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Dr. Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel?


Den entscheidenden Einschnitt brachte erst die Bischofswahl am 4. April 1992 in Hamburg: Die Harburger Pröpstin Maria Jepsen (geb. 1945) wurde im ersten Wahlgang eindeutig mit 78 von 137 Stimmen von der Synode zur Hamburger Bischöfin gewählt. Nach der methodistischen und der episkopalischen Kirche in den USA sowie der anglikanischen Kirche Neuseelands ist sie die erste Bischöfin einer evangelisch-lutherischen Kirche in der Welt.(91) Bereits im Vorfeld der Wahl gab es von konservativen Theologen heftige Kritik an der Kandidatur einer Frau. Dabei wurden wieder dieselben theologischen Argumente und Bibelstellen gegen die Frauenordination angeführt wie in den zwanziger Jahren. Einzelne Hamburger Pastoren, wie Edgar Spir, drohten, die Landeskirche zu wechseln oder sich vorab in den Ruhestand versetzen zu lassen. Neben der feministisch-theologischen Position von Frau Jepsen wurde von etwa 80 Pastoren - Wortführer war der Vorsitzende der "kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis", Ulrich Rüß - kritisiert, daß die Kandidatur einer Frau nicht rechtens sei, weil die Bibel für Frauen angeblich keine geistlichen Ämter vorsehe. (92) Evangelikale Theologen, darunter der Präsident des theologischen Konvents der Konferenz bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands, Peter Beyerhaus (Tübingen), und der Sprecher der Bekennenden Gemeinschaft in Norddeutschland, Jens Motschmann (Bremen), stellten in einer vom geistlichen Rüstzentrum Krelingen/Walsrode verbreiteten Erklärung einen Notstand in der Kirche fest, "der dem ähnlich ist, der einst zur Gründung des Pfarrernotbundes" im "Dritten Reich" führte. Der Bremer Theologe Georg Huntemann hatte sogar zum Widerstand gegen Frau Jepsen aufgefordert: die Pastoren sollten ihr das Abendmahl verweigern. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte diese Bedenken deutlich zurückgewiesen; die Wahl von Frauen in das Bischofsamt sei "die logische Konsequenz aus der Einführung der Frauenordination", wer der Frauenordination, nicht aber der Wahl einer Bischöfin zustimmen könne, verlasse den Boden der evangelischen Kirche.(93) Kritik kam auch von anderen Konfessionen: Der katholische Bischof von Speyer war sogar der Auffassung, daß die Ökumene nicht gefördert werde. Die Amtseinführung von Frau Jepsen am 30.8.1992 wurde vom Vatikan als "Hemmschuh" für den Dialog mit den Lutheranern bezeichnet.(94)

Es ist bemerkenswert, daß neben der ersten Bischöfin auch die bislang ersten Pröpstinnen in der Nordelbischen Kirche im Großraum Hamburg gewählt worden sind. Die Millionenstadt scheint, innerhalb dieser Kirche eine Vorreiterrolle im Bezug auf die Gleichberechtigung der Frauen einzunehmen.

Erst seit den sechziger bzw. siebziger Jahren gibt es auch in den anderen Landeskirchen - in Schaumburg-Lippe erst seit 1991 - die Frauenordination. Zwar dürfen die Pastorinnen inzwischen heiraten, für Verheiratete bestehen aber vereinzelt noch Sondervorschriften. (95) 1992 entschied der Bundesrat des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, daß auch Frauen als Pastorinnen beschäftigt werden könnten.(96) Hinter dieser Entwicklung stand ein Wandel des Amtsverständnisses: Die Tätigkeit der Frauen wurde nicht mehr als ein "Amt sui generis" verstanden, d.h. es gäbe ein besonderes Frauenamt für eine Frauengemeinde innerhalb der Gesamtgemeinde. Daraus folgte, daß Frauen sich nur auf besondere, extra für sie eingerichtete "Theologinnenstellen" bewerben konnten, deren Zahl aber recht gering war. Fehlte eine solche Stelle, so wären sie aus dem Etat für "unselbständige Geistliche" zu finanzieren gewesen. In besonderen Fällen konnten Frauen auch mit der "Verwaltung einer Pfarrstelle" beauftragt werden. Insgesamt läßt sich festhalten, daß dieses "Amt sui generis" kein echtes Frauenamt, sondern durch Subtraktion eines "vollen Pfarramtes" entstanden war. Seit den sechziger Jahren zeichnete sich der Weg ab, Frauen voll ins Pfarramt zu integrieren. Schon 1958 hatte die Pfälzische Landeskirche beschlossen, daß Frauen sich auf eine Pfarrstelle bewerben konnten, sofern das Presbyterium seine Zustimmung gab. Für die lutherischen Kirchen - eine Ausnahme bildete Lübeck - galt noch lange die Richtlinie der VELKD von 1956, daß die Vikarin nicht den Gemeindegottesdienst leiten könne.(97)

