen heißt es weiter: "Die körperliche, geistige und sittliche Erziehung der jüdischen Studenten, die Pflege des jüdischen Gemeinschaftsgefühls und aller jüdischen Werte, kurz, die Pflege alles dessen, was geeignet ist, die Liebe des deutschen Juden zu seiner jüdischen Gemeinschaft zu fördern, das sind und waren seit jeher die wichtigsten Aufgaben des K.C.(und in entsprechender Übertragung auf die bürgerlichen Verhältnisse auch die des Zentralvereins)." (212)

Der Autor kommt zu dem Schluß, daß es insbesondere der Verdienst dieser beiden Verbände gewesen sei, daß sich in Deutschland ein neues jüdisches Selbstvertrauen habe entwickeln können und die Zahl derjenigen, die ihrer jüdischen Kultur und Gemeinschaft gleichgültig gegenüberständen, immer kleiner werde.

Gleichzeitig sieht er aber eine Gefahr in der zionistischen Bewegung als Gegenpol zu dieser Entwicklung dergestalt, "daß gewisse Kreise bei der Pflege solcher selbstbewußten jüdischen Gesinnung das rechte Maß verloren haben und in das andere Extrem verfallen sind, daß sie dem Judentum in uns nur dann Genüge zu tun glauben, wenn sie das Deutschtum in uns abstreifen, daß sie also das Deutschtum zugunsten des Judentums aufgeben wollen."(213)

Hier wird ein interessantes Bild der deutschen jüdischen Gemeinschaft skizziert. Der Autor reduziert das Spektrum innerhalb des deutschen Judentums auf zwei Positionen: Auf der einen Seite diejenigen, die ihrem Judentum gleichgültig gegenüberstehen, und auf der anderen Seite - verkörpert durch CV und KC - diejenigen, die sich für die Rechte der Juden und das jüdische Selbstwertgefühl einsetzen. Der Zionismus wird in diesem Zusammenhang als ein überspanntes Nebenprodukt der zweiten Richtung dargestellt, das aber letztendlich von den gleichen Grundlagen ausgeht, diese nur übertrieben und falsch interpretiert.

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Zurück zum Text  207. B. Jacob: K.C. und C.V., in: KC-Blätter April- Mai 1927, Seite 44
( Übersetzung des Wahlspruchs: Niemand reizt mich ungestraft! )

Zurück zum Text  208. Ebenda, Seite 44

Zurück zum Text  209. Ebenda, Seite 45

Zurück zum Text  210. Paucker: Zur Problematik einer jüdischen Abwehrstrategie, Seite 485

Zurück zum Text  211. Dr. Krombach-Posen: Zentralverein und K.C., in: KC-Blätter, Mai 1913, Seite 165

Zurück zum Text  212. Ebenda, Seite 167

Zurück zum Text  213. Ebenda, Seite 167/168

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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