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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


Die Gegner des Theologinnenamtes, wie z.B. Helmut Echternach (1907-1988), formulierten ihre grundsätzliche Kritik, die sie mit exegetischen Überlegungen (u.a. 1.Kor. 14,34ff; 1.Tim. 2,12ff) zu untermauern suchten. Der Pastor verwies suggestiv darauf, daß das Alte Testament keine weiblichen Gottheiten kenne und es im jüdischen Glauben - im Gegensatz zu heidnischen Anschauungen - kein weibliches Priestertum gegeben habe. Gewarnt wurde von anderen Kritikern der Vorlage vor einer Übernahme von "Zeitströmungen", wenn Frauen zu Pastorinnen ordiniert werden würden. Ein beliebtes Kontraargument war das angeblich besondere Wesen der Frau, das sie für diesen Beruf ungeeignet erscheinen lasse bzw. sie nur für besondere Aufgaben und Bereiche qualifiziere. Hier wird an die Diskussion der zwanziger Jahre angeknüpft, in der den Theologinnen ein besonderes Wirkungsfeld zugeschrieben wurde; vierzig Jahre später sollten ihre Möglichkeiten nur geringfügig erweitert werden. Tief verwurzelt war auch das Vorurteil, daß Frauen grundsätzlich auf Ehe und Familie - Heirat wurde automatisch mit Mutterschaft gleichgesetzt - fixiert seien, daher nur wenige Jahre den Beruf ausüben könnten und für den Gemeindedienst sowieso ungeeignet wären.(84)

Zudem verfolgte der Kirchenrat seine langjährige Verzögerungstaktik weiter: Obwohl erste zustimmende Erörterungen schon 1958 bzw. dann erneut 1963 in der Synode stattfanden, legte er keinen Gesetzentwurf vor, vielmehr mußte die Synode die Initiative ergreifen. Ihre Vorlage wurde an den Kirchenrat verwiesen, der sich dagegen aussprach, weil er die Gleichsetzung von Pastor und Pastorin ablehnte, vielmehr für Theologinnen aufgrund des angeblich "besonderen Wesens der Frau" ein spezifisches Amt - nicht einmal ein eigener Pfarrbezirk sollte ihnen zugestanden werden - mit spezifischer Ordination schaffen wollte, was die Synode aber mit großer Mehrheit ablehnte. Dies hätte die erheblich reduzierten Karrieremöglichkeiten für Frauen noch weiter eingeschränkt. Wenn schon das Pastorenamt und die Sakramentsverwaltung nicht mehr als rein männliche Domäne gehalten werden konnten, so sollten doch die Frauen den Männern zumindest in Führungspositionen der Kirche nicht gefährlich werden können. Bis der Kirchenrat dann zum Gesetzentwurf Stellung nahm, dieser vom Geistlichen Ministerium und dem Rechtsausschuß in allen Einzelheiten dort und dann wieder in der Synode besprochen war, verging viel Zeit. Diese Vorgehensweise scheint weitgehend vom Kirchenrat gewollt worden zu sein. In den sechziger Jahren gab es keine Frau, die Mitglied in diesem Gremium war, so daß hier ein reines Männerkollegium gegen die Gleichberechtigung der Theologinnen agierte. 1970, ein Jahr nach der Verabschiedung des Pastorinnengesetzes, wurde mit Marianne Timm die erste Pastorin in den Kirchenrat gewählt.(85)

Dieses "Spiel auf Zeit" macht auf der einen Seite die Unsicherheit des männlich dominierten Gremiums deutlich. Auf der anderen Seite zeigt es darüber hinaus, daß sich in der Diskussion der "Pastorinnenfrage" auch eine Auseinandersetzung um Einfluß in der Kirche auf zwei Ebenen widerspiegelt: Zum einen ging es um die Machtverteilung zwischen Mann und Frau, zum anderen um die zwischen Kirchenrat und Synode. In dieser Angelegenheit hat sich die Synode behauptet und von sich aus die Gesetzesinitiative ergriffen, so daß im Ergebnis die Stellung der Frau erheblich verbessert werden konnte.(86)

Erst 1969, fünf Jahre nachdem Landesbischof Karl Witte in den Ruhestand gegangen war - und so mit erheblicher Verspätung gegenüber anderen Landeskirchen -, wurde in der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate unter dessen Nachfolger Wölber ein "Pastorinnengesetz" verabschiedet, das die Ordination von Frauen ermöglichte.(87) Doch gab es zunächst auch weiterhin noch keine volle Gleichberechtigung der Frauen: Nicht mehr als die Hälfte der Pfarrstellen in einem Gemeindepfarramt durften Pastorinnen einnehmen. Zudem konnte eine Pfarrstelle nicht mit einer Frau besetzt werden, wenn sich der die Stelle ausschreibende Kirchenvorstand grundsätzlich dagegen aussprach ( 2). Ging die verheiratete Pastorin ein eingeschränktes Dienstverhältnis ein, so war sie vom Vorsitz im Pfarramt ausgeschlossen ( 6, Absatz 4). Die im Dienst der Landeskirche stehenden Pfarramtshelferinnen wurden jetzt automatisch zu Pastorinnen ( 10).

