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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik 6.7 Der KC im Ersten WeltkriegDer Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 und die kurz darauf erfolgte Ankündigung des Kaisers Wilhelm II., in der er allen Deutschen unabhängig von ihrer Religion oder Parteizugehörigkeit Gleichberechtigung versprach(250), führte dazu, daß auch die deutschen Juden darauf hofften, im Kampf für die gemeinsame nationale Sache endgültig zu gleichwertigen deutschen Staatsbürgern zu werden. Auf jüdischer Seite entstand so eine große Bereitschaft zur Kriegsteilnahme, nicht nur auf Seiten der deutsch-jüdischen Mehrheit, sondern in gleichem Maße auch unter den Zionisten. War bisher die Frage nach der Stellung zum Patriotismus und deutschen Nationalismus als eine der zentralen in der Auseinandersetzung zwischen Zionisten und bürgerlich-liberalem Judentum herausgestellt worden, so verschwammen diese Unterschiede in der Phase des Ersten Weltkriegs. Asch schreibt in diesem Zusammenhang über die Motivation der deutschen Zionisten: "Die freiwillige und begeisterte Bereitschaft, das Leben für die Sache Deutschlands zu opfern, war nichts anderes als der drastische Ausdruck von unbedingtem Patriotismus und vaterländischer deutscher Gesinnung." (251) Als Beispiel für solchen Patriotismus auch unter den Zionisten läßt sich ein Aufruf
der ZVfD anführen. Hierin heißt es: "Deutsche Juden! In dieser Stunde gilt es
für uns aufs neue zu zeigen, dass wir stammesstolzen Juden zu den besten Söhnen des
Vaterlandes gehören. Der Adel unserer vieltausendjährigen Geschichte verpflichtet. Wir
erwarten, daß unsere Jugend freudigen Herzens freiwillig zu den Fahnen eilt.
Die unbedingte Bereitschaft auch von Seiten des KC, sich am Krieg zu beteiligen, kommt in einem Artikel der KC-Blätter aus dem August 1914 zum Ausdruck. Hierin heißt es: "Vielleicht wird uns aber die harte Notwendigkeit schon in den nächsten Tagen zwingen, mit den Waffen für unser Vaterland einzutreten. Alsdann werden wir Juden, wie es unsere Vorfahren in den früheren Kriegen getan haben, in Reih und Glied mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern mannhaft für unser geliebtes Vaterland zu fechten, zu bluten und vielleicht zu sterben wissen. (...) Freudig werden wir für unser Vaterland eintreten, sobald der Ruf an uns ergeht. Ein jeder wird sein höchstes daran setzen, als Jude und als Deutscher pro patria." (253) Bereits in der folgenden Ausgabe der KC-Blätter findet sich dann eine Mitteilung, die
über die sofortige freiwillige Mobilisierung vieler KC-Mitglieder berichtet. Zur
Situation kurz nach Kriegsbeginn heißt es hier: "Die gesamte Aktivitas der dem
K.C. angehörigen Berliner Verbindung Sprevia hat sich sofort nach Erlaß des
Mobilmachungsbefehls freiwillig zur Fahne gemeldet. Soweit Nachrichten hierher gelangt
sind, haben sich im ganzen Reiche die K.C.-Verbindungen in gleicher Weise dem Vaterlande
zur Verfügung gestellt. Auch konkrete Zahlen über die Kriegsbeteiligung von KC-Mitgliedern bestätigen das hier gezeichnete Bild: "Nach den bis 1. März 1916 eingegangenen Kriegsadressenmeldungen stehen von den 1000 Mitgliedern des K.C., unter Einrechnung der Gefallenen oder infolge Verwundung oder Erkrankung als dienstunbrauchbar entlassenen, 841 im Heeresdienste." (255) Daneben zählt der Artikel an militärischen Auszeichnungen für KC-Mitglieder auf: 37 Beförderungen zu Offizieren, 1 Eisernes Kreuz I.Klasse, 215 Eiserne Kreuze II.Klasse und 52 weitere Auszeichnungen. Auch nach Kriegsende 1918 ergab sich ein ähnliches Bild wie zwei Jahre zuvor: Von 1325 KC-Mitglieder hatten 1119 an den Kämpfen teilgenommen, 95 hiervon sind im Krieg gefallen, 27 weitere in Kriegsgefangenschaft geraten. Insgesamt sind aus den Reihen des KC 119 Soldaten zu Offizieren befördert worden, 68 wurden mit dem Eisernen Kreuz I.Klasse und 538 mit dem Eisernen Kreuz II.Klasse ausgezeichnet. Daneben gab es insgesamt 222 weitere militärische Auszeichnungen.(256) Die große Anteilnahme des KC und seiner Mitglieder am Krieg wird allerdings nicht nur
