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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


6.5 Das Verhätnis des KC zur zionistischen Bewegung

"Der Kampf gegen zwei Fronten!" (219) Diese Überschrift eines Artikels aus dem Jahr 1913 charakterisiert das Verhältnis des KC zu der zionistischen Bewegung in sehr treffender Weise. Anhand verschiedener Beiträge zu Auseinandersetzungen zwischen dem KC und zionistischen Verbindungen sowie anhand einiger allgemeiner Beiträge zu den Differenzen zwischen beiden Bewegungen soll in diesem Abschnitt das wechselseitige Verhältnis untersucht werden.

Der Autor des bereits angesprochenen Artikels bezeichnet die zionistische Bewegung als zweite große Gefahr für den KC und stellt sie in diesem Zusammenhang mit der völkisch-antisemitischen Bewegung auf eine Stufe.

Der KC, so der Autor, entstand aufgrund der antisemitischen Gefahren innerhalb der Gesellschaft und stand in den ersten Jahren als Abwehrverein für das gesamte Judentum ein. "Deshalb" so schreibt er weiter, "war die Stellung des K.C., mag sie rein tatsächlich auch noch so sehr zu heftigen Zusammenstößen mit den judenfeindlichen Elementen der Universitäten geführt haben, eine relativ einfache und deshalb taktisch glückliche." (220)

Eine Gleichsetzung des Zionismus mit der völkisch-antisemitischen Bewegung erfolgt nun in zweierlei Punkten. Zum einen stellt der Autor den Zionismus mit dem Antisemitismus als Gegner des KC auf eine Ebene, wenn er schreibt: "Zu der Behauptung der Antisemiten, daß wir im K.C. keine rechten Deutschen seien, ist nun von gewissen Seiten die Behauptung hinzugetreten, daß wir keine rechten Juden seien." (221)

Zum anderen stellt er aber auch eine inhaltliche Verbindung zwischen den Argumenten beider Richtungen her und folgert schließlich, daß der KC in seinem Kampf nun gleichermaßen gegen den Antisemitismus wie gegen den Zionismus antreten müsse:

"In völliger Verkennung des Unterschiedes zwischen den Begriffen "Rasse" und "Nation" behauptet der Nationaljude von sich selbst, er sei ein Fremdling, weil er kraft seiner Rasse nur mit Juden zusammen eine Nation bilden könne. Er kommt zu dem selben Resultat wie der extreme Antisemit.(...)
Wir bestreiten aber die Richtigkeit des Ausgangspunktes und wir wehren uns, wie wir uns früher gegen die Antisemiten allein wehren mußten, gegen den Vorwurf der Nationaljuden, wir seien nicht positiv jüdisch, durch den Hinweis, daß wir keine Nationaljuden sein können, weil wir nicht bloß Juden sind."(222)

Das Spannungsfeld zwischen dem KC und der zionistischen Bewegung, das hier bereits angedeutet wurde, setzt sich in einer Reihe von Beiträgen zu einer Auseinandersetzung zwischen dem KC und dem BJC fort, auf die im folgenden exemplarisch eingegangen werden soll.

In den KC-Blättern aus dem Juni 1912 erschien eine erste Reaktion auf eine vorausgegangene Auseinandersetzung zwischen beiden Verbänden. Konkreter Auslöser für den Streit war, so schreibt der Autor, eine Verrufserklärung an eine BJC-Verbindung durch eine KC-Verbindung in Freiburg. Die betroffene BJC-Verbindung fühlte sich dadurch in ihrer studentischen Ehre verletzt, und die Auseinandersetzung spitzte sich zu. Dem Artikel zufolge erhob der BJC dem KC gegenüber folgenden Vorwurf: "Verletzung akademischer Sitten, Verwendung von Mitteln, mit denen sich politische Parteien bekämpfen, wenn die Leidenschaft der Wahlagitation alle Zügel gelockert hat." (223)