Die letzten Restriktionen für Frauen als Geistliche fielen erst zehn Jahre später im Januar 1979 als die Nordelbische Kirche, in der die Hamburgische Landeskirche zwei Jahre zuvor aufgegangen war, das Pfarrergesetz der VELKD übernahm. In 5 heißt es: "In das Dienstverhältnis als Pfarrer können Männer und Frauen berufen werden, die die Anstellungsfähigkeit erworben haben und ordiniert sind."(88) Damit fand eine mehr als fünfzigjährige Auseinandersetzung um die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche auf der juristischen Ebene ihren Abschluß. Faktisch jedoch sind Frauen in Leitungsgremien noch lange nicht ihrem Anteil entsprechend vertreten. (89) Auch hier hinkt die Kirche der gesellschaftlichen Entwicklung weiterhin hinterher. Bei den Bischofswahlen 1990 in Schleswig und 1991 in Lübeck gab es mit Rut Rohrandt und Käte Mahn erstmals weibliche Kandidaten, die jedoch unterlagen.(90)

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Zurück zum Text  84. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 12.Sitzung am 23.2.1967, S. 10-30. Das Geistliche Ministerium kam mit 85 gegen 39 Stimmen zu dem Entschluß, daß die Ordination der Frau mit Schrift und Bekenntnis übereinstimme. Einige wenige Synodale, wie z.B. Oberstudiendirektorin Karla Priess, kritisierten die Vorlage, weil sie ihnen nicht weit genug ging, vielmehr alle Einschränkungen, z.B. im Falle der Verheiratung und für die Übernahme eines Gemeindepfarramtes, entfallen sollten. Auch die Pfarrvikarin Katharina Gombert und der Hamburger Neutestamentler Professor Dr. Claus-Hunno Hunzinger sprachen sich deutlich für mehr Rechte der Frauen aus.

Zurück zum Text  85. GVM 1960, S. 2; GVM 1965, S. 1; GVM 1970, S. 62.

Zurück zum Text  86. Vgl. vor allem: Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die Synode. Niederschrift über die 14.Sitzung vom 4.-6.5.1967, S. 32-70, sowie KiA Hbg., Landeskirchenamt/Kanzlei Abt. Synode, 18, 132 und 133. Den Gegensatz von Kirchenrat und Synode bestätigt auch Dr. Dietrich Schmidt in seinem freundlichen Schreiben vom 14.11.1992.

Zurück zum Text  87. Pastorinnengesetz vom 23.1.1969 (GVM 1969, S. 1-2). 84 Synodale stimmten für das Gesetz, fünf dagegen und zwei enthielten sich.

Zurück zum Text  88. Pfarrergesetz der VELKD in der Fassung vom 1.11.1978 und Kirchengesetz über die Anwendung und Ausführung des Pfarrergesetzes der VELKD in der Fassung vom 1.11.1978 (Gesetz- und Verordnungsblatt der Nordelbischen Evangelisch-lutherischen Kirche 1979, S. 65-83, vom 21.1.1979, das Zitat S. 66).

Zurück zum Text  89. 1991 wurden Maria Jepsen die erste Pröpstin in der Geschichte der Nordelbischen Kirche (Hamburger Abendblatt [HA] Nr.28 vom 2./3.2.1991, S. 6) und Elisabeth Lingner die erste Präsidentin der Synode (HA Nr.229 vom 1.10.1991, S. 1 und Nr.230 vom 2.10.1991, S. 15). Im selben Jahr erreichte der Frauenanteil in der Synode 34 %, in den Kirchenvorständen betrug er 46,7 %, in den Kirchenkreissynoden 37,2 %, vgl. NKZ 67.Jg. Nr.39 vom 29.9.1991, S. 1, und Nr.40 vom 6.10.1991, S. 5. Im Januar 1992 wurde Uta Grohs zur Pröpstin des Kirchenkreisbezirkes Wandsbek-Rahlstedt im Kirchenkreis Stormarn gewählt (vgl. HA Nr.13 vom 16.1.1992, S. 1 und S. 4; NKZ 68.Jg. Nr.4 vom 26.1.1992, S. 1), vier Monate später im Mai 1992 wurde Heide Emse für den Bezirk Ahrensburg die dritte Pröpstin in Nordelbien (vgl. HA Nr.118 vom 21.5.1992, S. 9; NKZ 68.Jg. Nr.22 vom 31.5.1992, S. 1). Im Oktober 1992 wurde Dr. Dr. Katrin Gelder Pröpstin für den Bezirk Nord im Kirchenkreis Alt-Hamburg (HA Nr.236 vom 9.10.1992, S. 12; NKZ 68.Jg. Nr.42 vom 18.10.1992, S. 10). Es fällt auf, daß alle vier Frauen im Großraum Hamburg gewählt wurden.

Zurück zum Text  90. Vgl. HA Nr.222 vom 22.9.1988, S. 6, Nr.87 vom 15.4.1991, S. 15; FR Nr.87 vom 15.4.1991, S. 4; TAZ-Hamburg 19.9.1990, S. 21, 4.2.1991, S. 22, 30.3.1991, S. 26; 15.4.1991, S. 6; Die Welt Nr.87 vom 15.4.1991, S. 23; Der Spiegel 44 (1990), Nr.40, S. 77-79; Deutsches Pfarrerblatt 91 (1991), S. 31. Siehe grundsätzlich auch: Zeit-Magazin Nr.17 vom 22.4.1983, S. 8-14; HA Nr.224 vom 24./25.9.1988, S. 5; Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Nr.257 vom 4.11.1989, S. 4; FR Nr.259 vom 7.11.1989, S. 4; Frankfurter Rundschau (FR) Nr.173 vom 29.7.1991, S. 4 (Frauenbeauftragte in der EKD).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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