fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Mit Ende des Ersten Weltkrieges und der Entstehung der Weimarer Republik veränderte sich die Situation für den KC in zweierlei Hinsicht. Zum einen verstärkten sich die Auseinandersetzungen mit der zionistischen Bewegung, die sich unter ihrer zweiten Führungsgeneration zunehmend radikalisierte. Zum anderen verstärkten sich auch die Gegensätze zwischen den jüdischen Studentenverbindungen und dem deutschen Korporationswesen insgesamt, das unter zunehmendem völkischen Einfluß stand. (291) Bezeichnend für diese Entwicklung, die die jüdischen Verbindungen immer weiter vom studentischen Leben isolierte, waren die zunehmenden Satisfaktionsverweigerungen und der Ausschluß jüdischer Verbindungen aus dem Waffenring ADW.

Interessant an der Bewertung der eigenen Situation in der Weimarer Republik aus Sicht des KC ist vor allem die Tatsache, daß bis zuletzt der Zionismus gleichermaßen wie der Nationalsozialismus als existentielle Gefahr für den Verband angesehen wurde.

"Der Kampf gegen zwei Fronten!" (292), diese Formulierung aus einem Artikel der KC-Blätter des Jahres 1913 bringt dieses Verhältnis auf den Punkt.

Eine mögliche Erklärung für diese Verfeindung mit der zionistischen Bewegung mag in der allgemeinen Tendenz des KC liegen. Wie in dieser Arbeit gezeigt wurde, war der KC ein traditioneller studentischer Verband, der, in der Logik seiner eigenen Abwehrstrategie stehend, alle Formen studentischer Traditionen und Normen übernehmen wollte, um so den Antisemitismus und die Judendiskriminierungen zu überwinden. In diesem Sinne trugen die KC-Verbindungen Couleur und Waffen, kämpften für ihre Satisfaktionsfähigkeit und nutzten das Duell als studentisches Mittel, die eigene Ehre zu verteidigen. (293)

Neben diesem studentischen Traditionalismus bejahte der KC aber auch in hohem Maße alle Formen von Deutschtum und deutschem Patriotismus, was als zweites zentrales Element der KC-Tendenz angesehen werden kann. Insbesondere das Verhalten des KC während des Ersten Weltkrieges verdeutlicht, daß sich die KC-Mitglieder als integraler Bestandteil der deutschen Nation verstanden und nicht als jüdische Gäste in einem fremden Land. (294)

Dieses Selbstverständnis setzte sich in der Weimarer Republik in eher noch verstärktem Maße fort. Die deutschen Juden, die traditionell in einer liberalen Tradition standen, bekannten sich, wie Schindler schreibt, aus Überzeugung zur demokratischen Weimarer Republik(295) und nahmen aktiv an der Gestaltung der Politik teil.

Die Tatsache, daß politische Artikel etwa zu Fragen der Demokratie oder der Regierungsarbeit in den KC-Blättern dennoch die Ausnahme blieben, läßt sich meines Erachtens mit dem nach wie vor bestehenden Leitsatz der politischen Neutralität des KC erklären. Eine verstärkte politische Diskussion innerhalb der KC-Blätter hätte wiederum den antisemitischen Gegnern Argumente für die Andersartigkeit des KC als studentischen Verbandes geliefert.

Die Überzeugung des KC, daß der Antisemitismus nur durch ein Bekenntnis zur deutschen Nation und all ihren Traditionen bekämpft werden könne, stand in klarem Widerspruch zu der zionistischen Position, die mit dem Ziel einer Kolonisation in Palästina vor Augen die Juden als rassisch Fremde in einem Gastland ansah. Der Zionismus gefährdete aus Sicht des KC die Errungenschaften der Judenemanzipation daher mindestens ebenso wie die nationalsozialistisch-völkische Bewegung.

