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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


In der Herbstsitzung der Synode, am 20.Oktober 1927, wurde der Gesetzentwurf intensiv diskutiert. Der Michaelis-Hauptpastor und spätere Bischof Simon Schöffel (1880-1959) empfahl als Referent des Kirchenrates dessen Annahme und begründete die Ablehnung der Frauen als Pfarrerinnen mit dem stereotypen Argument der kirchlichen Überlieferung und dem Hinweis, daß an die Spitze der Gemeinde der Mann gehöre, "weil dieser den Kampf, der unvermeidlich ist, bestehen soll". Dem widersprach in der Aussprache Marianne Rasmussen als Vertreterin der Kirchenvorsteherinnen, die für die Frauen ein eigenes, selbständiges Amt forderten. Sie unterlag damit jedoch gegen die Mehrheit der Synode, ebenso wie mit dem Vorschlag, anstelle von "Pfarramtsheferinnen" den Titel "Vikarin" zu verwenden und diese mit beschließender, nicht nur beratender Stimme an Kirchenvorstandssitzungen teilnehmen zu lassen.(52)

So wurde das "Kirchliche Gesetz, betreffend die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche" mit mehr als zwei Drittel der Stimmen verabschiedet und am 8.November verkündet.(53) Frauen konnten nach dem Ersten Theologischen Examen das Vikariat und die zweite Prüfung ablegen; danach galten sie als "Pfarramtshelferinnen" für anstellungsfähig. Sie wurden Anstalten oder Pfarrämtern "mit Berücksichtigung der besonderen Aufgaben an Frauen und Mädchen angegliedert" ( 7), wobei ihre Tätigkeit im Einvernehmen mit dem zuständigen Pfarramt zu erfolgen hatte. Ihr Aufgabenbereich lag - wie schon angedeutet - in der Wortverkündigung in Andachts- und Bibelstunden vor Frauen und Jugendlichen, im Abhalten von Kindergottesdiensten oder Religionsunterricht, in der Vorbereitung und Mitarbeit (!) am Konfirmandenunterricht sowie in der seelsorgerlichen und sozialen Gemeindearbeit an Frauen und Mädchen ( 8). (54) Die Stellen von Pfarramtshelferinnen konnten nur mit Zustimmung des Kirchenrates von der Synode bewilligt werden ( 10); die Amtstracht der Helferinnen bestand "in einem geschlossenen schwarzen Kleide. Das Nähere bestimmt der Kirchenrat" ( 13). War eine Kandidatin fünf Jahre nach ihrem zweiten Examen noch nicht angestellt, so mußte sie ihre Eignung erneut nachweisen ( 17). Im Falle der Eheschließung schied sie ohne Anspruch auf Ruhegehalt aus dem Dienst der Kirche aus ( 18). Die Tätigkeit der Pfarramtshelferin wurde nicht als geistliches Amt verstanden, sie wurde zum Dienst eingesegnet ( 12), nicht ordiniert! Die Forderung der Frauenordination war damit keineswegs erfüllt worden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, daß durch dieses Gesetz Frauen in verstärktem Maße eine theologische Tätigkeit in der Hamburgischen Landeskirche ermöglicht worden, ihre generelle Gleichberechtigung aber noch weit entfernt war. Nicht nur in ihren Rechten und Wirkungsmöglichkeiten, auch in ihrer geistlichen und finanziellen Anerkennung waren sie trotz gleicher Vorbildung (Theologiestudium mit zwei Examina) in keiner Weise den Männern gleichgestellt, diesen vielmehr sogar unterstellt. Dadurch wurde ihre Autorität in der Gemeinde und auch gegenüber Außenstehenden, z.B. Behörden, erheblich geschwächt. Dies zeigte sich schon in dem Titel, der sie eher den Gemeindehelferinnen als den akademisch ausgebildeten Geistlichen zuordnete. Auch fehlte ihr ein klar abgegrenztes Aufgabengebiet, so daß an die für Akademiker übliche selbständige Tätigkeit nur bedingt zu denken war.(55) Zugleich wurden Frauen, die zahlenmäßig den größten Anteil der Gemeindemitglieder stellten und erheblich reger am Gemeindeleben teilnahmen als Männer, zurückgesetzt, da ihnen eine Ansprechpartnerin fehlte und die Kirchenleitung auch nicht auf die durch die Frauenbewegung gestellten Anfragen einging. (56) Daß die Verheiratung einer Theologin zum Ende ihrer beruflichen Tätigkeit ohne jegliches Ruhegehalt führte, war ein herber Rückschritt hinter den staatlichen Bereich, in dem Artikel 128 der Weimarer Reichsverfassung sämtliche Ausnahmebestimmungen gegen "weibliche Beamte", und damit insbesondere auch das Dienstende bei Eheschließung, aufhob. Diese Maßnahme der Kirche stand damit im Gegensatz zur demokratischen Republik.(57)

