fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


Überraschend zog der Kirchenrat in der Sitzung der Synode am 25.3.1926 seinen Antrag zurück, wobei den einzelnen Fraktionen der Synode "vertrauliche Mitteilungen in dieser Sache zugegangen seien". Hintergrund sei die zu diesem Zeitpunkt schwebende, später aber nicht erfolgte Anstellung von sechs Sozialpädagogen für die Gefängnisse, die Geistliche sein sollten.(36) Ausschlaggebend war aber wohl die ablehnende Haltung der einflußreichen "positiven" Fraktion der Synode, die sich schon vorab gegen den Antrag des Kirchenrates ausgesprochen hatte. (37)

Die Diskussion vom Jahresanfang wurde in der kirchlichen Öffentlichkeit wieder aufgenommen; die Gegner der Frauenordination setzten ihre publizistischen Bemühungen fort. Im April erschien in der in Leipzig verlegten Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung ein namentlich nicht gezeichneter Artikel, der weite Teile des Minderheitsgutachtens wörtlich übernahm. Verfasser war der Hamburger Pastor Paul Ebert (1865-1944), der sich politisch in der extremen nationalistischen Rechten engagierte und Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes war. Er schilderte Hamburg als eine Stadt, in der "immer schon Frauenrechtlerinnen einen starken Widerhall ihrer Bestrebungen" fanden; in der Hamburgischen Landeskirche würden die "größten kirchlichen und theologischen Gegensätze einigermaßen friedlich beieinander wohnen". In der Gefängnisseelsorge sei ein Notstand eingetreten, weil der "neue, radikal geleitete Staat" die Stellen der staatlichen Gefängnisgeistlichen durch Nichtwiederbesetzung bis auf eine habe eingehen lassen. Dazu ist zu bemerken, daß nach 1919 der Vorkriegssenat - trotz sozialdemokratischer (SPD) Mehrheit in der Bürgerschaft - weitgehend im Amt belassen worden war. Seit 1925 regierte eine Koalition aus SPD, Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Deutscher Volkspartei (DVP), zum Zeitpunkt dieser Debatte stellte die SPD keinen Bürgermeister! So neu und radikal war dieser Senat also keineswegs, wenngleich der konservative, antirepublikanische Verfasser wohl noch durch die Aufhebung des Religionsunterrichts an den Schulen von 1918 bis 1920 geprägt war.(38) Diese "im Überschwang ihrer kommunistischen Grundsätze" vollzogene Maßnahme habe sich dann als Fehler erwiesen, doch "duldeten ihre sozialistischen Grundsätze nicht", daß der Senat wieder Pastoren einstelle, so daß auf Sozialpädagogen zurückgegriffen würde. Der Verfasser plädierte nun dafür abzuwarten, bis der Staat die abgebauten Gefängnispastorenstellen wieder besetzte. Würden den Frauen alle Kirchenämter offenstehen, hätte man "den kirchlichen Feminismus in höchster Blüte, und mit ihm ein neues, äußerst gefährliches Moment der Zersetzung unseres kirchlichen Lebens". Mit der Bibel wurde zu begründen versucht, daß "Apostolat und Predigtamt grundsätzlich M a n n e s a m t " seien, weswegen ein weiblicher Pastor "ein Stück moderner Schwarmgeisterei" wäre. In einer 1927 erschienenen Broschüre wollte Ebert den Frauen spezifische Examina und entsprechende Aufgabengebiete zuweisen, die "typisch weiblichen" Eigenschaften nachkommen sollten: Diakonie, Innere Mission, Psychologie und Nationalökonomie sollten die Stoffe der weiblichen Ausbildung sein, ihre Arbeitsgebiete Seelsorge an Frauen in Anstalten, Krankenhäusern und Heimen, Religionsunterricht und "Führung der weiblichen Jugend als Jugendpfarrerin". Eine Konkurrenz zum Amt des Pastoren sollte damit vermieden werden, wie Ebert explizit festhielt - Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung müßten dem Manne vorbehalten bleiben.(39) Die hier vorgetragenen Begründungen gegen die Frauenordination und die darin deutlich werdenden männlichen Ängste vor Frauen als Konkurrentinnen auf einem bislang von ihnen ausschließlich dominierten Gebiet bestimmten auch die weitere Diskussion ganz erheblich.