Dies scheint auch deswegen konsequent, da der Nationalsozialismus anfangs nicht viel mehr als eine neue, besonders häßliche Spielart der völkischen Judenanfeindungen zu sein schien, der Zionismus aber eine innerjüdische Gefahr für die Emanzipationserfolge und das Ziel der sozialen Gleichstellung darstellte.

Die Tragik in solcher Fehleinschätzung der nationalsozialistischen Gefahr kann nur aus heutiger Sicht mit dem Wissen um den Holocaust und das Ende der jüdischen Kultur in Deutschland nach 1933 gesehen werden.

Die starke Orientierung des KC an deutschen und studentischen Traditionen führt zu einem weiteren typischen Element des Verbandes, das auch im Rahmen dieser Arbeit mehrfach zur Sprache gekommen ist: Der KC war bemüht, sich in möglichst wenigen Punkten vom Durchschnitt der deutschen Gesellschaft abzuheben, um so möglichst wenig Angriffsfläche für Vorwürfe der Andersartigkeit zu bieten.

Daraus resultierte eine allgemeine Abneigung gegenüber Reformen innerhalb des Verbandes (296), und hiermit läßt sich vielleicht auch erklären, warum die Diskussionen um Frauenstudium und politische Partizipation der Frauen, wie sie in der Weimarer Gesellschaft verstärkt geführt worden sind, kaum Niederschlag fanden in den verbandsinternen Beiträgen.(297) Der KC sah sich in einer Linie mit den traditionellen Studentenverbindungen stehend, wobei die konfessionelle Abgrenzung keineswegs gewollt, sondern von außen aufgezwungen war. Jede verbandsinterne Diskussion um die aktive Mitgliedschaft studierender Frauen hätte für den KC wiederum die Gefahr mit sich gebracht, von Seiten der Traditionalisten stigmatisiert zu werden. In der KC-Logik ließ sich das Ziel, als gleichberechtigte deutsche Verbindung anerkannt zu werden, nur über ein solch striktes Orientieren an bestehenden Traditionen erreichen.

Die Abwehrstrategie des KC schlug fehl, und schnell zeigte sich, daß trotz aller Bekundungen des eigenen Traditionalismus und Deutschtums der jüdische Kartell-Convent im Spektrum der nationalsozialistischen Studentenverbände keine Existenzgrundlage mehr besaß.

Für den KC bedeutete die Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 das rasche Ende der Verbandstätigkeit. Wie Schindler schreibt, mußte der KC im Sommer des Jahres 1933 den Aktivenbetrieb einstellen. Auch die KC-Blätter wurden nach der zweiten Ausgabe eingestellt, und nur einige Altherrenverbände konnten bis 1938 unter Gestapo-Aufsicht weiterbestehen.(298)

Der überwiegende Teil der ehemaligen KC-Mitglieder konnte in den folgenden Jahren emigrieren. Bis heute ist der Kartell-Convent nicht wieder aufgelebt, es existieren allerdings zwei Vereine, die "American-Jewish KC Fraternity, Inc." und die "Max Mainzer Memorial Foundation, Inc.", die die Verbindung zwischen den ehemaligen Mitgliedern aufrechterhalten und das Erbe des Verbandes pflegen.

Organisiert von diesen Vereinen fanden 1956 und 1961 zwei Treffen in London und Chicago statt, aus deren Anlaß auch zwei Sonderausgaben der KC-Blätter herausgegeben worden sind.(299)

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  291. Ebenda, Seite 122

Zurück zum Text  292. Ernst Hochschild: Der Kampf gegen zwei Fronten !, in: KC-Blätter, Januar 1913, Seite 81-84

Zurück zum Text  293. Vergleiche dazu: Abschnitt VI.6

Zurück zum Text  294. Vergleiche dazu: Abschnitt VI.7.

Zurück zum Text  295. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 124

Zurück zum Text  296. Dieser Punkt ist besonders in Abschnitt VI.1. erörtert worden

Zurück zum Text  297. Vergleiche dazu: Abschnitt VI.8.

Zurück zum Text  298. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 124

Zurück zum Text  299. Ebenda, Seite 124/125

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de