Die Gegner der Frauenordination stützten und stützen sich in ihrer Argumentation - in den zwanziger Jahren wie in der Gegenwart - vor allem auf Bibelstellen, wie 1.Korinther 14,34ff und 1.Timotheus 2,12-15, die die Frauen in ihrer Stellung einzuschränken scheinen, ein statisches Verständnis der Schöpfungsordnung, das die Frau von öffentlicher Verkündigung ausschließt (so Martin Luther und im 20.Jahrhundert Karl Barth, Emil Brunner und Helmut Thielicke), und eine jahrhundertelange Tradition der Kirche, die das geistliche Amt der Frau nicht zugestanden hat; auch eine ökumenische Rücksichtnahme auf die katholische und orthodoxe Tradition wird vereinzelt als Begründung genannt. Befürworter der Ordination von Frauen haben demgegenüber auf das Verhältnis Jesu zu Frauen hingewiesen (z.B. Johannes 4 und 11,20ff), auf Frauen als erste Osterzeuginnen (z.B. Matthäus 28,1) und die Frauengestalten in den frühchristlichen Gemeinden (Römer 16,1ff; Galater 3,28). Die die Frauen einschränkende Stelle 1.Korinther 14,34ff ist als späterer Zusatz erkannt und somit in seinem Gewicht abgeschwächt worden. 1982 publizierte der Ökumenische Rat der Kirchen die Studie "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche". Er entwickelte darin ein neues Konzept von Gegenseitigkeit und Geschwisterlichkeit, aus der die volle Teilhabe eines jeden Mitgliedes resultiert.(98)

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Zurück zum Text  91. Welt am Sonntag Nr.14 vom 5.4.1992, S. 3; Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 6.4.1992, S. 7; HA Nr.82 vom 6.4.1992, S. 1, 9 und 10; FR Nr.82 vom 6.4.1992, S. 1 und S. 4; TAZ-Hamburg vom 6.4.1992, S. 4 und S. 21; Die Welt Nr.82 vom 6.4.1992, S. 23; NKZ 68.Jg. Nr.15 vom 12.4.1992, S. 1 und S. 3; Publik-Forum Nr.8 vom 1.5.1992, S. 20-22. Eine erste Sammlung von Reaktionen enthalten der Band "...das Weib rede in der Gemeinde". Maria Jepsen: Erste lutherische Bischöfin. Dokumente und Stellungnahmen. Gütersloh 1992, und die Dokumentation des Informationsdienstes der Evangelischen Allianz: Die erste Frau im Bischofsamt. Reaktionen auf die Wahl von Maria Jepsen zur Bischöfin von Hamburg. Wetzlar 1992.

Die erste Bischöfin einer christlichen Kirche in der Neuzeit ist die 1980 von den US-amerikanischen Methodisten gewählte Marjorie Matthews, der vier Jahre später Leontine T. Kelly folgte. Am 11.2.1989 wurde in der Diözese Massachusetts der Episkopalkirche der USA Barbara Harris zur Bischöfin geweiht. Als erste protestantische Bischöfin folgte im selben Jahr Agustina Lumentut in der Gereje Kristen Sulawesi Tengah, einer protestantischen Kirche in Indonesien. 1990 wurde Penelope Jamieson als anglikanische Diözesan-Bischöfin in Dunedin/Neuseeland gewählt (Evangelische Kommentare 5/1992, S. 260; Der Spiegel 46.Jg. Nr.16 vom 13.4.1992, S. 123-124). Im Juni 1992 wurde die Pastorin April Ulring Larson im US-Bundesstaat Minnesota zur Bischöfin der La-Crosse-Synode, der größten lutherischen Kirche der USA, gewählt. Nach Maria Jepsen ist sie damit die weltweit zweite Bischöfin einer lutherischen Kirche (ebd., Nr.26 vom 28.6.1992, S. 2).

