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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


6.9 Die nationalsozialistische Bewegung aus Sicht des KC

Schon etwas früher als auf politischer Ebene konnte sich die nationalsozialistische Bewegung innerhalb der deutschen Studentenschaft durchsetzen.

Wie Asch schreibt, gewann die hitlerisch geprägte, völkische Bewegung innerhalb der deutschen Studentenschaft seit 1929 stark an Einfluß(268), und bereits 1931 konnte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) unter der Führung Baldur von Schirachs die alleinige Führung innerhalb der Deutschen Studentenschaft (DSt), der 1919 gegründeten Gesamtvertretung der deutschen Studenten im Reich, in Österreich und im Sudetenland, übernehmen. Schindler spricht in diesem Zusammenhang von einer frühzeitigen "Machtergreifung" (269) des NSDStB innerhalb der DSt.

Diese Durchsetzung der völkischen Bewegung war der Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit Ende des Ersten Weltkrieges in der deutschen Studentenschaft kontinuierlich abzeichnete. Besonders im Korporationswesen setzte sich seit 1918 erneut ein radikaler Rassenantisemitismus durch, und seit den 20er Jahren gewann das "Arierprinzip" hier immer stärker an Bedeutung. So kam es innerhalb der Deutschen Burschenschaft 1920 zu einem Beschluß, Studenten, die mit einer Jüdin oder einer farbigen Frau verheiratet waren, aus der Burschenschaft auszuschließen, und der Waffenring ADW beschloß 1919 wie bereits erwähnt, jüdischen Studenten die Waffen zu verweigern.(270)

Asch berichtet darüber hinaus in seiner Arbeit im Zusammenhang mit der völkischen Bewegung innerhalb der deutschen Studentenschaft von zahlreichen Beispielen über "rüpelhafte und gewalttätige Angriffe ihrer Anhänger gegen die Republik und die jüdischen Studenten und jüdischen Professoren." (271)

Diese Entwicklungen wurden auch von Seiten des KC sehr genau beobachtet. In einem Artikel aus dem Jahr 1931 untersucht der Autor den Zusammenhang der verschiedenen studentischen Verbände mit dem Nationalsozialismus. Insbesondere der Deutschen Burschenschaft und den Deutschen Landsmannschaften bescheinigt er hier, "fast hundertprozentig zur akademischen Legion Hitlers"(272) geworden zu sein. Bei den Korpsverbänden hingegen sieht er eine allgemeine Zurückhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus und eine starke Betonung der eigenen politischen Neutralität.(273)

Insgesamt beschreibt der Autor das Verhältnis des KC zur nationalsozialistischen Bewegung wie folgt: "Die Erfahrung unserer Tage hat gezeigt, daß in unserer Einstellung zum Nationalsozialismus auf eine Periode der Sorglosigkeit die Zeit einer schockhaften Erschütterung folgte, die ihrerseits wieder abgelöst zu werden scheint durch eine gewisse Euphorie. Heute scheint sich nun wieder alles, was der nationalsozialistische Feind tut, unter dem Gesichtswinkel der Harmlosigkeit und Impotenz zu klären. Leider ist hier der Wunsch den Tatsachen weit vorausgeeilt." (274)

Insgesamt nahmen innerhalb des KC mit dem Anwachsen des Nationalsozialismus erneut die Forderungen nach einer Verbandsreform zu. In einem Artikel aus dem Jahr 1932 wird als Reaktion auf den Ausschluß jüdischer Verbände aus dem ADW die Forderung nach einer Umstellung von Fechtwaffen auf einfachen Faustkampf erhoben: "Seit einer Reihe von Jahren wird tatsächlich dem jüdischen Studenten von fast allen großen Korporationsverbänden die Satisfaktion verweigert!(...) Nicht unsere Schuld ist es darum, wenn an die Stelle des Säbels der Kampf mit der Faust tritt. Wir werden unseren Gegnern nicht den Gefallen tun, uns auf die Form des Kampfes zu beschränken, bei der es ihm möglich ist, uns auszuweichen. Neue Gegner und neue Verhältnisse erfordern auch vom K.C. neue Formen des Kampfes." (275)

Trotz des allgemeinen Erstarkens der völkischen Tendenzen auch innerhalb der Korporationen war das Verhältnis zwischen Korporationen und NSDStB keineswegs freundschaftlich. Auf der einen Seite war der NSDStB deutlich antikorporationistisch und gegen studentischen Traditionalismus ausgerichtet, die Korporationsverbände auf der anderen Seite wehrten sich gegen den politischen Einfluß und Alleinvertretungsanspruch des NSDStB innerhalb der DSt.(276) Es gab aber dennoch im wesentlichen ein Einvernehmen innerhalb der völkisch geprägten Bewegungen über "die "Bekämpfung des jüdischen Geistes" als eine Voraussetzung für die "nationale Erneuerung" Deutschlands."(277)

