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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


Die Diskussion um die Ordination von Frauen war ausgelöst worden durch ihre Zulassung zum Studium und besonders durch die Veränderungen, die die revolutionäre Situation 1918/19 mit sich brachte.(15) Der Ausbau des Schulwesens in den zwanziger Jahren führte zu einem gestiegenen Bedarf an Lehrkräften für das Fach Religion - in vielen Landeskirchen, wie z.B. Württemberg, übernahmen Pastoren auch diese Aufgabe. Der Mitarbeiterkreis der Kirche war also zu erweitern, um den neuen Verpflichtungen nachzukommen.(16) So mußten Regelungen gefunden werden, die die Arbeit von Frauen im kirchlichen Bereich institutionalisierten. Die Generalsynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union verabschiedete 1927 das "Gesetz betreffend Vorbildung und Anstellung der Vikarinnen", Mecklenburg-Schwerin folgte 1929 mit einem "Gesetz betreffend die Theologischen Prüfungen und kirchliche Verwendung von Pfarrgehilfinnen" und Hannover 1930 mit dem über die "Vorbildung von Pfarramtshelferinnen". In der Evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns kam es erst 1944 zu einer Regelung der Theologinnenarbeit.(17) Das Preußische Gesetz definierte als Aufgaben der Frauen in der Kirche: die Wortverkündigung im Kindergottesdienst, die Erteilung von Religionsunterricht, die Seelsorge in der Gemeinde, insbesondere gegenüber der weiblichen Jugend, und die in Frauenabteilungen von Krankenhäusern oder Gefängnissen. Die pfarramtliche Tätigkeit im Gemeindegottesdienst war ausdrücklich ausgeschlossen. Nicht alle Frauen nahmen diese Einschränkungen gegenüber den Rechten der Männer in der Kirche widerspruchslos hin. Insbesondere die Theologin Ina Gschlössl (1898-1989) engagierte sich gegen dieses Gesetz, weil es "rückständig, unorganisch und unlogisch" sei. Doch ihr Protest blieb ohne Folgen.(18)

Der Verband evangelischer Theologinnen Deutschlands erklärte mehrheitlich auf seiner ersten Tagung im Oktober 1925, daß seine Mitglieder auf solchen Gebieten arbeiten wollen, "die eine weibliche Arbeitskraft erfordern". Dieser Bereich sollte sich weder mit dem einer Sozialbeamtin noch mit dem eines Gemeindepfarrers decken. Ein neues Amt, das die Gemeindeleitung ausdrücklich ausschloß, sollte geschaffen werden. Ansonsten galten die Seelsorge in Frauenabteilungen von Gefängnissen und Krankenhäusern, Mädchenheimen oder kirchlicher Religionsunterricht als erstrebtes Arbeitsfeld. An eine Gleichstellung von Frau und Mann in der Kirche war also nicht gedacht, die Sakramentsverwaltung und leitende Funktionen sollten männlichen Geistlichen vorbehalten bleiben.(19) Damit hatte sich der Verband die konservativeren Positionen der bürgerlichen Frauenbewegung zu eigen gemacht, was 1931 durch den Eintritt in die Vereinigung evangelischer Frauenverbände und den Deutschen Akademikerinnenbund noch untermauert wurde. Sein Frauenbild war bestimmt vom Leitbild der Hausfrau und Mutter und vom "Seelisch-Anderssein" der Frauen. Als Protest dagegen traten 1930 sieben Theologinnen, unter ihnen Ina Gschlössl, aus dem Verband aus und gründeten die Vereinigung der evangelischen Theologinnen: Diese setzte sich ausdrücklich für das volle Pfarramt für Frauen ein - Familie und Beruf sollten sich hier nicht mehr ausschließen. Volle Gleichberechtigung von Mann und Frau im geistlichen Amte war das Ziel dieser Frauen, das jedoch erst ein halbes Jahrhundert später weitgehend erreicht werden konnte.(20)

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Zurück zum Text  15. Hierzu und zum folgenden: Erika Reichle, Frauenordination. Studie zur Geschichte des Theologinnen-Berufes in den evangelischen Kirchen Deutschlands (BRD). In: Claudia Pinl u.a., Frauen auf neuen Wegen. Studien und Problemberichte zur Situation der Frauen in Gesellschaft und Kirche (Kennzeichen, 3). Gelnhausen-Berlin und Stein/Mfr. 1978, S. 103-180. - Senghass-Knobloch (wie Anm. 12). Zum theologischen Hintergrund siehe insbesondere Elisabeth Gössmann/Dietmar Bader (Hrsg.), Warum keine Ordination der Frau? Unterschiedliche Einstellungen in den christlichen Kirchen (Schriften der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg). München-Zürich 1987.

Zurück zum Text  16. (Walter) Windfuhr, Theologenmangel. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1926, S. 33.

Zurück zum Text  17. Gerdi Nützel, "Kann sie auch Hebräisch lesen, nicht kann sie Kalchreuth verwesen!". Die Anfänge der Theologinnenarbeit in der Evang.-Luth. Kirche Bayerns. In: Reformierte Kirchenzeitung 132 (1991), S. 196-200.

Zurück zum Text  18. Gesetz vom 9.5.1927 in: Kirchliches Gesetz- und Verordnungsblatt 51 (1927), 228ff; Birgitt und Traugott Jähnichen, Die Theologin in der Kirche. In: Günter Brakelmann/Traugott Jähnichen (Hrsg.), Kirche im Ruhrgebiet. Essen 1991, S. 98-101, bes. S. 98-99. - Ilse Härter, Vor politischen und kirchlichen Oberen schreckte sie nicht zurück. Ina Gschlössl wird 90 Jahre. In: Junge Kirche 49 (1988), S. 606-609, S. 607. Auch in Württemberg gab es entsprechende Regelungen, vgl. Reichle (wie Anm. 15), bes. S. 117-122.

Zurück zum Text  19. Kirchenarchiv Hamburg (KiA Hbg.), Personalakte (PA) Sophie Kunert, Bl. 47.

Zurück zum Text  20. Göttinger Frauenforschungsprojekt, "So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat". Bericht über die Geschichte der Theologin. In: Friedrich Grotjahn/Hans-Martin Gutmann (Hrsg.), Parabel. "Hingehen nach Galiläa". Ökumenische Theologie in der Bundesrepublik. Möglichkeiten und Grenzen ihrer Rezeption (Schriftenreihe des Evangelischen Studienwerks Villigst, 10/11). Münster 1989, S. 44-58, bes. S. 47-49. - Andrea Bieler, Von der Last der Weiblichkeit: Geschlecht und Amt. Oder: Wie Frauen auf der Suche nach ihrer Identität in der Fremdbestimmung sich eigene Handlungsräume erschließen. In: Reformierte Kirchenzeitung 132 (1991), S. 285-290. - dies, Von der Last der Weiblichkeit: Geschlecht und Amt. Der Konflikt um das volle Pfarramt der Frau zwischen Annemarie Rübens und Erna Schlier-Haas auf der 4.Tagung des "Verbandes Evangelischer Theologinnen" 1928. In: Schlangenbrut. Streitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen 10 (1992), Heft 36 (Februar 1992), S. 32-37.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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