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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


1 Einleitung

Die Zeit der Weimarer Republik gilt als eine der am besten erforschten Epochen der deutschen Geschichte.(1) Dennoch ist die Diskussion über diesen Zeitraum nicht abgeschlossen, ja die Historiker stehen vor besonderen Interpretations- und Wertungsproblemen, da die Darstellung nicht davon absehen kann, was nach dem Ende der ersten deutschen Republik geschah. Die Frage nach dem Scheitern der Demokratie bestimmt die Fragestellung für den Blick auf die vierzehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Monarchie. Trotzdem darf dieser Zeitabschnitt nicht nur aus der Perspektive des "Dritten Reiches" gesehen werden, vielmehr sind sein Eigenwert und seine Eigenart zu betonen. Eine Betrachtung nur vom Ende oder nur vom Anfang, der Novemberrevolution, her stellt eine unzulässige Verkürzung dar. (2)

Zusammenfassende Darstellungen zur Kirchengeschichte der Weimarer Republik sind selten. Sicherlich gibt es entsprechende Kapitel in übergreifenden Darstellungen, vor allem als Vorgeschichte zum "Dritten Reich"(3), monographische Arbeiten aber gibt es nur wenige.(4) Es springt dabei ins Auge, daß in Gesamtdarstellungen von Historikern - wenn überhaupt - die Kirchen und Religionsgemeinschaften nur rudimentär berücksichtigt werden, eigenständige Kapitel glaubt man ihnen nicht widmen zu müssen.(5) So "vergißt" auch Ursula Büttner sie gänzlich in ihrer Studie zur Geschichte der Hansestadt. "Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik" - so die implizite Konsequenz - war eine Stadt ohne Religion und Kirchen.(6)

Hierbei handelt es sich offenbar um ein für die deutsche historische Wissenschaft charakteristisches Phänomen, wie 1992 auf dem Historikertag in Hannover in der Sektion "Kirchliche Zeitgeschichte" beklagt wurde: Kirche und Religion werden als Domäne der Theologen angesehen, die sogenannten Profanhistoriker klammern diese Fragestellungen weitgehend aus, der religiöse Bereich wird nicht als konstituierend für die Gesellschaft anerkannt. Wenn Kirchengeschichte aber von Theologen betrieben wird, dann oft als Theologiegeschichte oder im Sinne einer Selbstdarstellung der Institution durch ihre eigenen Vertreter. Neuere Kirchengeschichte bzw. Kirchliche Zeitgeschichte ist - im Gegensatz zur Beschäftigung mit der Alten Kirche oder gar der Reformation - kein anerkannter Bereich. Ganz anders dagegen die Situation in Frankreich, wo Kirche und Staat seit fast neunzig Jahren strikt getrennt sind und es nur eine einzige staatliche theologische Fakultät gibt. Hier sind kirchen- und religionsgeschichtliche Fragestellungen gerade bei "Profanhistorikern" sehr beliebt und finden einen breiten, über die Fachgrenzen hinausgehenden Leserkreis. Kirchengeschichte ist ein unumstrittener Bestandteil der Kultur- und Sozialgeschichte und spielt gerade in der Mentalitätsgeschichte eine herausragende Rolle.(7) Religion ist ein konstituierendes Element vergangener Gesellschaften, das zwar eigenständig ist, aber in Kombination mit anderen Faktoren, wie z.B. der sozialen Schichtung, wirkt.(8)

Die Hamburger Kirchengeschichte zur Zeit der Weimarer Republik ist bislang kaum erforscht worden, eine Überblicksdarstellung fehlt ganz.(9) Wünschenswert wären u.a. Arbeiten zur sozialen Herkunft und zu den politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten der Geistlichen, zum kirchlichen Vereinswesen, zum Gemeindealltag, zum Verhältnis der Kirche zur Kultur, insbesondere zu Film, Rundfunk, Literatur im weitesten Sinne, Theater und Musik. Das kirchliche Publikationswesen, gerade auch auf Gemeindeebene, ist ebenso wenig erforscht wie die Reaktion kirchlicher Kreise auf politische Ereignisse (z.B. Kapp-Putsch, Rathenau-Ermordung, Wahlen). Welche politischen und gesellschaftlichen Meinungen wurden von den Geistlichen in Artikeln, Vorträgen und Predigten vertreten? Wie wurden wirtschaftliche Fragen beurteilt? Wie wurde die Großstadt beurteilt? Wie unterscheidet sich die gemeindliche Ebene von der der Kirchenleitung? Wie waren die Entscheidungsgremien (Synode, Kirchenrat, Kirchenvorstände) sozial und politisch zusammengesetzt? Wie entwickelte sich die Kirchlichkeit in den einzelnen Bezirken? Lassen sich Aussagen machen über die regelmäßigen Kirchgänger? Welche gesellschaftliche Bedeutung kam dem Kirchenbesuch zu? Welche Rolle spielten Frauen in den Gemeinden und kirchlichen Gremien? Die kirchliche Jugendarbeit und das Verhältnis zur Jugendbewegung sind noch nicht hinreichend aufgearbeitet. Eine zusammenfassende Darstellung der theologischen Positionen innerhalb der Landeskirche steht ebenso aus wie ihr Verhältnis zu anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften.