Dieses Einvernehmen konnte die Gegensätze zwischen NSDStB und Korporationsverbänden jedoch nicht überbrücken, und so wurden die Korporationen 1935 von der nationalsozialistischen Regierung verboten, nachdem diese zuvor noch die vollständige "Arisierung" ihrer Verbände, d.h. den Ausschluß aller nicht-arischen Mitglieder, vollzogen hatten. Bezogen auf die Entwicklung des studentischen Antisemitismus in Deutschland kommt Schindler zu dem Ergebnis: "Der studentische Antisemitismus, der einst einen der Grundpfeiler für die neue Dimension des Judenhasses gebildet hatte, war "gleichgeschaltet" mit der Doktrin eines Staates, der diesen Antisemitismus zu bisher unvorstellbaren und unerhörten Ausmaßen steigern sollte."(278)

Vor dem Hintergrund des Gegensatzes zwischen NSDStB und Korporationswesen sind weitere Reformvorschläge innerhalb des KC zu sehen, die darauf abzielten, Waffen und Couleur abzuschaffen. Dies ist sicherlich auch als Reaktion auf den zunehmenden Druck von Seiten des NSDStB zu verstehen. In einem Artikel aus dem Jahr 1930 wird als Ausgleich für das aufzugebende Couleur- und Waffentragen eine verstärkte hochschulpolitische Tätigkeit des Verbands als neues Betätigungsfeld vorgeschlagen.

"Wer nicht die Uniformen und die roten Hakenkreuzfahnen auf der Hochschule, wer nicht den hinter den Professorentüren schleichenden Antisemitismus sieht, wer nicht die völlig anders geartete Jugend des 20. Jahrhunderts erkennt, der ist und bleibt der Zeit und ihren Geschehnissen fremd.(...) Da die geistigen Schichten der heutigen Jugend den Korporationsbetrieb - auch als Kampfzweck - ablehnen, hat der Verband die unzweideutige Pflicht, sich umzustellen.(...) Der Gegner geht von diesen Formen ab, der Staat verwirft und bestraft sie. Es gibt nur einen Ausweg: Schafft Couleur und Klingen ab! (...) Nun aber zur Hauptaufgabe, zur Bekämpfung des Antisemitismus an der Hochschule! Sie kann einzig und allein in einer modernen hochschulpolitischen Betätigung, nicht des Einzelnen, sondern möglichst der Gesamtheit liegen. Man muß zugeben, daß hierbei die Führerfrage eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt." (279)

In ganz ähnlicher Weise fordert der Autor eines Artikels des Jahres 1931 die Abkehr des KC vom Fechtwesen und der Couleur, setzt sich aber ähnlich wie der Autor des oben erwähnten Artikels von 1932 (280) für eine Verstärkung der Wehrfähigkeit der Verbandsmitglieder ein: "Stellen wir also die Forderungen zur Diskussion - zu einer Diskussion allerdings, die sich von der Kostbarkeit der Zeit leiten lassen muß - Umstellung von der Korporation zur Kampftruppe. (...) Suspension der Straßencouleur für vorläufig zwei Semester. Suspension des Fechtens und der Mensuren. Abschaffung der offiziellen Kneipe. Immer nur für das nächste Jahr, für zwei Semester.
Dafür körperliche - um nicht zu sagen militärische - Durchbildung der K.C.er, möglichst bis zum 30. Lebensjahr.(...)
Es wird morgen noch kein Pogrom ausbrechen. Nur die Herrschaft des "Dritten Reiches" wird um so schneller aufhören, ja sie wird so schnell überhaupt nicht angetreten werden können, wenn wir nicht schutzlos sind."
(281)

Der Autor erinnert hier an die stolze Beteiligung der deutschen Juden am Ersten Weltkrieg und versucht darüber, eine Mobilmachungsstimmung" etwa wie zum Zeitpunkt 1914 unter den KC-Mitgliedern auszulösen:

"Es ist genau so wie es 1914 war, als K.C.er vom Fechtboden hinweggerufen wurden zum Sturmangriff. Nur kann es heute passieren - und das ist keine Phrase wie sie es damals vielleicht war -, daß wir in des Wortes verwegenster Bedeutung die Freiheit unserer Väter und Brüder, die Ehre unserer Mütter und Schwestern werden schützen müssen." (282)

Das Ende des KC nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 soll im folgenden Kapitel abschließend behandelt werden.

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Zurück zum Text  268. Asch, Seite 128

Zurück zum Text  269. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 185

Zurück zum Text  270. Ebenda, Seite 180/181

Zurück zum Text  271. Asch, Seite 128

Zurück zum Text  272. Geschäftsführender Ausschuß: Umschau, in: KC-Blätter, Februar-März 1931, Seite 19

Zurück zum Text  273. Ebenda, Seite 19

Zurück zum Text  274. Ebenda, Seite 17

Zurück zum Text  275. Erich Stern: Unser Kampf, in: KC-Blätter, März 1932, Seite 7

Zurück zum Text  276. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 183-185

Zurück zum Text  277. Ebenda, Seite 185

Zurück zum Text  278. Ebenda, Seite 188

Zurück zum Text  279. Hans Falk: K.C.-Krise, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, Juli 1930, Seite 67/68

Zurück zum Text  280. Vergleiche dazu: Anmerkung 275

Zurück zum Text  281. Ernst Reichmann: K.C.er surgite, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, September 1931, Seite 47

Zurück zum Text  282. Ebenda, Seite 47

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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