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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


1 Der schwierige Anfang: Theologiestudentinnen und ihre berufliche Perspektive

Seit der Jahrhundertwende war es Frauen in Deutschland möglich, sich an Universitäten zu immatrikulieren, zuvor konnten sie nur vereinzelt als Gasthörerinnen zugelassen werden.(6) Vorreiter waren hier einige süddeutsche Bundesstaaten - zuerst Baden im Jahre 1900 -, bis 1908 auch in Preußen das Kultusministerium nachzog und Frauen zum Universitätsstudium zuließ. Im Wintersemester 1908/09 gab es in diesem Zusammenhang die ersten Studentinnen der evangelischen, aber erst 1925 die erste der katholischen Theologie an deutschen Universitäten. Der prozentuale Anteil der Frauen an evangelischen Fakultäten erreichte erst 1940 fünf Prozent, an katholischen blieb er bis 1945 unter 0,3 Prozent.(7)

Theologieprofessoren standen dem Frauenstudium weitgehend ablehend gegenüber: So vertrat der Königsberger Hochschullehrer August Dorner (1846-1920) 1897 die These, daß "das wissenschaftliche Analysieren theologischer Probleme, sei es in der Dogmatik oder in der Historischen Forschung, (...) der weiblichen Begabung fern" liege, "da die Frau weniger für begriffliche Analyse und Erfassen großer Zusammenhänge, als intuitiv angelegt ist". Dennoch wurde 1908 Carola Barth (1879-1959) als erste Frau in evangelischer Theologie an der Jenaer Universität promoviert. (8)

Ordination und Anstellung als Pastorin waren diesen Frauen verwehrt. Ihnen blieben zunächst nur das Fakultätsexamen(9), die Promotion oder das Lehramtsexamen als Abschlußmöglichkeit. Diese Prüfungen wurden von den evangelischen Kirchen nicht als Berufseingangsexamina anerkannt, erst in den zwanziger Jahren wurden Frauen auch zu den kirchlichen Prüfungen zugelassen. Daß Frauen trotz aller Vorbehalte und ohne eine gesicherte berufliche Laufbahn sich diesem Fach zuwandten und bis zu drei Sprachen neu zu lernen hatten, macht deutlich, daß hinter ihrem Entschluß eine besondere Motivation gestanden haben muß.(10)

Weil in der Kirche ein angemessenes Tätigkeitsfeld nicht vorhanden war, wichen viele Theologinnen in den Schulbereich als Religionslehrerinnen aus: Elisabeth Schulz (1903-1957) beispielsweise, die spätere Oberschulrätin und Lehrbeauftragte für Katechetik an der Kirchlichen Hochschule Hamburg, war diesen Weg gegangen. Sie legte 1927 das Erste Theologische Examen ab, 1929 das Erste Staatsexamen für die Fächer Deutsch, Geschichte und Evangelische Religion, 1930 das Zweite Staatsexamen und ging in den Schuldienst, da sie sich offenbar nicht mit den Aufgaben und der Stellung einer "Pfarramtshelferin" in der Hamburgischen Landeskirche begnügen wollte. (11) Andere Arbeitsmöglichkeiten, zumeist nur im Angestelltenverhältnis und deutlich geringer besoldet als Pastoren, waren die Tätigkeiten als Pfarrgehilfin, Seelsorgerin in Krankenhäusern und Frauengefängnissen oder als Missionarin.(12) Dabei war Deutschland erheblich rückständiger als viele protestantische Länder: Vor allem calvinistisch geprägte Kirchen standen Frauen erheblich aufgeschlossener gegenüber als diejenigen auf lutherischer Grundlage. Vielfach hatten Frauen die Stellung eines Pfarrers einschließlich des Rechts der Sakramentsverwaltung und der Wortverkündigung von der Kanzel. (13)

