fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


2 Zwischen gesellschaftlichem Fortschritt und kirchlicher Tradition: Die Kontroverse um die "Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen" in Hamburg

Auch in Hamburg wurde im November 1927 eine gesetzliche Regelung über "die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche" verabschiedet, die der preußischen in vielem sehr nahestand. Hintergrund war die Forderung nach der Ordination von Frauen, die in der Gefängnisseelsorge tätig waren. Im Januar 1926 fand eine Diskussion innerhalb der kirchlichen Öffentlichkeit statt, indem die von dem liberalen Hauptpastor Heinz Beckmann und Pastor Heinrich Voß im Auftrag des Kirchenrats herausgegebene "Hamburgische Kirchenzeitung" drei Aufsätze zu diesem Thema in ihrem Jahreseröffnungsheft abdruckte.(21) Ausgelöst worden war diese Debatte von Sophie Kunert, die schon im Oktober 1925 in dieser Zeitung über den Stand der Theologinnenfrage geschrieben hatte. Sie referierte dort kommentarlos die Situation im Ausland und zitierte als "fordernde Stimmen" in Deutschland die Professoren Rudolf Otto, Paul Wurster und Erich Foerster bevor sie die Haltung der Kirchenbehörden in Preußen, Sachsen und Baden sowie sechs Einzelfälle vorstellte. Bereits seit 1920 hatte sie verschiedene Artikel zu diesem Themenfeld publiziert.(22)

Marie Luise Sophie Kunert (1896-1960) hatte in Marburg und Berlin Philologie und Theologie studiert und 1921 ihr Erstes Theologisches Examen in Berlin abgelegt. (23) Anschließend arbeitete sie als Erzieherin und im kaufmännischen Dienst. Zwischendurch leistete sie im Herbst 1924 Seelsorge-Dienst im Untersuchungsgefängnis Berlin-Alt Moabit bei Oberpfarrer Ernst Diestel, einem Bruder des 1924 verstorbenen Hamburger Bürgermeisters Arnold Diestel. Im Januar 1925 wechselte sie nach Hamburg, wo sie als Sozialpädagogin in der Strafanstalt Fuhlsbüttel für die Arbeit mit Frauen eingestellt wurde. Dabei sollte sie vor allem als Seelsorgerin wirken; ihre Probezeit hatte sie mit Auszeichnung absolviert. Ihr persönliches Ziel war es, für diese Tätigkeit auch ordiniert zu werden. Diestel wandte sich daher an Senior Curt Stage (1866-1931), der im Kirchenrat diesen Vorstoß befürwortete: "An sich würde mir das Frauengefängnis als ein geeigneter Boden erscheinen, um einmal einen Versuch mit einem weiblichen Pastor zu machen." So wurde sie auf ihren Wunsch zum Zweiten Theologischen Examen zugelassen, allerdings mit dem ausdrücklichen Vermerk, daß sie aus dessen Bestehen keine kirchlichen Rechte ableiten könne. Die Frage der Ordination sollte die Synode entscheiden.(24) Wie die männlichen Kandidaten nahm sie an den entsprechenden Vorbereitungskursen der Hauptpastoren teil - diese wurden ebenfalls im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesens angekündigt - und bestand im September 1925 die Prüfung.

Konsequent beantragte sie nun die Ordination für ihren Dienst bei der Justizverwaltung, wobei sie von der Gefängnisverwaltung und dem an den Anstalten amtierenden Pastor Wilhelm Theodor Lüder (1873-1945) nachdrücklich unterstützt wurde.(25) In der Begründung führte sie aus, daß aufgrund der besonderen Bedingungen in der Anstaltsarbeit die Seelsorge nicht von der Sakramentsverwaltung getrennt werden könne: Die Gefangenen könnten ein Vertrauensverhältnis zu ihrer Seelsorgerin entwickeln, aber der Geistliche, der dann die Gottesdienste halte und die Sakramente spende, würde ihnen fremd bleiben. Zudem müsse die Predigt aus der Seelsorgearbeit erwachsen, sich inhaltlich mit diesem Problemkreis auseinandersetzen und sich sprachlich der Auffassungsgabe der Gefangenen anpassen. Beim Abendmahl müsse dann der nicht eingeweihte Geistliche in Einzelkommunion die Versöhnung spenden, obwohl er - wenn das Beichtgeheimnis gewahrt bleiben soll - die Beichte nicht kenne. Für einen Außenstehenden sei das nicht zu leisten. Zudem würde ihre Erziehungsarbeit, die ihr vom Staat übertragen worden sei, durch die Ordination auch einen kirchlichen Auftrag erhalten.(26)

Heinz Beckmann (1880-1939), liberaler Hauptpastor an St.Nikolai, nahm dazu in einem Gutachten Stellung und kam zu dem Ergebnis, daß es sich um eine Ordination mit bestimmter Beschränkung handeln würde, die durchaus zu befürworten sei. Schließlich würde auch ein Missionar für ein bestimmtes Missionsgebiet ordiniert, ohne daß er damit die Fähigkeit zur Amtsverwaltung in der Heimat erhielte.(27)