aus diesen Zahlen deutlich. Betrachtet man die Kriegsausgaben der KC-Blätter im
Überblick, so wird deutlich, daß der Krieg mit all seinen politischen, militärischen
und auch individuellen Problemen zum absolut dominierenden Thema innerhalb des KC und der
KC-Blätter geworden war. Eine Mitteilung der Redaktion der KC-Blätter in einer
vertraulichen Beilage aus dem Jahr 1917 macht deutlich, in welchem Ausmaß in dieser Zeit
die studentischen Themen innerhalb des Verbands gegenüber den Kriegsthemen in den
Hintergrund gedrängt wurden: "Vereinzelt sind Beschwerden darüber eingegangen,
daß die K.C.-Blätter das Studentische und das Persönliche zu wenig pflegen. Auch die
Redaktion steht nun auf dem Standpunkte, daß die K.C.-Blätter in erster Reihe ein
studentisches Organ seien, in dem der K.C.er zum K.C.er sprechen solle. Die Schwierigkeit
liegt aber darin, daß als Mitarbeiter für eine solche Richtung nur die K.C.er selbst in
Frage kommen, und daß sie - leider muß es offen ausgesprochen werden - nach dieser
Richtung hin völlig versagen. Die Artikel und Mitteilungen in den Kriegsausgaben der KC-Blätter machen insgesamt deutlich, daß es von jüdischer Seite einen großen Stolz auf die eigenen Leistungen im Krieg gab und daß die Frage nach der eigenen Stellung innerhalb der deutschen Gesellschaft unter diesem Gesichtspunkt recht positiv gesehen wurde. Trotz dieser großen Anteilnahme der deutschen Juden am Ersten Weltkrieg blieb der erhoffte Erfolg, die endgültige Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger durch die christliche Mehrheit, aus. Einen ersten Rückschlag erfuhren die Juden im Jahr 1916, als der deutsche Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn eine "Judenzählung" innerhalb der Streitkräfte veranlaßte. Ziel dieser Zählung war es, den Juden nachzuweisen, daß sie sich in geringerem Maße als Frontsoldaten zur Verfügung stellten als Nichtjuden und daß unter den Juden der Anteil an Kriegsuntauglichen höher sei als unter Nichtjuden. Das Ergebnis dieser Erhebung ist zwar niemals veröffentlicht worden, da keine signifikanten Unterschiede zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kriegsbeteiligung festgestellt werden konnten, die "Judenzählung" wurde aber zu einem Auslöser für zahlreiche Übergriffe gegen Juden in der deutschen Armee und löste eine neue antisemitische Welle aus (258) Auch innerhalb der deutschen Studentenschaft nahm der Antisemitismus gegen Kriegsende zu und blieb für die korporierten jüdischen Studenten nicht ohne Folgen. Bereits im Oktober 1918 wurde die Neugründung eines "Allgemeinen Deutschen Waffenringes" als Dachverband der satisfaktionsfähigen, waffentragenden Verbindungen beschlossen. Der wieder erstarkende Antisemitismus schlug sich in diesem neuen Waffenring deutlich nieder, wie schon aus einem Satz im ersten Paragraphen der Vereinssatzung zu erkennen ist. Dort heißt es: "Jüdische Korporationen, auch wenn sie dem Waffenringe angehörten, dürfen in ihm nicht verbleiben." (259) In der Folgezeit kam es schon sehr bald auch zu ersten Satisfaktionsverweigerungen durch den Waffenring an jüdische Studenten. Insgesamt läßt sich festhalten, daß die jüdischen Hoffnungen auf eine endgültige Gleichstellung durch ihre begeisterte Kriegsteilnahme enttäuscht wurden und spätestens mit der militärischen Wende des Krieges ab etwa 1916 der Antisemitismus innerhalb der deutschen Gesellschaft und auch in der Studentenschaft wieder erstarkte.
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