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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


1958 erarbeitete der Kirchenrat einen Gesetzentwurf über das Dienstverhältnis von Theologinnen mit erstem ("Vikarinnen") und zweitem Examen ("Pfarrvikarinnen"). Für letztere sollten besondere Planstellen geschaffen werden ( 4 Abs.3), wobei erst mit einem Jahr Wartezeit nach dem zweiten Examen die Aufnahme in die Bewerberliste erfolgen durfte ( 4 Abs.1). Anstelle der Ordination wurde die in den zwanziger Jahren geschaffene "Einsegnung" beibehalten ( 6). Der Dienst der Theologinnen sollte "den besonderen Gaben der Frau entsprechen" ( 7 Abs.1), der exakte Aufgabenkreis in einer speziellen Ordnung festgelegt werden ( 7 Abs.3). Während ihnen die Wortverkündigung und Einzelseelsorge ohne Einschränkung zugestanden werden sollten, blieb die Sakramentsverwaltung einer separaten Übertragung durch den Bischof vorbehalten ( 8). Das Geistliche Ministerium befürwortete 1959 den Entwurf und schlug vor, auf die Definition des Frauenamtes als Dienstes "eigener Art" ( 1) zu verzichten und die Theologinnen grundsätzlich auch mit der Sakramentsverwaltung zu beauftragen.(78) Bereits ein Jahr zuvor hatte das Ministerium ein zustimmendes Votum abgegeben, was der damalige Landesbischof Volkmar Herntrich (1908-1958) aber nicht akzeptiert haben soll. Sein Nachfolger im Amt, Karl Witte (1893-1966), gehörte zu den vehementen Gegnern der Gleichberechtigung der Frauen im geistlichen Amt, so daß diese Thematik zunächst wieder in der Versenkung verschwand.(79)

Vier Jahre dauerte es, bis 1963 auf Initiative der Synode die "Frauenfrage" erneut kirchenöffentlich thematisiert wurde. Auf der Glücksburger Synode referierte der hannoversche Superintendent Gerhard Heintze über den Gesetzentwurf der Hannoverschen Landeskirche und der Hamburger Neutestamentler Leonhard Goppelt (1911-1973) sprach über die exegetischen und sozialethischen Hintergründe. Mit seiner Interpretation der paulinischen Schriften betonte der Hochschullehrer "die schöpfungsmäßigen Unterschiede zwischen Mann und Frau" und sprach sich für ein eigenständiges Amt der Theologin aus. Es gelte, die "neutestamentliche Vielgestalt der kirchlichen Ämter wiederzugewinnen". Spezifisch weibliche Aufgaben seien Unterweisung, Katechese, missionarische und seelsorgerliche Dienste, insbesondere Frauen- und Jugendarbeit - die vierzig Jahre zuvor vorgenommene Begrenzung der Theologinnen auf diese traditionellen Arbeitsfelder sollte perpetuiert werden. In diesem Zusammenhang hob er die angebliche Anpassungsfähigkeit der Frau hervor, die sie dafür besonders geeignet erscheinen lasse. Auf Antrag von zwanzig Synodalen sprach Goppelt ohne Diskussion unter Ausschluß der Öffentlichkeit, weil befürchtet wurde, daß die Presse diesen Punkt verstärkt aufgreifen würde. Die Synode beschloß, einen Ausschuß einzusetzen, um dieses Thema weiter erörtern und einen Bericht - keine Gesetzesvorlage ! - verfassen zu können. Unter den Mitgliedern des siebenköpfigen Gremiums sollten sich zwei Damen befinden. Warum diese in einer Angelegenheit, die die Frauen betraf, in so krasser Minderheit bleiben sollten, wurde zu keinem Zeitpunkt hinterfragt.(80)

Ein Jahr später, im November 1964, berichtete der Ausschuß "Die Frau und das Amt der Kirche" der Synode über die Ergebnisse seiner Arbeit. Betont wurde der Unterschied innerhalb der evangelischen Kirchen, von denen die Evangelische Kirche der Union (EKU) den Theologinnen das volle Pfarramt zugesteht, während die Vereinigte Evangelisch-lutherische Kirche (VELKD) in ihren Richtlinien von 1956 ihnen die Ordination versagt und auch nur in Notfällen und auf Zeit die Übernahme eines Pfarramtes gestattet. In Hamburg stünden - so der Ausschuß - die Theologinnen in allen wesentlichen Fragen abseits - z.B. könne keine Theologin Mitglied der Synode werden -, weswegen es an Nachwuchs mangele. Eine Neuordnung sei daher unbedingt erforderlich. Einschränkungen für verheiratete Theologinnen, wie sie das entsprechende Gesetz in Hannover vorsah, seien abzulehnen. Nach kontroverser Diskussion einigten sich die Synodalen darauf, den Bericht an das Geistliche Ministerium weiterzuleiten und den Kirchenrat zu bitten, der kommenden Synode einen Gesetzentwurf vorzulegen.(81)

Dazu kam es jedoch nicht, vielmehr setzte die neu gewählte, zweite Synode ein halbes Jahr später erneut einen Ausschuß ein, der bis zum Oktober 1966 einen Gesetzentwurf erarbeitete. Dieser Entwurf ging in einzelnen Punkten weiter als das in Hannover verabschiedete Pastorinnengesetz - Bischof Hans-Otto Wölber (1913-1989) sah darin sogar einen "starken Widerspruch" gegen das Ringen um die Einheit der VELKD. Bemerkenswert ist, daß hier - im Gegensatz zum später verabschiedeten Gesetzestext - die nach der Eheschließung ausscheidende Pastorin in jedem Fall die Rechte des geistlichen Standes behalten ( 3, Absatz 1) und der verheirateten Studentin oder Vikarin der Abschluß ihrer Berufsausbildung einschließlich des zweiten Examens garantiert werden sollte ( 4).(82) Die Synode erörterte im Februar 1967 Abschlußbericht und Gesetzentwurf des Ausschusses und ergriff somit erstmals eine Gesetzesinitiative. Doch bis zur Verabschiedung des Gesetzes sollte es noch weitere zwei Jahre bedürfen.(83)