Sehr ausführlich plädierte Pastor Heinrich Wilhelmi (1888-1968), der spätere Chronist des Hamburger Kirchenkampfes, gegen die Frauenordination. Aus dem Neuen Testament folgerte er, daß die Frau dem Manne religiös gleichwertig sei, aber sie "in der ersten Christengemeinde" von der öffentlichen Wortverkündigung ausgeschlossen worden wäre und "durch die kirchliche Sitte" auch bliebe. Er sah keine zwingenden Gründe, dies zu ändern, weil Pastorinnen nur für die Frauen in der Gemeinde da sein könnten, was "die Auflösung der Gemeinde vollenden" würde. Weiterhin warnte er davor, den weiblichen seelsorgerlichen Einfluß auf Frauen zu überschätzen und hielt ihn für eine "gefällige, sentimentale Modemeinung". "Aus Rücksicht auf beide, auf die Gemeinde als Ganzes und auf die Frauen selbst" lehnte er die Frauenordination auch für die Frauenabteilungen der Anstalten ab. Statt dessen wies er den Frauen eine andere Tätigkeit zu: "Barmherzigkeitsübung ist der Beruf einer Frau."(28)

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  21. Sophie Kunert, Die Bitte um Ordination für den Dienst in Fuhlsbüttel. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1926, S. 1-2. - Heinz Beckmann, Ein Gutachten zur Frage der Ordination von Fräulein Sophie Kunert für ihren Dienst in den weiblichen Abteilungen der Strafanstalten. In: Ebd., S. 2-4. - Heinrich Wilhelmi, Soll Frauen das Pfarramt übertragen werden? In: Ebd., S. 4-7. Zum folgenden vgl. auch Georg Daur, Von Predigern und Bürgern. Eine hamburgische Kirchengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart. Hamburg 1970, S. 264-266.

Zurück zum Text  22. Sophie Kunert, Kirchlicher Frauendienst. In: Volkskirche 2 (1920), S. 249-252 (Nr.17 vom 1.9.1920). - Dies., Zur Frage der weiblichen Seelsorge. In: Die Frau 30 (1922/23), S. 117-120 (Januar 1923). - Dies., Der gegenwärtige Stand der Theologinnenfrage. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1925, S. 82-83. - Dies., Im Dienst der Kirche. Die ersten Theologinnen. In: Hamburger Fremdenblatt vom 31.1.1931. Im zuletzt genannten Aufsatz prophezeit die Autorin, daß "eine organische Entwicklung (...) von selbst zum vollen Pfarramt der Theologinnen führen" wird.

Zurück zum Text  23. Hierzu und zum folgenden: StA Hbg., 361-3 Schulwesen-Personalakten, A 594; KiA Hbg., PA Kunert; Beckmann (wie Anm. 21), S. 2-3.

Zurück zum Text  24. KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 3, Protokoll der Sitzung des Kirchenrates vom 30.1.1925. Obwohl es nicht erforderlich war, wollte der Kirchenrat noch vor der Synode eine Stellungnahme des Geistlichen Ministeriums erbeten (ebd., Bl. 11, Protokoll der Sitzung vom 5.5.1925).

Zurück zum Text  25. KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 18, Ordinationsantrag von Sophie Kunert vom 25.9.1925 mit befürwortendem Votum des Anstaltsdirektors. Sie beantragte ausdrücklich die Vollmacht zur Verwaltung von Wort und Sakrament.

Zurück zum Text  26. Kunert (wie Anm. 21), S. 1-2.

Zurück zum Text  27. Beckmann (wie Anm. 21), S. 2-4. Auch im Kirchenrat setzte er sich für die Ordination von Sophie Kunert ein. Als Kompromiß schlug er vor, daß sie Taufen und Abendmahl nur gegenüber Gefängnisinsassen vornehmen sollte. Eine grundsätzliche Entscheidung über die Beschäftigung von Theologinnen sollte damit aber nicht verbunden sein (KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 19, Protokoll der Sitzung des Kirchenrats vom 1.10.1925). In "Die Frau", dem Organ des Bundes Deutscher Frauenvereine, setzte er sich im Oktober 1926 erneut für die Ordination von Frauen ein: Heinz Beckmann, Die Frau im evangelischen Kirchenamt. Ein Brief. In: Die Frau 34 (1926/27), S. 7-9. Für besonders wichtig hielt er die Zulassung der Frauen "zum prophetischen Amt der Wortverkündigung. Das ist d a s Amt der evangelischen Kirche." (ebd., S. 9). Gegen diesen Beitrag grenzte sich der Hamburger Pastor Paul Ebert massiv ab (s.u. S. XXX), ebenso wie ein ungenannter Verfasser im "Reichsboten", der hier eine Beeinflussung des Hauptpastors durch seine in der Frauenbewegung engagierten Schwestern Emmy und Hanna Beckmann sah (Aus Hamburg geschrieben: Fräulein Pastorin. In: Der Reichsbote 54. Jg. Nr.93 vom 22.4.1926, unpaginiert).

Zurück zum Text  28. Wilhelmi (wie Anm. 21), S. 4-7. In der Diskussion innerhalb der bayerischen Landeskirche wurde sogar als "natürliche Lösung" den männlichen Prüfungskandidaten empfohlen, eine theologische vorgebildete Frau zu ehelichen, um so der Kirche das Problem der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten für Theologinnen abzunehmen (vgl. Nützel [wie Anm. 17], S. 197). Als kostenlose Hilfsarbeiterinnen waren die Frauen der Kirche also willkommen, nicht jedoch als gleichberechtigte und -bezahlte Bedienstete!

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de