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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


6.8 Die Frage nach der Stellung des Frauen innerhalb des KC

Der im Rahmen dieser Arbeit behandelte Zeitraum ab ca. 1870 (260) fällt in etwa zusammen mit der Phase, in der Frauen an deutschen Universitäten als ordentliche Studierende zugelassen wurden. In Preußen als größtem deutschen Staat zum Beispiel erfolgte die Immatrikulationserlaubnis für Frauen 1908. Der Frauenanteil an den Universitäten stieg in den folgenden Jahren rasch an, und insbesondere der Anteil jüdischer Frauen war recht groß. Kaplan nennt in diesem Zusammenhang die folgenden Zahlen: Während der Anteil an Studentinnen unter den Studierenden im deutschen Kaiserreich allgemein 1909 2,2% und 1913/14 6% ausmachte, betrug der Frauenanteil unter den jüdischen Studierenden zu dieser Zeit 10%. Insgesamt waren zu dieser Zeit 21,7% aller studierenden Frauen in Deutschland jüdisch, während der jüdische Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung nur etwa 1% ausmachte.(261)

Ähnlich wie bei den Männern lassen sich hierbei die besondere jüdische Sozialstruktur mit einem hohen Anteil bürgerlicher Familien sowie das spezifisch jüdische Bildungsideal als Gründe für den großen Anteil studierender jüdischer Frauen anführen.(262)

Trotz eines raschen Anstiegs der Immatrikulationszahlen von Frauen an deutschen Universitäten hatten diese mit erheblichen Vorurteilen und Widerständen von Seiten der Professoren und männlichen Kommilitonen zu kämpfen. Frauen führten ein Studentenleben, das in keiner Weise mit dem der männlichen Studierenden zu vergleichen war. Einer der wesentlichen Unterschiede bestand darin, daß die großen akademischen Organisationen wie etwa die Korporationen oder andere Verbindungen für Frauen geschlossen blieben. Die Studentinnen waren damit, wie Kaplan schreibt, zu einem großen Teil auf sich allein gestellt und konnten nicht die Hilfe einer Studentenverbindung in Anspruch nehmen. Alle Formen von studentischer Geselligkeit und sozialem Leben fanden nur auf einer persönlichen Ebene statt.(263)

Erste Organisationen studierender Frauen ließen vor diesem Hintergrund nicht lange auf sich warten, und so wurde 1906 der Verband der studierenden Frauen Deutschlands" als Dachverband der bis dahin bereits bestehenden Organisationen gegründet. Der "Verband der studierenden Frauen Deutschlands" war politisch neutral und auch konfessionell für alle Richtungen offen. Zehn Jahre später umfaßte der Verband, jetzt unter dem Namen "Verband der Studentinnenvereine Deutschlands", reichsweit bereits 20 Ortsgruppen und war Mitglied im Bund Deutscher Frauenvereine".(264)

Der in dieser Zeit immer weiter zunehmende Anteil studierender Frauen und auch der damit zusammenhängende steigende Organisationsgrad führten auch innerhalb des KC zu einigen wenigen Stellungnahmen zu diesem Thema. Der KC selbst und die in ihm vereinten Verbindungen blieben als "klassische" Verbindungen rein männliche Organisationen. Auch fand, soweit sich dies aus den KC-Blättern ablesen läßt, niemals eine Diskussion statt, ob man von diesem Standpunkt abrücken und den Verband für Frauen öffnen sollte.

Insgesamt finden sich im Erscheinungszeitraum der KC-Blätter von 1910 bis 1933 nur drei Artikel, die sich mit dem Thema "Frauen innerhalb des KC" befassen. Die Aussagen dieser Artikel können somit keineswegs als repräsentativ angesehen werden. Gleichzeitig läßt dies aber auch erkennen, daß innerhalb des Verbandes kein großer Diskussionsbedarf über das Thema bestanden zu haben scheint. In einem ersten Artikel aus dem Jahr 1911 wird die Rolle der Frau im KC beschrieben. Der Autor fordert hier zwar eine stärkere Involvierung der Frauen in die Ziele und Inhalte der KC-Ideale, eine Mitgliedschaft von Frauen lehnt er aber wie auch jede andere Form von Frauenorganisation strikt ab. Über die klassische Rolle der Frau innerhalb des Verbandes und über eine stärkere Beteiligung der Frauen an den KC-Inhalten heißt es: "Sie ist eine angenehme Beigabe unserer Festlichkeiten, bekommt an ihrem Hochzeitstage das hübsche bunte Band umgehängt und fungiert zuletzt etwa noch als weniger angenehme, aber nötige Anstandsdame - voila tout. (...) Laßt die Frau teilhaben an Eurer Literatur, gebt ihr diese Blätter in die Hand. Der Gatte lehre seine Frau, der Vater seine Tochter, der Bruder seine Schwester im K.C. etwas anderes sehen als ein Tanzkränzchen. Er lehre sie darin sehen das redliche Streben einer unterdrückten Gemeinschaft von Männern und Frauen nach Gleichberechtigung und die tapfere Bemühung, diese Gleichberechtigung zu verdienen." (265)

Die beiden anderen Artikel aus den Jahren 1913 und 1932 geben Auskunft darüber, inwieweit zumindest ein Teil der Frauen von KC-Mitgliedern sich mit dem Verband identifiziert und die ihnen zugesprochene Rolle übernommen haben.