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Zurück zum Text  78. KiA Hbg., Landeskirchenamt/Kanzlei Abt. Synode, 139, undatierter Gesetzentwurf sowie Auszug aus dem Kurzen Bericht der 51.Sitzung des Geistlichen Ministeriums in Glücksburg vom 3.-6.5.1959. An diese frühen Bemühungen erinnerte im November 1964 der Synodale Dr. Hans-Christian Freiesleben (Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 26.Sitzung am 5.11.1964, S. 28).

Zurück zum Text  79. So Pastor Julius Alexander Jensen rückblickend im Februar 1967 (ebd., Niederschrift der 12.Sitzung der Zweiten Synode am 23.2.1967, S. 25). Witte sei strikt gegen eine stärkere Berücksichtigung der Frauen gewesen, schon die Möglichkeit, Pfarrvikarin zu werden, sei ihm zuviel gewesen, was er oft sehr ironisch angemerkt habe (freundliche Mitteilung von Dr. Hans-Joachim Seeler vom 13.11.1992).

Zurück zum Text  80. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 19.Sitzung vom 23.5.-25.5.1963, S. 98-128. Einen Monat zuvor hatte die Generalsynode der VELKD in Nürnberg in nichtöffentlicher Sitzung auf Wunsch einiger Synodalen darüber diskutiert, worüber Herbert Scholtyssek berichtete.

In der 20.Sitzung der Synode am 27.6.1963 wurden - in der Reihenfolge der Stimmenzahl - als Mitglieder gewählt: Der Theologieprofessor Dr. Hans-Rudolf Müller-Schwefe, Dr. Hans-Christian Freiesleben - der den Vorsitz übernahm -, Senior Dr. Hans-Otto Wölber (der wegen Arbeitsüberlastung später ausschied, für ihn wurde Schulleiter Wolf Schmeißer kooptiert), Pastor Herbert Scholtyssek, Pastor Dr. Dietrich Schmidt, Dr. Hildegard Kipp und Frau Hella-Elfriede Barner, die aus gesundheitlichen Gründen bald ausschied und durch Hanna Schüßler ersetzt wurde (Niederschrift, S. 31-47, Namensliste S. 44). Beratend wurden Pfarrvikarin Marianne Timm und Kirchenrat Dr. Hans-Joachim Seeler hinzugezogen. Der Ausschuß tagte vom 14.11.1963 bis zum 22.10.1964 siebenmal, vgl. die Protokolle in: KiA Hbg., Landeskirchenamt/Kanzlei Abt. Synode, 139. - Freundliche Mitteilung von Dr. Dietrich Schmidt vom 14.11.1992.

Zurück zum Text  81. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 26.Sitzung am 5.11.1964, S. 28-41. Zu Hannover: Kirchengesetz über die Rechtsstellung der Pastorinnen vom 13.12.1963 (Kirchliches Amtsblatt 1964, S. 24-26). 14, Abs.2 sah vor, daß das Dienstverhältnis mit der Eheschließung endete. Entwürfe für den Bericht in: KiA Hbg., Landeskirchenamt/Kanzlei Abt. Synode, 139. Maßgeblich beteiligt daran waren Hans-Rudolf Müller-Schwefe und Hans-Christian Freiesleben.

Zurück zum Text  82. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 3.Sitzung der 2.Synode vom 25.-27.5.1965, S. 123. KiA Hbg., Landeskirchenamt/Kanzlei Abt. Synode, 18 und 139, Protokolle des Ausschusses und Schreiben des Vizepräsidenten der Synode an den Kirchenrat 10.10.1966 mit dem Gesetzentwurf in der Anlage sowie Bischof Wölber an den Präsidenten der Synode, Hans Mestern, 24.10.1966. Mitglieder waren Hauptpastor D. Hans-Heinrich Harms, Pfarrvikarin Katharina Gombert, Pastor Dieter Lindemann sowie als nichtgeistliche Mitglieder Professor D. Hans-Rudolf Müller-Schwefe, Irma Blohm, Dr. Hans-Christian Freiesleben (Vorsitzender), Dr. Hildegard Kipp, Wolf Schmeißer und Dr. Werner Siek. Nicht gewählt wurden u.a. Alt-Bischof D. Karl Witte und Pastor Dr.Dr. Helmut Echternach, die beide als Gegner der Pastorin bekannt waren.

In der Zeitschrift Konvent Kirchlicher Mitarbeiter (12.Jg. Nr.9, September 1966) fand eine umfassende Diskussion der Theologinnengesetze statt, die auch eine Synopse der bestehenden Regelungen und Vorschläge der VELKD beinhaltete.

Zurück zum Text  83. Hierzu und zum folgenden: Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschriften über die 12.Sitzung am 23.2.1967, S. 10-30, die 14.Sitzung vom 4.-6.5.1967, S. 32-70, die 22.Sitzung vom 23.-25.5.1968, S. 48-57, die 24.Sitzung vom 22.10.1968, S. 1-78 und die 27.Sitzung vom 16.1.1969, S. 7-50.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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