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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


Die Gesellschaft ist wesentlich durch die Einteilung in die beiden Geschlechter Frau und Mann bestimmt. Diese Erkenntnis, so banal sie ist, findet jedoch im Bereich der historischen Forschung nur wenig Umsetzung. Zwar gibt es eine eigene, sehr aktive Frauengeschichtsschreibung, aber auf vielen Ebenen, z.B. bei Handbuch- und Überblicksdarstellungen, wird das Geschlecht als erkenntnisleitendes Kriterium nicht wahrgenommen. So kommt beispielsweise dieser Aspekt in der Konzeption der Gesellschaftsgeschichte von Hans-Ulrich Wehler auf der strukturellen Ebene nicht vor. (1) Insbesondere im Bereich der Kirchen- und Religionsgeschichte ist der Frage nach Frauen, sei es im Urchristentum, sei es in der Zeitgeschichte, noch viel zu selten nachgegangen worden. Demgegenüber ist zu betonen, daß die feministische Perspektive eine wichtige Bereicherung und Neuorientierung der Wissenschaft darstellt, die auch in kirchenhistorischen Untersuchungen nicht fehlen darf. (2)

In der Theologie geht es, zumindest bis in die sechziger Jahre hinein, nahezu ausschließlich um männliche Theologie, die von Männern verkündet und deren Geschichte von Männern geschrieben wird. Diese Front bröckelt seit einigen Jahren, aber zumeist erst am Rand.(3) Daß Frauen erst seit einigen Jahrzehnten als Geistliche ordiniert und zum Pfarramt zugelassen werden, ist nur wenig bekannt, wenngleich eine populäre Fernsehserie die Akzeptanzprobleme einer jungen Pastorin einem größeren Publikum deutlich vor Augen geführt hat.(4) Die Forderung nach einer Quotenregelung in der Kirche ist bereits gestellt worden, einige Frauen haben als Konsequenz aus der männlichen Dominanz eine eigene Frauenkirche gegründet, der auch Männer angehören können.(5)

Frauengeschichtsschreibung ist, gerade im Bereich von Kirche und Religion, weitgehend die Darstellung von Ungleichheit, bzw. positiv formuliert: des Weges hin zur Gleichberechtigung. Wesentlich ist dabei im 20.Jahrhundert die Frage der Ordination von Frauen, die im folgenden für die Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate erörtert werden soll. Die Diskussion um das Amt der Pastorin ist ein wichtiger Indikator für die Einstellung zur Frau im Christentum. Die differenzierte Aufarbeitung des langen Weges zur Ordination von Frauen in Hamburg ist erforderlich, um eine die historische Entwicklung berücksichtigende, rationale Diskussion der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Wahl von Maria Jepsen 1992 zur Bischöfin zu ermöglichen. Hier zeigt sich, daß die Stellung der Frau als gleichberechtigte Pastorin noch nicht von allen in der Kirche akzeptiert wird. Viele Argumente, die heute angeführt werden, sind bereits vor mehr als sechs Jahrzehnten genannt worden. Um eine Schwarzweißmalerei zu vermeiden und Konflikte zu entschärfen, ist die detaillierte und umfassende Beschäftigung mit dem geschichtlichen Hintergrund von großer Bedeutung.

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Zurück zum Text  1. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. München 1987, bes. Band 1, S. 6-12. Thomas Nipperdey widmet Frauen in seiner Deutschen Geschichte 1866-1918, Band 1, München 1990, S. 73-95, immerhin einen Abschnitt, ohne allerdings das Geschlecht als erkenntnisleitende Fragestellung durchgehend in seine Darstellung einzubeziehen.

Zurück zum Text  2. Vgl. den anregenden Beitrag von Brigitte Weisshaupt, Dissidenz als Aufklärung. Elemente feministischer Wissenschaftskritik. In: Manon Andreas-Grisebach/dies.(Hrsg.), Was Philosophinnen denken II. Zürich 1986, S. 9-19, und Herta Nagl-Docekal, Feministische Geschichtswissenschaft - ein unverzichtbares Projekt. In: L" Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 1 (1990), S. 7-18. Über Frauen in verschiedenen Religionen: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 1951. - Elisabeth Schüssler Fiorenza, In Memory of Her. A Feminist Theological Reconstruction of Christian Origins. New York 1985 (deutsch: Zu ihrem Gedächtnis. München-Mainz 1988) sowie den frühen, von Friedrich Heiler herausgegebenen Sammelband: Der Dienst der Frau in den Religionen und Kirchen (Eine heilige Kirche 21.Jg. Heft 1/5) München 1939. Eingeleitet wird der Band mit einem Zitat des Indologen Moritz Winternitz, "Die Frau ist immer die beste Freundin der Religion gewesen, die Religion aber keineswegs immer eine Freundin der Frau" (ebd., 1).

Zurück zum Text  3. Zum Frauenbild in der Theologie der Neuzeit siehe den Überblick von Gerta Scharffenorth/Erika Reichle, Frau VII. Neuzeit. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. 11. Berlin-New York 1983, S. 443-467. Zur gegenwärtigen Situation vgl. Luise Schottroff, Die Herren wahren den theologischen Besitzstand. Zur Situation feministisch-theologischer Wissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. In: Junge Kirche 51 (1990), S. 367-371. - Elisabeth Gössmann/Elisabeth Moltmann-Wendel/Herlinde Pissarek-Hudelist/Ina Praetorius /Luise Schottroff/Helen Schüngel-Straumann (Hrsg.), Wörterbuch der feministischen Theologie. Gütersloh 1991, dort bes. die Artikel Feministische Theologie (S. 102-109), Kirche (S. 213-218), Pfarrerin (S. 323-326), Theologin (S. 396-421). - J. Christine Janowski, Theologischer Feminismus. Eine historisch-systematische Rekonstruktion seiner Grundprobleme. In: Berliner Theologische Zeitschrift 5 (1988), S. 28-47 und S. 146-177. Wichtige Beiträge sowohl zur feministischen Theologie als auch zur Situation von Theologinnen im Wissenschaftsbetrieb enthalten die Referate eines Hearings der EKD: Theologische Frauenforschung und Feministische Theologie (epd-Dokumentation 12/92). Frankfurt/M 1992.

Zurück zum Text  4. ARD-Serie "Pfarrerin Lenau", ausgestrahlt ab November 1990.

Zurück zum Text  5. Zur Quotenfrage in Nordelbien: Hamburger Abendblatt (HA) Nr.222 vom 22.9.1988, S. 6, und Nr.224 vom 24./25.9.1988, S. 5; zur Frauenkirche vgl. Informationsblatt der Bekennenden Frauenkirche/Hexenreligion e.V. Nr.1 vom Juli/August 1990; Elga Sorge, Meine Frauenkirche... In: Emma 8/1990, S. 52 - zur Vorgeschichte: Hexenjagd auf Evangelisch? Dokumentation über Feministische Theologie in patriachaler und in kritischer Diskussion: Der Fall Elga Sorge. Kassel 1987.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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