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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


In der März-Sitzung der Synode wurde der Ausschuß-Bericht vorgetragen und nach kontroverser Diskussion eine endgültige Regelung vertagt bis das Ministerium eine grundsätzliche Stellungnahme abgegeben habe. Bis dahin sollte Sophie Kunert ihren Dienst im Frauengefängnis ohne Sakramentsverwaltung ausüben.(46) Dieses Ergebnis wurde öffentlich kritisch diskutiert: Hermann Junge (1884-1953), der spätere Leiter der Evangelischen Akademie in Hamburg, betonte in einem Artikel, daß die Formen in der Kirche zeitgebunden und - wie die Einführung des Frauenstimmrechtes in der Kirche zeige - oftmals schnellen Wandlungen unterworfen seien. Gerade der bisherige Erfolg der seelsorgerlichen Arbeit von Frau Kunert rechtfertige es, ihr auch die vollen geistlichen Rechte zu übertragen. Frauen betonten, daß der Weg zur Pfarrerin mit allen Rechten eine "gesunde natürliche Entwicklung" sei bzw. Frauen "mit dem vielfach feineren menschlichen Verständnis" eher zu diesem Beruf geeignet seien als Männer. Die "Hamburger Nachrichten" meldeten, daß angeblich Frauen den Kirchenaustritt planten, falls weibliche Pastoren nicht eingestellt werden würden. (47)

Senior Stage hatte über die Anstellungsfähigkeit von Frauen ein Rechtsgutachten erstellen lassen. Es kam zu dem Ergebnis, daß die Formulierung "Kandidaten" im Paragraphen über die Pastorenwahl in der Verfassung (§ 30, 1) die Wahl von Frauen ausschließe und daher eine Änderung der Verfassung erforderlich sei.(48)

Bereits zwei Monate später, am 11. Mai 1927, wurde in der Sitzung des Geistlichen Ministeriums eine entsprechende gesetzliche Regelung betreffend den kirchlichen Dienst von Frauen mit 42 gegen 34 Stimmen angenommen.(49) Gegen die dort getroffenen Regelungen bildete sich eine Opposition, die ein Minderheitsgutachten verfaßte. Führend daran beteiligt war der Pastor an der Friedenskirche Eilbek, Wilhelm Remé (1871-1965).(50) Die Vertreter der Minderheit, die zwar "die Mitarbeit der Frau im kirchlichen Dienst willkommen" hießen, aber das erörterte Gesetz ablehnten, da sie es in einigen Punkten nicht mittragen konnten, waren mit fast allen Einwänden letztendlich erfolgreich. Die vorgesehene regelmäßige Sakramentsverwaltung durch eine Frau in Frauenanstalten wurde kritisiert, weil dadurch die Gefahr bestehe, daß "die Empfängerinnen nach Rückkehr in ihre Gemeinden der vom Mann verwalteten Gemeinde-Abendmahlsfeier entfremdet werden". In der Endfassung wurde diese auf "besondere Fälle der Einzelseelsorge" und auf die Entscheidung des Kirchenrates nach Vorschlag des zuständigen Pfarramts beschränkt (§ 9). Das Recht der Pfarramtshelferin auf Wortverkündigung in Andachts- und Bibelstunden wurde ausschließlich auf die vor Frauen und Jugendlichen gehaltene Wortverkündigung eingegrenzt. Darüber hinaus wurde im Gesetzestext deutlich gemacht, daß die Frauen keine Trauungen und Beerdigungen durchführen dürften und ihnen auch die pfarramtliche Gemeindepredigt sowie der Altardienst verwehrt sei (§ 8, Absatz 1). Nicht durchsetzen konnte sich die Minderheit mit der Forderung, Frauen auf keinen Fall Kindergottesdienste leiten zu lassen, weil damit "im Kindergottesdienst der männliche Teil unter Kindern und Mitarbeitern immer mehr ausgeschaltet" werde. Diese suggestive Formulierung verkehrte die tatsächliche Situation, nämlich die extreme Benachteiligung von Frauen in der Kirche, in ihr Gegenteil. Doch - die Zuordnung des Kindergottesdienstes zu den Aufgaben der Pfarramtshelferin war keine "Muß"-, sondern wie alle genannten Tätigkeiten nur eine "Kann"-Bestimmung, die nicht einklagbar war. Der Text dieses Votums machte - wie die vorangegangenen ablehnenden Beiträge - deutlich, daß sich die Pastoren, die selbst die durch das Gesetz sehr eingeschränkte Tätigkeit der Frauen noch weiter reduzieren wollten, in ihrer Machtposition bedroht fühlten. Ein wichtiges Instrument männlicher Herrschaft sollte die Sakramentsverwaltung bleiben, die nicht einmal in den ganz wenigen vom Gesetz zugelassenen Ausnahmefällen gestattet werden sollte.