Gleichzeitig wirft der Autor dem BJC unangemessene Härte in der Form der Auseinandersetzung vor, wenn er schreibt: "Das Traurige ist, daß das Präsidium des B.J.C. sich seine maßlos provozierende und unter studentischen Verbänden noch nicht dagewesenen Sprache herausnimmt, weil es glaubt, sich uns gegenüber als einem jüdischen Korporationsverband erlauben zu dürfen, was es einem nicht-jüdischen Verband gegenüber sich niemals erlauben würde."(224)

Das die Auseinandersetzung zwischen beiden Verbänden einen besonderen Stellenwert einnahm, läßt sich auch daran erkennen, daß im März 1913 eine Erklärung des Geschäftsführenden Ausschusses des KC bezüglich des BJC auf der Titelseite der Ausgabe der KC-Blätter veröffentlicht wurde. Die genauen Hintergründe der in dieser Erklärung kommentierten Ereignissen lassen sich hier nicht klären, vielmehr ist die Erklärung aber ein weiteres Beispiel für die Art der Auseinandersetzung und für die rauhen sprachlichen Umgangsformen. Unter anderem heißt es in dieser Erklärung:

"Der B.J.C. hat es für notwendig erachtet, seinen Unmut über die Aufdeckung seiner hinterhältigen Absichten gegen den K.C. zum Gegenstande einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Diebstahls und Verletzung des Urheberrechts zu machen. Dieses Vorgehen bezeichnet der B.J.C. als ein Erfordernis, um einzuschreiten gegen "niederträchtige Kampfesweise" und "unanständige Gesinnung", welche er anderen und uns unterstellt.(...) Wir sind nicht gewillt, auf das Niveau derartiger Anschauungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesinnung hinabzusteigen." (225)

Ein weiterer Artikel zu dieser Auseinandersetzung, verfaßt von Ludwig Holländer im Namen des Geschäftsführenden Ausschusses im November 1912, wirft ein Argument auf, das vielleicht die Heftigkeit des Streites zum Teil erklären kann.

Wie Eloni schreibt, entwickelten sowohl der KC und CV als auch die zionistischen Verbände einen Gesamtvertretungsanspruch für das deutsche Judentum im Abwehrkampf gegen antisemitische Tendenzen(226). Da sich beide Richtungen in der Lösung der bestehenden "Judenfrage" allerdings deutlich voneinander unterschieden, lag hierin ein Konfliktpunkt, beide Seiten wollten ihren Einfluß auf das deutsche Judentum und somit ihren Weg zur Lösung der "Judenfrage" stärken. Die Bedeutung des Gesamtvertretungsanspruchs wird aus dem Artikel Holländers deutlich, hierin heißt es:

"Wenn der B.J.C. seine Feindschaft gegen uns mit einer Pflicht, für die "wohlverstandenen" Interessen des Gesamtjudentums zu kämpfen, begründet, so möchten wir darauf hinweisen, daß die Anschauung der Herren vom B.J.C. über das "wohlverstandene Interesse" eine subjektive Ansicht bildet, und daß wir uns in unserer anders gearteten Auffassung von wohlverstandenen Interessen des Gesamtjudentums in guter Gesellschaft befinden." (227)

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Zurück zum Text  219. Ernst Hochschild: Der Kampf gegen zwei Fronten !, in: KC-Blätter, Januar 1913, Seite 81-84

Zurück zum Text  220. Ebenda, Seite 82

Zurück zum Text  221. Ebenda, Seite 82

Zurück zum Text  222. Ebenda, Seite 82/83

Zurück zum Text  223. Max Mainzer: K.C. und B.J.C., in: KC-Blätter, Juni 1912, Seite 166

Zurück zum Text  224. Ebenda, Seite 167

Zurück zum Text  225. Erklärung des Geschäftsführenden Ausschusses, in: KC-Blätter, März 1913, Seite 116

Zurück zum Text  226. Siehe dazu: Yehuda Eloni: Die umkämpfte nationaljüdische Idee, Seite 650-651, in:
Werner E. Mosse (Hrsg.): Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, Tübingen 1976, Seite 633-688

Zurück zum Text  227. Ludwig Holländer (für den G.A.): K.C. und B.J.C., in KC-Blätter, November 1912, Seite 37

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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