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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


In der Halbmonatschrift für kirchliches Leben "Das evangelische Hamburg" wurde diese Debatte durch zwei kontroverse Beiträge fortgesetzt: Pastor Friedrich Sauerlandt (1877-1941) begrüßte grundsätzlich auch über den konkreten Einzelfall hinaus die Ordination von Frauen, wobei er darauf verwies, daß sie sich in Amerika bereits bewährt habe. Die Geschichte sei in einer steten Entwicklung begriffen, so daß diese Veränderung nicht mit dem Argument der Tradition abgelehnt werden könne. Er betonte den tiefen Ernst und die hohe Motivation von Frauen, die sich zum Theologiestudium entschlossen haben. Sein Plädoyer schloß mit dem Ausruf: "Heißen wir solche Theologinnen also als unsere Mitarbeiterinnen herzlich willkommen, und danken wir Gott dafür, daß er gerade in der jetzigen schweren Notzeit der Kirche ihr diese wertvollen Hilfskräfte schenkt!"(29)

Ganz anders sah sein Amtsbruder Ernst Bauer (1879-1959) diese Frage. Er hielt selbst die eingeschränkte Ordination, wie Sophie Kunert sie erbeten hatte, für "ein Zugeständnis an die moderne Frauenbewegung, die in ihrer heutigen Zuspitzung und Ausprägung nicht gottgewollt sein kann", für eine "Verleugnung der von Christus gegebenen Grundlagen unseres Amtes". Er argumentierte weiter mit einem Frauenbild, das weitverbreitete Anschauungen widerspiegelte: Die Natur der Frau liege im Dienen, daher könne sie als Mutter, Lehrerin, Missionarin und Seelsorgerin tätig sein, "aber man halte sie fern von Altar und Kanzel". Die Ordination der Frau würde sich nicht mit dem apostolischen Amt vertragen, sie wäre die kirchliche Krönung der "Unnatur der Frauenbewegung". Frauen wäre eine "ungewöhnlich reiche Wirkung gesichert (...) als die Bildnerin des entstehenden Kindes, als die Gebärerin, als die einflußreichste Erzieherin, als die stille, aber starke Gestalterin jedes Manneslebens (...)". Würde sie daneben auch in der Öffentlichkeit wirken, wären die Männer benachteiligt und die Kirche würde an diesem Verzicht auf das "Gottgewollte, Naturgegebene (...) schwersten Schaden nehmen". Im konkreten Fall der Gefängnisseelsorge schlug er einen verstärkten Einsatz männlicher Arbeitskräfte vor, um einer etwaigen Mangelsituation begegnen zu können.(30)

Die Gegner der Frauenordination betrachteten die Arbeit des Pfarrers als geschlechtsneutral und allgemeingültig, wohingegen die der Vikarin geschlechtsspezifisch ausgeprägt sei. Hinter dieser Argumentation stand eine biologisch legitimierte Festschreibung bestimmter als männlich oder weiblich definierter Verhaltensweisen und Fähigkeiten. In diesem letzten zitierten Votum wird sehr deutlich, daß die Ablehnung der Frauenordination aus der Angst vor dem Verlust einer männlichen Machtposition resultierte.(31)