Das Interesse von Frauen an theologischen Themen wurde auch in Hamburg deutlich, das 1919 eine Universität eingerichtet hatte, die allerdings erst 1952 eine evangelisch-theologische Fakultät erhielt. Theologische Lehrveranstaltungen gab es aber schon erheblich früher: An dem 1895 reorganisierten Allgemeinen Vorlesungswesen hielten die Hauptpastoren öffentliche Vorlesungen, zumeist über neutestamentliche, kirchengeschichtliche oder ethische Fragen. Aufgrund der damals verteilten Zählkarten ist zu ermitteln, daß der Frauenanteil vereinzelt bis zu zwei Dritteln der Zuhörer ausmachte. Dies kann wohl auch als eine Art Ersatz für das nicht realisierbare Studium interpretiert werden. Öffentliche Kurse boten zudem die Möglichkeit, sich über theologische Fragen zu informieren und in das Gespräch mit Wissenschaftlern einzutreten, ohne daß dadurch die berufliche oder familiäre Existenz einen gravierenden Einschnitt erfuhr, wie das die Aufnahme eines Studiums bedeutet hätte. So konnten gerade Frauen von diesem Bildungsangebot profitieren.(14)

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Zurück zum Text  6. Die Theologische Fakultät in Berlin ermöglichte Frauen 1899 den Besuch von Vorlesungen, sofern der jeweilige Dozent es gestattete (Frieda Barthel, Stellung und Aufgabe der theologisch vorgebildeten Frau im kirchlichen Arbeitsgebiet und Erziehungswesen. Phil. Diss. maschinenschriftlich [ms.] Erlangen 1942, S. 38-39).

Zurück zum Text  7. Zahlenangaben bei Hartmut Titze, Das Hochschulstudium in Preußen und Deutschland 1820-1944. Unter Mitarbeit von Hans-Georg Herrlitz, Volker Müller-Benedict und Axel Nath (Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, 1, 1). Göttingen 1987, S. 103-108, sowie Charlotte Lorenz (Bearb.), Zehnjahresstatistik des Hochschulbesuchs und der Abschlußprüfungen. Bd.1 Hochschulbesuch. Hrsg.. vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Berlin 1943, S. 182-184. Erfahrungen von Theologiestudentinnen finden sich in: Theologinnen in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Drei Erfahrungsberichte. Hrsg.. von Hans-Martin Linnemann. Bielefeld 1990.

Zum Frauenstudium siehe Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit. Frankfurt/M 1986, hier S. 119ff. - Kristine von Soden/Gaby Zipfel (Hrsg.), 70 Jahre Frauenstudium. Frauen in der Wissenschaft. Köln 1979. - Sigrid Metz-Göckel (Hrsg.), Frauenstudium. Zur alternativen Wissenschaftsaneignung von Frauen (Blickpunkt Hochschuldidaktik, 54). Hamburg 1979. - Karin Hausen, Warum Männer Frauen zur Wissenschaft nicht zulassen wollten. In: Dies./Helga Nowottny (Hrsg.), Wie männlich ist die Wissenschaft? Frankfurt/M 1986, S. 31-42. - Anne Schlüter, Wissenschaft für die Frauen? - Frauen für die Wissenschaft! Zur Geschichte der ersten Generationen von Frauen in der Wissenschaft. In: Ilse Brehmer/Juliane Jacobi-Dittrich/Elke Kleinau/Annette Kuhn (Hrsg.), Frauen in der Geschichte IV. "Wissen heißt leben...". Beiträge zur Bildungsgeschichte von Frauen im 18. und 19.Jahrhundert (Geschichtsdidaktik. Studien und Materialien, 18). Düsseldorf 1983, S. 244-261. - Kristine von Soden, Die Sorge mit den Mieten. Studentinnen in der Weimarer Republik. In: Frankfurter Rundschau (FR) Nr.97 vom 25.4.1992, S. ZB 5.

Zur Katholischen Kirche: Ida Raming, Priestertum der Frau. In: Elisabeth Gössmann u.a. (Hrsg.), Wörterbuch der feministischen Theologie. Gütersloh 1991, S. 328-330. - Iris Müller/Ida Raming, Theologin 19./20.Jahrhundert 2. In: Ebd., S. 420-421. 1992 befürwortete es die Mehrheit der US-amerikanischen Katholiken, Frauen zu Priestern zu weihen (Nordelbische Kirchenzeitung (NKZ) 68.Jg. Nr.27 vom 5.7.1992, S. 2).