22 Hamburger Kirchenvorsteherinnen verfaßten eine Eingabe an die Synode, in der sie das volle Pfarramt zur kirchlichen Versorgung der Frauen der evangelischen Gemeinden forderten und auf ein Mitspracherecht der christlichen Frauen in dieser Frage pochten. Damit gingen diese Laien über die Forderungen von Sophie Kunert deutlich hinaus. Der Verein der Theologinnen Deutschlands plädierte für ein eigenes Arbeitsgebiet der Frauen, "das sich weder mit dem einer Sozialbeamtin, noch mit dem des vollamtlichen Gemeindepfarrers (Gemeindeleitung) deckt". Darunter verstand er u.a. Seelsorge an Frauen und Mädchen, z.B. in Heimen, Gefängnissen und Krankenhäusern "einschließlich der damit verbundenen Wortverkündigung in Predigt und Sakrament", Religionsunterricht sowie die "Führung der weiblichen Jugend als Jugendpfarrerin". Beide Vorschläge gingen über den Gesetzesentwurf hinaus, unterschieden sich aber im Grad der Gleichstellung. Der zweite Entwurf wollte die Tätigkeit der Theologinnen ausschließlich auf Frauen beschränken, weswegen sie auch keine leitenden Funktionen in der Gemeinde ausüben können sollten. In der kirchlichen Hierarchie sollte der Mann weiterhin über der Frau stehen.(51)

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Zurück zum Text  46. KiA Hbg., Protokoll der 134.Sitzung der Synode vom 3.3.1927, S. 2-6, mit Anlage 1; ebd., NL Knolle, B 2, Protokoll der Sitzung der "positiven" Fraktion vom 23.2.1927. - Hamburgische Kirchenzeitung 1927, S. 45-46. - Das evangelische Hamburg 21 (1927), S. 67. Neben Heinz Beckmann hatte sich auch der Theologe Walter Classen gegen diesen Beschluß gewandt. Kurz vor der Sitzung hatten Gefangene des Frauengefängnisses gebeten, daß die Synode Sophie Kunert "alle Rechte zugestehen möge, die einem Pastoren in Hamburg zustehen" (ebd., PA Kunert, Bl. 83, Eingabe vom 1.3.1927). Auch die Ortsgruppe Hamburg des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes vertrat diese Forderung (ebd., Bl. 84, Schreiben vom 2.3.1927). Beide Schreiben waren den Synodalen nicht mehr mitgeteilt worden (ebd., Protokoll der 134. Sitzung der Synode vom 3.3.1927, S. 6).

Zurück zum Text  47. KiA Hbg., PA Kunert, Bl. 79-82, Herm(ann) Junge, Kann eine Frau ein geistliches Amt haben? In: Die Evangelische Gemeinde. Sonntagsblatt der Erlöserkirche 14.Jg. Nr.11 vom 13.3.1927, S. 85-87. - Hamburger Nachrichten 3.3. und 5.3.1927. - Margarethe Atzmann, Der Kampf um den weiblichen Pastor. Ein kritisches Stimmungsbild aus der Hamburger Synode. In: Die Freie Stadt Nr.6, S. 5-6. - Unbeschrifteter Artikel "Die Frau in der Kirche".

Zurück zum Text  48. KiA Hbg., AKr, B IX c 1.57 a, Bl.7ff, Gutachten vom 7.3.1927 an Senior Stage mit Bezug auf die Verfassung vom 30.5.1923 (Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Hamburgischen Kirche [GVM] 1923, S. 427-442, S. 434). Der Senior, der von der Synode aus dem Kreis der Hauptpastoren gewählt wurde, stand an der Spitze der gesamten Geistlichkeit; seine Stellung war nicht mit der eines Bischofs identisch (§ 38 der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im hamburgischen Staate vom 30.5.1923).

Zurück zum Text  49. KiA Hbg., AKr, B IX c 1.57 a, Bl. 19, Senior Stage an den Kirchenrat 21.5.1927. Im Kollegium des 2.Kirchenkreises wurde der Entwurf mit 4 gegen 3 Stimmen abgelehnt, in dem des 3.Kirchenkreises einstimmig angenommen. Der Kirchenrat entschied, den Gesetzentwurf des Ministeriums an die Synode weiterzureichen, "jedoch dabei zu erklären, daß der Kirchenrat sich den Wortlaut des Gesetzes nicht zu eigen mache" (ebd., Protokoll der Sitzung vom 4.8.1927).

Zurück zum Text  50. KiA Hbg., NL Theodor Knolle, E 5, Wilhelm Remé an Knolle und vertrauliches "Minderheitsgutachten betreffend das Gesetz theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche" vom 16.5.1927, auch in: Ebd., AKr B IX c 1.57a, Bl. 20f, Remé an Karl Horn 2.6.1927. Vgl. zu Remé: Günther Severin, Jahre einer Gemeinde. Eilbek 1872-1943. Hamburg 1985, bes. S. 122ff.

Zurück zum Text  51. KiA Hbg., AKr, B IX c 1.57 a, Bl. 24, Eingabe vom 13.10.1927; ebd., Abschrift ohne Datierung. Eine Mitunterzeichnerin der Eingabe der Kirchenvorsteherinnen war Hanna Beckmann, die Schwester des Nikolai-Hauptpastors.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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