1992 sprach sich der anglikanische Erzbischof von Canterbury, George Carey, nachdrücklich für die Ordination von Frauen aus, da dies "biblisch, historisch und menschlich" begründet und auch im Dialog mit den orthodoxen Kirchen und dem Vatikan "nicht verhandelbar" sei (NKZ 68.Jg. Nr.24 vom 14.6.1992, S. 2). Dagegen äußerten sich 48 Bischöfe, die die Priesterweihe für Frauen in der anglikanischen Gemeinschaft ablehnten. Trotz dieser Proteste entschied die Generalsynode am 11.11.1992, auch Frauen zum Priesteramt zuzulassen, was massiven Widerspruch des Vatikans auslöste (FAZ Nr.263 vom 11.11.1992, S. 7. - FR Nr.265 vom 13.11.1992, S. 1-3. - Der Spiegel 46 [1992], Nr.47, S. 194-196). Auch die Generalsynode in Sydney sprach sich für die Weihe von Frauen zu Priesterinnen aus (HA Nr.273 vom 23.11.1992, S. 4) und führte sie bald darauf durch (HA Nr.285 vom 7.12.1992, S. 4. - Der Spiegel 46 [1992], Nr.52 vom 21.12.1992, S. 78-87).

Zurück zum Text  92. HA Nr.30 vom 5.2.1992, S. 1-2; TAZ-Hamburg vom 6.2.1992; Harburger Anzeigen und Nachrichten Nr.31 vom 6.2.1992, S. 1-3; HA Nr.32 vom 7.2.1992, S. 3. Der kurz vor dem Erreichen der Altersgrenze stehende Spir hat seine Ankündigung allerdings nicht realisiert (HA Nr.296 vom 19.12.1992, S. 14).

Zurück zum Text  93. Der Spiegel 46.Jg. Nr.16 vom 13.4.1992, S. 123-124; TAZ-Hamburg vom 10.4.1992; HA Nr.89 vom 14.4.1992, S. 11; FR Nr.89 vom 14.4.1992, S. 4; Harburger Anzeigen und Nachrichten Nr.92 vom 18.4.1992, S. 1-3, Nr.98 vom 27.4.1992, S. 8, und Nr.168 vom 21.7.1992, S. 4; Hamburger Morgenpost vom 23.4.1992, S. 17; NKZ 68.Jg. Nr.19 vom 10.5.1992, S. 4; FR Nr.126 vom 1.6.1992, S. 4; Publik-Forum Nr.11 vom 12.6.1992, S. 25. Der Leiter des Rüstzentrums Krelingen, Heinrich Kemner, hält Frauen grundsätzlich nicht für Leitungsämter geeignet, weil sie "zu stark vom Gefühl her reagieren" (TAZ-Hamburg vom 10.4.1992). Nach einem Gespräch mit dem Bischof der Hannoverschen Kirche, Horst Hirschler, erklärten die Vorstandsmitglieder des Krelinger Zentrums trotz theologischer Bedenken, den Dienst der Pastorinnen "den Ordnungen der Landeskirche entsprechend für rechtmäßig" (Harburger Anzeigen und Nachrichten Nr.130 vom 5.6.1992, S. 3). Der Präsident des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Axel von Campenhausen, hält ein grundsätzliches Nein von evangelischen Pastoren zur Frauenordination für unvereinbar mit der Amtsausübung (NKZ 68.Jg. Nr.27 vom 5.7.1992, S. 4). Die Stellungnahme der EKD-Kammer für Theologie ist abgedruckt in: FR Nr.203 vom 1.9.1992, S. 17.