Zurück zum Text  8. Zitiert nach: Dagmar Henze, Die Geschichte der evangelischen Theologin - Ein Überblick. In: Schlangenbrut. Streitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen. 9.Jg. Heft 35, November 1991, S. 21-23, das Zitat S. 21 (ebenfalls in: Reformierte Kirchenzeitung 132 (1991), S. 97-99). Nicht verschwiegen werden soll, daß es auch in der Theologie Männer gab, die anders dachten; genannt seien hier die Marburger Rudolf Otto, Martin Rade, Rudolf Bultmann und Hans von Soden sowie die Kölner Pfarrer Georg Fritze und Hans Encke, die in den Jahren 1927 bis 1933 vier Vikarinnen betreuten. Carola Barth, die im Schuldienst tätig war, erhielt 1927 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Königsberg. Eine Liste der theologischen Dissertationen und theologischen Ehrenpromotionen von Frauen an deutschen Universitäten vor 1942 bei Barthel (wie Anm. 6), S. 131-137.

Zurück zum Text  9. 1919 ließ die Theologische Fakultät der Marburger Universität Eva Oehlke - vermutlich als erste Frau in der Geschichte der Theologischen Fakultäten in Deutschland - zum Fakultätsexamen zu, in Berlin wurde ein Jahr später mit Ilse Kersten eine Frau zu diesem Examen zugelassen. Hannelore Ehrhart vermutet, daß dieses Examen dort erst im Hinblick auf den Studienabschluß von Frauen eingerichtet worden sei, vgl. Hannelore Erhart, Theologin und Universität - das Beispiel Hanna Jursch -. "... daß die Einweisung der Theologin Dr. Hanna Jursch in eine Dozenten-Akademie nicht möglich ist...". In: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 89 (1991), S. 385-398, S. 389.

Zurück zum Text  10. Barthel (wie Anm. 6), S. 78-80. - Ulrike Paulsen, Der Weg zur Gleichberechtigung und Gleichstellung der Pastorin in der Evangelischen Kirche. Eine Studie zum Lebenswerk von Anna Paulsen. Staatsexamensarbeit (Theologie) ms. Hamburg 1986. Anna Paulsen wurde 1924 in Kiel promoviert.

Zurück zum Text  11. Elisabeth Maria Martha Anna Schulz (Concepcion/Chile 18.5.1903 - Hamburg 24.3.1957) war von der Jugendbewegung geprägt und hatte in Münster bei dem von ihr verehrten Karl Barth studiert. Ab dem 1.4.1930 war sie wissenschaftliche Hilfslehrerin für Deutsch, Geschichte und Religion in Hamburg. Sie wurde am 1.10.1940 Studienrätin, am 7.9.1945 kommissarische Leiterin der Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld, am 1.4.1947 Studiendirektorin und am 1.12.1955 Oberschulrätin. Sie war vom Sommersemester 1949 bis zum Wintersemester 1951/52 nebenamtliche Dozentin bzw. Lehrbeauftragte für Katechetik an der Kirchlichen Hochschule Hamburg. Daneben war sie im Kirchenvorstand der Lukaskirche und im Landeskirchenrat aktiv tätig (vgl. dazu Staatsarchiv Hamburg [StA Hbg.], 361-3 Schulwesen-Personalakten, A 648, und ebd., H 98. - Hans-Volker Herntrich [Hrsg.], Volkmar Herntrich 1908-1958. Ein diakonischer Bischof. Berlin 1968, S. 34-35).

Zurück zum Text  12. Eva Senghaas-Knobloch, Die Theologin im Beruf. München 1969, S. 43.

Zurück zum Text  13. Barthel (wie Anm.6), S. 37.

Zurück zum Text  14. Rainer Hering, Theologie im Spannungsfeld von Kirche und Staat. Die Entstehung der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Hamburg 1895 bis 1955 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 12). Berlin-Hamburg 1992, bes. S. 24-26.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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