Als erste wurden am 5. Februar 1928 Sophie Kunert als Pfarramtshelferin für die weiblichen Abteilungen der Strafanstalten und zwei Wochen später, am 19. Februar, Margarete Braun (1893-1966) für den Gemeindedienst an St.Nikolai eingesegnet. Heinz Beckmann betonte in diesem Zusammenhang das Engagement dieser Frauen, die sich ohne Aussicht auf Erfolg zum Theologiestudium mit beiden Examina entschlossen hatten. Ihre Einsegnung sei ein wichtiger Tag für die Kirche und die Theologinnen.(58)

Am Ende der Weimarer Republik waren etwa 170 Theologinnen im Deutschen Reich berufstätig, davon allein 100 in Preußen, in Hamburg nur fünf. In der preußischen Provinz Hohenzollern sowie in den Ländern Baden, Oldenburg, Braunschweig und Anhalt nennt die Statistik keine berufstätige Theologin. Geht man von ca. 18.900 Geistlichen und Missionaren aus, so ergibt sich ein Frauenanteil von 0,9 Prozent. Hamburg liegt hier mit 2,6 Prozent weit über dem Durchschnitt. Das heißt aber nicht, daß alle Theologinnen in kirchlichem Dienst standen. Viele waren als Lehrerinnen oder - wie Sophie Kunert - in sozialen Berufen im Staatsdienst tätig.(59)

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Zurück zum Text  52. Ebd., Protokoll der 136.Sitzung der Synode vom 20.10.1927, S. 6-12, das Zitat S. 7. - Hamburgische Kirchenzeitung 1927, S. 108-112. - Das evangelische Hamburg 21 (1927), S. 291.

Zurück zum Text  53. Kirchliches Gesetz, betreffen die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche vom 8. November 1927 (GVM 1927, S. 58-59).

Zurück zum Text  54. In Frauenanstalten und geschlossenen Frauenabteilungen von Anstalten durfte die Pfarramtshelferin auf Beschluß des Kirchenrats und des zuständigen Pfarramtes in besonderen Fällen der Einzelseelsorge auch die Verwaltung der Sakramente übertragen werden ( 9), wie Sophie Kunert es in ihrem Beitrag erbeten und Heinz Beckmann in seinem Gutachten unterstützt hatte.

Zurück zum Text  55. Sophie Kunert bewertete das Gesetz so: "Man merkt es diesem Gesetz allenthalben an, daß es nicht geschaffen wurde, um zu gestalten, sondern um zu verhindern, um einer nicht gewollten Entwicklung von vornherein entgegenzutreten, ehe sie die Möglichkeit hat, sich Raum zu schaffen." Sie beklagte insbesondere, daß eine gesetzliche Entscheidung ohne praktische Erfahrungen getroffen worden war, daß man nicht einmal den Versuch mit Pastorinnen wagen wollte, und erinnerte daran, daß das Amt um des Evangeliums willen und nicht das Evangelium um des Amtes willen da sei (Sophie Kunert, Über das Gesetz zur Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Landeskirche. In: Die Frau 35 [1927/28], Dezember 1927, S. 163-166, das Zitat S. 163).

Zurück zum Text  56. Sophie Kunert, Theologin und Pfarramt. In: Die Frau 36 (1928/29), Mai 1929, S. 458-462, betonte, daß es für Frauen wichtig sei, ihnen durch eine Pastorin deutlich zu machen, daß es in der Kirche gerade auch um die Sache der Frau gehe. Sie sah eine Abstinenz der "geistigen Oberschicht der Frauen" von der Kirche als Indiz dafür. Zugleich veränderte sie ihre Position und betonte das volle Gemeindepfarramt für Frauen aufgrund ihrer Erfahrungen aus der Praxis heraus. Vgl. auch dies.: Die Entwicklung des ev. Theologinnenberufs. In: Frauen-Zeitung des Schwäbischen Merkur, Stuttgart. Nachrichtenblatt für die württembergischen Frauenvereine Nr.5 vom 31.1.19931, S. 1-2.

Zurück zum Text  57. Claudia Huerkamp, Revolution im Geschlechterverhältnis. Oder: Was haben die Revolutionen der letzten 200 Jahre in Deutschland den Frauen gebracht? In: Manfred Hettling (Hrsg.), Revolution in Deutschland? 1789-1989. Sieben Beiträge. Göttingen 1991, S. 106-121, S. 109 - Claudia Hahn, Der öffentliche Dienst und die Frauen - Beamtinnen in der Weimarer Republik. In: Frauengruppe Faschismusforschung (Hrsg.), Mutterkreuz und Arbeitsbuch. Zur Geschichte der Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Frankfurt/M 1981, S. 49-78, S. 54.

Zurück zum Text  58. KiA Hbg., AKr, B IX c 1.57 b, Bl. 4, Verpflichtung und Einsegnung einer Pfarramtshelferin. - Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Kirchlicher Bericht über das Jahr 1927 erstattet von Senior D.Stage. Hamburg 1928, S. 1. - Hamburgische Kirchenzeitung 1928, S. 89. - Heinz Beckmann, Einsegnung der Pfarramtshelferin. In: Hamburgische Kirchenzeitung 1928, S. 35-36. - Helene Sillem, Das Pfarramt der Frau in Hamburg. In: Evangelische Frauenzeitung Mai 1928, S. 126-127.

Zurück zum Text  59. Barthel (wie Anm. 6), S.77.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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