Erst Mitte Dezember 1926 wurde die Synode mit dieser Thematik befaßt. Die "positive" Fraktion hatte erfahren, daß Sophie Kunert bereits das Abendmahl ausgeteilt habe, und verlangte daher, daß der Antrag des Kirchenrates von der Tagesordnung abgesetzt werden sollte. Diese Frage war den "Positiven" so wichtig, daß sie Fraktionszwang beschlossen und erwogen, in der Verfassung verankern zu lassen, daß nur Männer Geistliche sein könnten.(40) Senior Stage betonte dagegen in der Synodensitzung, daß es sich bei dem Antrag des Kirchenrats, Frau Kunert zu ordinieren, nur um einen Einzelfall handeln würde; das geistliche Amt solle nicht grundsätzlich für Frauen freigegeben werden. Hintergrund war der oben geschilderte Bedarf im Bereich der Gefängnisseelsorge. Da außer Wilhelm Lüder als letztem Staatsgeistlichen nur noch der Hilfsprediger Johannes Rhine (1896-1976) in den Gefängnissen tätig war, galt die Ordination von Sophie Kunert dem Kirchenrat als dringend erforderlich. Pastor Johannes Reinhard (1870-1964) schlug vor, sie nicht zu ordinieren, sondern sie als Pfarrhelferin anzustellen, die in den Frauengefängnissen das Evangelium verkünden und das Recht der Abendmahlsausteilung besitzen sollte. Zur Klärung der Frage wurde ein Ausschuß "betr. Ordination von Fräulein Kunert" eingesetzt, der ausschließlich aus Männern bestand.(41)

Dieses Gremium erörterte zu Beginn des Jahres 1927 die Situation in anderen Landeskirchen, von denen nur vier sich für eine Ordination von Frauen ausgesprochen hätten. Bevor der Ausschuß einen Bericht verfassen wollte, sollte die Stellungnahme des Geistlichen Ministeriums abgewartet werden.(42) Einige Pastoren, darunter Paul Ebert, Richard Remé - Pastor an St.Gertrud - und der spätere Landesbischof Franz Tügel, sahen schon im Ablegen des Zweiten Examens durch Sophie Kunert eine verfassungsmäßig nicht geregelte Situation.(43) Das Ministerium hielt die Ordination von Theologinnen grundsätzlich für kirchengesetzlich regelungsbedürftig, Sophie Kunert sollte vorläufig Seelsorge und Wortverkündigung gestattet, die Sakramentsverwaltung aber vorbehalten werden.(44) Ebenso lehnte der Ausschuß der Synode ihre Ordination ab, selbst in einer Notlage sollte sie das Sakrament nicht austeilen dürfen.(45)

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  36. KiA Hbg., Protokoll der 129.Sitzung der Synode am 25.3.1926, 11, und der 133.Sitzung vom 16.12.1926, 7. Im Entwurf des hamburgischen Staatshaushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1926, Abschnitt 25, war die eine Stelle des Gefängnisgeistlichen mit dem Vermerk "fällt bei Freiwerden fort" gekennzeichnet. In der Haushaltsdebatte im Juni 1925 forderte die kommunistische Fraktion die Streichung dieser Stelle, wohingegen Senator Paul de Chapeaurouge (1876-1952) die Notwendigkeit der geistlichen Betreuung der Gefangenen betonte (26.Sitzung der Bürgerschaft zu Hamburg am 26.6.1925, Stenographische Berichte, S. 508).

