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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


4 Der lange Weg zur rechtlichen Gleichberechtigung

1947 wurde das Gesetz Tügels wieder aufgehoben und das von 1927 in leicht veränderter Form in Kraft gesetzt, wobei die oben skizzierten Aufgaben der Pfarramtshelferinnen zwar inhaltlich bestehen blieben, aber nicht mehr als "Kann"-Bestimmung formuliert waren ( 8).(72) Weitergehende Änderungen wurden nicht erwogen, allerdings plädierte Elisabeth Schulz in der Synode für eine grundsätzliche Regelung.(73) Daß in der Kirchenleitung das Bewußtsein für die - auch materielle - Schlechterstellung der Frauen vorhanden war, zeigt die geschilderte Erhöhung ihrer Bezüge Mitte der fünfziger Jahre.(74) In der westfälischen und der rheinischen Kirche wurden 1949 bzw. 1950 Vikarinnengesetze verabschiedet, die aufgrund der "schöpfungsmäßigen Unterschiedenheit von Mann und Frau" die Frauen weiterhin den Männern unterordneten und ihren Aufgabenbereich wie in den zwanziger Jahren deutlich beschränkten. Allerdings gestattete man ihnen jetzt die Sakramentsverwaltung - damit waren diese Kirchen der Hamburger ein Stück voraus. (75)

Seit 1958 wurden in Schweden sowie verschiedenen Landeskirchen der EKD gesetzliche Regelungen erlassen, die aber zunächst keine grundsätzliche Diskussion auslösten, obwohl sie z.T. eine völlige Gleichstellung der Theologinnen beinhalteten. Hintergrund war die langjährige Debatte im staatlichen Bereich, die in der Bundesrepublik dazu führte, daß am 1.7.1958 das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft trat. Hier zogen dann einige Kirchen gleich bzw. nach: Am 21.5.1958 wurde die Einführung von Frauen in der Pfälzischen Landeskirche ermöglicht, d.h. sie konnten ordiniert werden, erhielten die Amtsbezeichnung "Pfarrerin", durften mit Einverständnis des Presbyteriums auch die Leitung einer Gemeinde übernehmen und konnten in Ausnahmefällen sogar nach der Eheschließung, dann allerdings nicht mehr in der Gemeinde, tätig bleiben. Bereits ein Jahr zuvor fand die finanzielle Gleichstellung mit den Pfarrern statt, nachdem schon im November 1944 ein Gesetz über die Dienstverhältnisse von Theologinnen verabschiedet worden war. Zeitgleich erließ auch die Kirche in Anhalt ein "Kirchengesetz über das Amt der Pastorin". Zum 1. September desselben Jahres verabschiedete die Kirche in Lübeck ein Gesetz über die Errichtung einer Planstelle für die übergemeindliche Frauenarbeit, die mit einer unverheirateten Theologin besetzt werden sollte, und 1962 erließ die Evangelische Kirche der Union eine "Verordnung über das Amt der Pastorin". Frauen erhielten nun die Amtsbezeichnung "Pastorin", durften auch in ein reguläres Pfarramt berufen werden und wurden wie die Pastoren besoldet. Ihr Dienstverhältnis endete jedoch, wenn sie heirateten, wobei eine Abfindung gezahlt wurde; in Ausnahmefällen konnte auch nach der Eheschließung das Dienstverhältnis fortbestehen. Weitere Pastorinnengesetzte wurden im Dezember 1961 in Kurhessen-Waldeck und im März 1962 in Bremen verabschiedet. Die volle Gleichstellung erfolgte in der Westfälischen und der Rheinischen Landeskirche erst 1974. 1966 verabschiedete die Synode der evangelischen schleswig-holsteinischen Landeskirche ein Gesetz, das Frauen erlaubte, als Pastorinnen in den Gemeinden zu arbeiten. Zu dieser Entwicklung dürfte auch der akute Pfarrermangel in den sechziger Jahren beigetragen haben.(76)