Besonders deutlich wird hieraus, daß zumindest diese Autorinnen auf der einen Seite zwar voll hinter den Idealen und Zielen des KC stehen, sich also bewußt für ein selbstbewußteres Judentum als Bestandteil der deutschen Gesellschaft aussprechen, daß sie aber auch gleichzeitig ihre eigene Rolle im Hintergrund als Mütter und Ehefrauen und nicht etwa als aktive Verbandsmitglieder sehen. Dementsprechend behandeln beide Frauen in ihren Beiträgen lediglich die Frage, wie man die Arbeit des KC effektiver gestalten kann und wie speziell die Ehefrauen in ihrer Erzieherrolle dabei helfen können und davon profitieren können. In dem Artikel aus dem Jahr 1913 heißt es dazu: "Unsere Frauen und Mädchen müssen imstande sein, den andersgläubigen Deutschen, den Christen, wie den andersgläubigen Juden, den Zionisten, ihren rechten, echten jüdischen deutschen Standpunkt erfolgreich auseinanderzusetzen. Wie ist dies zu erreichen?
Durch ständige Propagierung des K.C.-Gedankens auch den Frauen gegenüber.
Es sei eine Ehrenpflicht jedes K.C.-ers, seine Frau, seine Lebensgefährtin an unseren vitalsten Interessen teilnehmen zu lassen, sie geistig und charakterlich so hoch zu stellen, daß sie wirklich seine Kampfesgenossin sein kann, seine gleichgestellte Beraterin, der er mit derselben Hochachtung und Verehrung gegenübertritt, wie sie ihm, der er voll Vertrauen die Erziehung seiner Kinder übergeben kann, die ja immer zum großen Teil in den Händen der Mutter liegt."
(266)

Auch die Autorin des letzten Artikels aus dem Jahr 1932, selbst Ehefrau eines KC-Mitglieds, beschreibt hier aus ihrer Sicht die Aufgabe der Frauen innerhalb des KC, kommt aber mit keinem Wort auf die Möglichkeit einer aktiven Mitgliedschaft von Frauen im KC oder andere mögliche Formen einer eigenen Frauenorganisation zu sprechen. Sie kommt zu folgendem Schluß: "Die KC-Frau hat als Mutter, wenn sie es mit unseren Zielen ernst meint, die Pflicht, ihre heranwachsenden Söhne im Geiste des K.C. zu erziehen, so daß, falls einer die Hochschule bezieht, die Beantwortung der Frage, ob der Junge K.C.er wird, eigentlich selbstverständlich ist.(...)Ich möchte daher zum Schluß allen KC-Frauen und Schwestern die Wichtigkeit ans Herz legen, die nach meinen obigen Auslassungen darin besteht, daß wir unsere Männer und Brüder stets in ihrer Arbeit für den KC unterstützen und daß wir unsere Söhne in dem Sinne erziehen, daß auch sie die Ideale ihrer Väter zu vertreten imstande sind." (267)

Die Ergebnisse dieses Abschnitts müssen noch einmal relativiert werden, da die Quellengrundlage von insgesamt nur drei Artikeln innerhalb von 23 Jahren sehr schlecht ist. Darüber hinaus wäre zu hinterfragen, ob Artikel, die eine aktive Frauenmitgliedschaft im KC oder eine eigene Frauenorganisation in der KC-Tradition fordern, überhaupt in den KC-Blättern abgedruckt worden wären. Das Bild, das sich aus dem vorhandenen Material ergibt, scheint jedoch sehr einheitlich zu sein.

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Zurück zum Text  260. Vergleiche dazu auch: Kapitel I.

Zurück zum Text  261. Marion A. Kaplan: Jüdisches Bürgertum. Frau, Familie und Identität im Kaiserreich, Hamburg 1997, Seite 191

Zurück zum Text  262. Zum Anteil jüdischer Männer an der Studentenschaft vergleiche insbesondere Abschnitt II.1.3.

Zurück zum Text  263. Siehe dazu: Kaplan, Seite 200-203

Zurück zum Text  264. Ebenda, Seite 204/205

Zurück zum Text  265. Leo Löwenstein: Die Frau und der K.C., in: KC-Blätter, Oktober 1911, Seite 9/10

Zurück zum Text  266. Franziska Goldschmidt: Die Frauen und der K.C., in: KC-Blätter, September 1913, Seite 234/235

Zurück zum Text  267. Erna Zweig: Frauen in der KC-Arbeit?, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, April-Mai 1932, Seite 5

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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