Zurück zum Text  37. KiA Hbg., Nachlaß (NL) Theodor Knolle, B 1,2, Protokoll der Sitzung der positiven Fraktion vom 3.3.1926. Ihr Vorsitzender, der Jacobi-Hauptpastor Karl Horn (1869-1942), sah als Konsequenz des Antrages eine "Zerreissung der Gemeinde, wenn jede Gruppe Beamtete nach ihrem Bedürfnis erhalte." Außerdem sei auch "ohne Sakraments-Verwaltung eine fruchtbare Seelsorge möglich." In dieser Angelegenheit sollte sogar direkt vor der Synodensitzung eine Sondersitzung der Fraktion stattfinden (ebd., Protokoll vom 17.3.1926).

Zurück zum Text  38. Rainer Hering, Sozialdemokratisch beeinflußter Staat und Lutherische Kirche in Hamburg: Die Auseinandersetzung um den Religionsunterricht 1918 bis 1921. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte (ZHG) 78 (1992), S. 183-207.

Zurück zum Text  39. "Ein weiblicher Pastor?" In: Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung 59 (1926), S. 349-353, Hervorhebung im Original; der Beitrag "aus Hamburg" ist nur mit einem "e" unterzeichnet, was auf Ebert hinweist, da er 1927 drei weitere Artikel zu diesem Thema in dieser Zeitung publizierte und diese als Broschüre erneut herausgab, wobei die Argumentation weitgehend identisch ist: Paul Ebert, Was soll aus unseren Theologinnen werden? Leipzig 1927, dort zu den weiblichen Aufgaben S. 13-15, zur Konkurrenz S. 16. Zu den politischen Aktivitäten Eberts siehe Hamburger Nachrichten Nr.356 vom 3.8.1923. - Reinhard Behrens, Die Deutschnationalen in Hamburg 1918-1933. Phil. Diss. Hamburg 1973, S. 40.

Zurück zum Text  40. KiA Hbg., NL Theodor Knolle, B 1,2, Protokoll der Sitzung der positiven Fraktion vom 8.12.1926.

Zurück zum Text  41. KiA Hbg., Protokoll der 133.Sitzung der Synode am 16.12.1926, S. 1 und S. 4-7. - Hamburgische Kirchenzeitung 1927, S. 12f. - Das evangelische Hamburg 21 (1927), S. 9. Die Ausschußmitglieder waren die Herren Aly, Beckmann, Ebert, Hoorns, Junge, Remé, Bürgermeister Schröder und Schütt, den Vorsitz führte Senior Horn (KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 60, Protokoll der 1.Sitzung des Ausschusses vom 7.1.1927). Mit den Pastoren Ebert und Remé waren zwei vehemente Gegner der Frauenordination in den Ausschuß berufen worden.

Zurück zum Text  42. KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 60, Protokoll der 1.Sitzung des Ausschusses vom 7.1.1927.

Zurück zum Text  43. Ebd., Bl. 62, Einladung zur Sitzung des Ministeriums am 19.1.1927.

Zurück zum Text  44. Ebd., Bl. 66, Senior Stage an Kirchenrat 3.2.1927. Hauptpastor Beckmann hatte vergeblich versucht, ein Votum für die Ordination von Sophie Kunert zu erlangen. Mit 12 Stimmen Mehrheit setzte sich aber der Antrag von Wilhelm Remé - Pastor an der Friedenskirche Eilbek - durch (ebd., Bl. 68, Protokoll der 2.Sitzung des Ausschusses der Synode vom 11.2.1927).

Zurück zum Text  45. Ebd., Bl. 68, Protokoll der 2.Sitzung des Ausschusses der Synode vom 11.2.1927. In der Erörterung setzte sich neben Heinz Beckmann noch Dr. Hermann Junge für die Ordination ein. Er war der Meinung, daß "man eine verstärkte Mitarbeit der Frau in religiösen Dingen auf die Dauer nicht werde aufhalten können. Einen vorsichtigen Schritt in dieser Richtung solle man tun. Man solle die Gründe gegen eine Ordination nicht aus der Tradition hervorsuchen" (ebd.).

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de