1963 forderte der Konvent evangelischer Theologinnen Deutschlands mit drei Gutachten die Gleichberechtigung der Frauen als Geistliche. Die Autorinnen betonten, daß die Kirche in Umbruchssituationen bei der Akzeptierung neuer Lebensformen erheblich zurückhaltender sei als andere kulturelle Gruppen, weil in Neuerungen menschliche Selbstherrlichkeit gesehen werde; Soziologen sprechen hier von einem "cultural lag". Ausgangspunkt sei die in der Gesellschaft postulierte Partnerschaft von Mann und Frau. Daher solle die Frau auch in der Kirche nicht nur als passive Empfängerin in der Subordination stehen. Ebensowenig sei sie nur eine "besondere Fachkraft für den Weiblichen Sektor", vielmehr sollte sie in voller Verantwortung für jeden Dienst beauftragt werden können. Auch die Leitung der Gemeinde dürfe ihr nicht länger verschlossen bleiben.(77)

Die Frage der Frauenordination bzw. der Verwendung "theologisch vorgebildeter Frauen" - wie die voll ausgebildeten Frauen mit beiden Examina, was oft abwertend wirkte, bezeichnet wurden - stand in den folgenden Jahren auch in Hamburg mehrfach zur Diskussion - allerdings nur kirchenintern, nicht öffentlich. Dabei fällt auf, daß diese Landeskirche im Vergleich zu anderen sehr rückständig gewesen ist. Es drängt sich der Eindruck auf, daß hier von verschiedener Seite eine Verzögerungstaktik betrieben worden ist, die die Aufrechterhaltung der männlichen Vorherrschaft zum Ziel hatte. Während von der Synode mehrfach die Initiative zur Verabschiedung einer gesetzlichen Regelung ausging, blockierte die kirchenleitende Elite bzw. verzögerte das Verfahren erheblich. Der erste Entwurf des Kirchenrates schränkte zudem die Stellung der Pastorin erheblich stärker ein, als der des entsprechenden Ausschusses der Synode.

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Zurück zum Text  72. Gesetz betr. theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche vom 8.November 1927 in der Fassung vom 30. Januar 1947 (GVM 1947, S. 8-9). Für die Nachkriegsentwicklung standen kirchliche Akten nur bedingt zur Verfügung, so daß etliche Entwürfe, z.B. von Gutachten und Gesetzesvorlagen, daher nur indirekt zu rekonstruieren waren.

Zurück zum Text  73. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Landessynode. Niederschrift über die 6.Sitzung am 30.1.1947, S. 14-15.

Zurück zum Text  74. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Landessynode. Niederschrift über die 50.Sitzung am 8./9.3.1956, bes. S. 14.

Zurück zum Text  75. Jähnichen (wie Anm. 18), S. 100.

Zurück zum Text  76. Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Deutschland 1958, S. 321 und 345-346; 1962, S. 359-360, 538, 625-626. - Verhandlungen der Landessynode der Protestantischen Landeskirche der Pfalz 1958, S. 7ff. - Die Theologin (wie Anm. 66). - Das Weib schweigt nicht mehr. Wie das Amt der Theologin Wirklichkeit wird. Ausstellungskatalog. 2. Aufl. Göttingen o.J., bes. S. 48-49. - Birgitt und Traugott Jähnichen, Das Pastorinnengesetz. Ein erster Schritt zur Gleichstellung der Theologinnen. In: Günter Brakelmann/Traugott Jähnichen (Hrsg.), Kirche im Ruhrgebiet. Essen 1991, S. 156-159. - NKZ 67.Jg. Nr.39 vom 29.9.1991, S. 6. - Evangelische Kommentare 5/1992, S. 260. Den Stand zu Beginn der sechziger Jahre faßt zusammen: Heinz Brunotte, Das Amt der Theologin. In: Deutsches Pfarrerblatt 62 (1962), S. 193-197.

Zurück zum Text  77. Die Theologin im Dienst der evangelischen Kirche. Ein Gutachten des Konventes evangelischer Theologinnen Deutschlands (Die Theologin. Sondernummer März 1963). Hamburg 1963. Die Autorinnen waren Christine Bourbeck, Marianne Timm und Elisabeth Haseloff.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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