Am 2.Dezember 1925 hatte die Mehrheit des Geistlichen Ministeriums ein Gutachten erstellt und gegen die Ordination von Sophie Kunert keine Bedenken erhoben, sofern diese "so erteilt wird, dass Fräulein Kunert die daraus stammenden Rechte nur in den weiblichen Abteilungen von Strafanstalten ausüben kann".(32) Das Kollegium der Geistlichen des 2. Kirchenkreises betonte über diesen Einzelfall hinaus, daß es jede grundsätzliche Folgerung "zugunsten einer allgemeinen Zulassung der Frau zum geistlichen Amt durchaus ablehnt".(33) 25 der 92 Mitglieder des Ministeriums, ein Viertel also, verfaßten ein Minderheitsgutachten, da ihre "ernsten Bedenken" in der Sitzung des Ministeriums durch Mehrheitsbeschluß "unterdrückt" worden seien. Die Ordination einer Frau, die sie - hier wird die Terminologie Wilhelmis deutlich - als "sentimentale Modemeinung" charakterisierten, stünde im "Gegensatz zu der gesamten Überlieferung der Kirche". Die Sakramentsverwaltung durch eine Frau wurde abgelehnt, vielmehr sollte diese gemeinsam mit den von ihr betreuten Frauen bei einem Pastor das Abendmahl einnehmen. Eine weitere Gefahr wurde in der möglichen Veränderung der Formen durch die Frau gesehen: "Unsere moderne Individualpsychologie hat uns gezeigt, dass gerade das weibliche Geltungsstreben nach neuen, ungewohnten Formen sucht und viele weibliche Gemüter auf Abwege lenkt." Hier wurde versucht, gegen den modernen Gedanken der Gleichberechtigung der Frau als Theologin mit der modernen Wissenschaft Psychologie zu argumentieren, um nicht selbst als antimodern zu gelten.(34)

Der Kirchenrat hatte sich zwischenzeitlich beim Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß informiert, ob andere Landeskirchen bereits Frauen ordiniert hätten, was nicht der Fall war. Neben ablehnenden Voten hatten sich Hannover, Thüringen, Mecklenburg-Schwerin, Pfalz, Oldenburg, Frankfurt und Lübeck freundlich zu dieser Frage geäußert. Auf Initiative des Seniors und nach längerer Debatte beantragte der Kirchenrat bei der Synode die Ordination von Sophie Kunert mit der Einschränkung, daß sie geistliche Amtshandlungen nur in den Hamburger Frauengefängnissen in Zusammenhang mit ihrer dortigen seelsorgerlichen Tätigkeit vollziehen dürfe. Diese genaue Regelung sollte jegliche Aktivität über den Kreis der weiblichen Strafgefangenen hinaus unmöglich machen, um das männliche Sakramentsmonopol außerhalb der festummauerten Grenze zu sichern.(35)

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Zurück zum Text  29. Den Mangel an Theologen in der evangelischen Kirche betonte auch Walter Windfuhr (wie Anm. 16).

Zurück zum Text  30. Die beiden Beiträge sind abgedruckt unter dem Titel "Ordination einer Frau?" in: Das evangelische Hamburg 1926, S. 65-67.

Zurück zum Text  31. Henze (wie Anm. 8), S. 22.

Zurück zum Text  32. KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 29, Senior Stage an den Kirchenrat 7.1.1926, das Gutachten vom 2.12.1925 zitierend. Daur (wie Anm. 21), S. 265, gibt unter diesem Datum eine spätere, modifizierte Äußerung wieder.

Zurück zum Text  33. KiA Hbg., PA Kunert, Bl.31, Senior Stage an den Kirchenrat 6.1.1926.

Zurück zum Text  34. Ebd., Minderheitsgutachten an den Kirchenrat vom 12.12.1925, ohne Unterschrift. Die mögliche Ordination von Sophie Kunert wurde als Ordination einer Sozialpädagogin disqualifiziert, obwohl sie - wie männliche Geistliche - beide theologischen Examina abgelegt hatte. Grundsätzlich hielten die Verfasser die Gefängnisseelsorge durch Sozialpädagogen, auch wenn sie das zweite Examen abgelegt hätten, für bedenklich.

Zurück zum Text  35. Ebd., Bl. 36, Protokoll der Sitzung des Kirchenrats vom 21.1.1926; vgl. Das evangelische Hamburg 20 (1926), S. 45-47, S. 59 und S. 69. Drei Wochen später, am 11.2.1926, wurde der Antrag modifiziert und die Absicht der Direktion der Hamburger Strafanstalten, Sophie Kunert die geistliche Amtswirksamkeit in den Frauenanstalten ausüben zu lassen, einbezogen (KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 41). Die genaue Antragsformulierung findet sich auch im Protokoll der 129.Sitzung der Synode am 25.3.1926, Tagesordnungspunkt 3.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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