Zurück zum Text  94. HA Nr.204 vom 1.9.1992, S. 1 und Nr.205 vom 2.9.1992, S. 1-2; FAZ Nr.204 vom 2.9.1992, S. 2. Der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke hat sich jedoch positiv zur Wahl einer Frau geäußert. Zur Amtseinführung: FR Nr.202 vom 31.8.1992, S. 4; HA Nr.199 vom 26.8.1992, S. 14 und Nr.202 vom 29.8.1992, S. 3 und Nr.203 vom 31.8.1992, S. 1-2 und S. 9-10; NKZ 68.Jg. Nr.36 vom 6.9.1992, S. 1, 3-4, 9-10.

Zurück zum Text  95. Der langjährige Bischof von Schaumburg-Lippe, Joachim Heubach, verweigerte seine Zustimmung zur Frauenordination nachdrücklich, vgl. dazu FR Nr.128 vom 6.6.1989, 1; FAZ Nr.138 vom 18.6.1990, 5. Eine Sondersynode zur Frauenfrage ebnete erst im Oktober 1991 den Weg für das Frauenordinariat unter dem Bischof Heinrich Herrmanns mit 23 gegen 6 Stimmen, vgl. FR Nr.233 vom 8.10.1991, 1; Nordelbische Kirchenzeitung 67.Jg. Nr.41 vom 13.10.1991, 4; Deutsches Pfarrerblatt 91 (1991), 527. Am Pfingstsonntag 1992 wurde als erste Pastorin Bärbel Krömer ordiniert, die bislang das Referat für kirchliche Kinderarbeit leitete (Nordelbische Kirchenzeitung 68.Jg. Nr.21 vom 24.5.1992, 4).

Zu den Einschränkungen siehe Nordelbische Kirchenzeitung 63.Jg. Nr.6 vom 22.3.1987; Antje Schrupp/Cornelia Filter: Die Frauenkirche. In: Emma 6/1989, 34-39. Bayern war die vorletzte Landeskirche, die Frauen zum Pfarramt zuließ. Hier wurde erst 1989 das Einspruchsrecht der Pfarrer gegen die Übernahme einer Pfarrerin in die gleiche Kirchengemeinde eingeschränkt, dennoch bestehen weiterhin erhebliche Vorbehalte (vgl. FAZ Nr.88 vom 15.4.1989, 5; Süddeutsche Zeitung Nr.74 vom 28/29.3.1991, 26; Nützel: Anfänge, 199).

Zurück zum Text  96. FR Nr.126 vom 1.6.1992, S. 4; NKZ 68.Jg. Nr.24 vom 14.6.1992, S. 4. Bislang waren 13 theologische Mitarbeiterinnen in den Baptistengemeinden und deren Sozialwerken tätig, die pastorale Aufgaben wahrnahmen. Sie sollen nun die Dienstbezeichnung "Pastorin" erhalten. Die Entscheidung fiel nach mehrstündiger Debatte mit 449 gegen 231 Stimmen.

Zurück zum Text  97. Reichle (wie Anm. 15), S. 129ff. - Paulsen (wie Anm. 10), S. 31-38. In Finnland beispielsweise werden seit 1988 Frauen ordiniert, und 1991 waren bereits mehr als die Hälfte der Ordinierten Frauen (NKZ 68.Jg. Nr.34 vom 23.8.1992, S. 2).

Zurück zum Text  98. Dorothea Vorländer, Pfarrerin/Vikarin. In: Elisabeth Gössmann u.a. (Hrsg.), Wörterbuch der feministischen Theologie. Gütersloh 1991, S. 323-326, S. 324-325. - J. Christine Janowski, Umstrittene Pfarrerin. Zu einer unvollendeten Reformation der Kirche. In: Martin Greiffenhagen (Hrsg.), Das evangelische Pfarrhaus. Eine Kultur- und Sozialgeschichte. Stuttgart 1984, S. 83-107, bes. S. 88ff. - Horst Georg Pöhlmann, Gemeinschaft der Gleichen. Ordination und geistliches Amt der Frau. In: Evangelische Kommentare 4/1992, S. 219-221.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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