Die folgenden Ausführungen stellen keine geschlossene Abhandlung über die Hamburger Kirche zur Zeit der Weimarer Republik dar. Das läßt die Forschungslage noch nicht zu. Aufgrund des begrenzten Umfangs können hier nur einige Aspekte angesprochen werden, wobei eine bewußte Konzentration auf die Landeskirche erfolgt. Eine Kirchengeschichte dieses Zeitraumes müßte natürlich auch andere Konfessionen und Kirchen, eine Religionsgeschichte selbstverständlich andere Religionsgemeinschaften miteinbeziehen. (10) Ein Schwerpunkt liegt auf dem Alltag in den Gemeinden.

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Zurück zum Text  1. Detlef J.K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne. Frankfurt/M. 1987, S. 9. Zum Forschungsstand vgl. Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik (Oldenbourg-Grundriß der Geschichte, 16). 3. durchges. u. erg. Auflage München 1993. Als neuere Gesamtdarstellungen seien genannt: Hans Mommsen, Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933 (Propyläen Geschichte Deutschlands, 8). Frankfurt/M-Berlin 1990; Heinrich August Winkler, Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München 1993; Peter Longerich, Deutschland 1918-1933. Die Weimarer Republik. Handbuch zur Geschichte. Hannover 1995.

Zurück zum Text  2. Mit Peukert (wie Anm. 1), S. 9f.

Zurück zum Text  3. So z.B. bei Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934. Frankfurt/M-Berlin-Wien 1977, S. 3-274, und Kurt Nowak, Geschichte des Christentums in Deutschland. München 1995, bes. S. 205-242.

Zurück zum Text  4. Z.B. Jochen Jacke, Kirche zwischen Monarchie und Republik. Der preußische Protestantismus nach dem Zusammenbruch von 1918 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, 12). Hbg. 1976; Kurt Nowak, Evangelische Kirche und Weimarer Republik. Zum politischen Weg des deutschen Protestantismus zwischen 1918 und 1932. Göttingen 1981. Der Band von Richard Ziegert (Hrsg.), Die Kirchen und die Weimarer Republik. Neukirchen-Vluyn 1994, enthält Vorträge einer Tagung.

Zurück zum Text  5. So beispielsweise bei Mommsen, Peukert und Winkler (wie Anm. 1).

Zurück zum Text  6. Ursula Büttner, Politische Gerechtigkeit und sozialer Geist. Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, 20). Hbg. 1985. Ebenso dies., Der Stadtstaat als demokratische Republik. In: Werner Jochmann (Hrsg.), Vom Kaiserreich bis zur Gegenwart (Hamburg - Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, 2). Hbg. 1986, S. 131-264.

Zurück zum Text  7. Étienne Francois, Kirchengeschichte als Thema der Kultur- und Sozialgeschichte. Ein Blick aus Frankreich. In: Kirchliche Zeitgeschichte 5 (1992), S. 18-27.

Zurück zum Text  8. Jonathan Sperber, Kirchengeschichte als Sozialgeschichte - Sozialgeschichte als Kirchengeschichte. In: Kirchliche Zeitgeschichte 5 (1992), S. 11-17, bes. S. 17.

Zurück zum Text  9. Einen Einblick in das Thema gibt die leider nur wenig strukturierte und nicht auf Archivquellen basierende Darstellung von Georg Daur, Von Predigern und Bürgern. Eine hamburgische Kirchengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart. Hbg. 1970, vor allem S. 250-270. Zu Einzelaspekten vgl. Rainer Hering, Theologische Wissenschaft und "Drittes Reich". Studien zur Hamburger Wissenschafts- und Kirchengeschichte im 20.Jahrhundert (Reihe Geschichtswissenschaft, 20). Pfaffenweiler 1990 [im folgenden: Hering, Wissenschaft]; ders., Theologie im Spannungsfeld von Kirche und Staat. Die Entstehung der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Hamburg 1895 bis 1955 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 12). Berlin-Hbg. 1992 [im folgenden: Hering, Theologie]; ders., Sozialdemokratisch beeinflußter Staat und lutherische Kirche in Hamburg: Die Auseinandersetzungen um den Religionsunterricht 1918 bis 1921. In: ZHG 78 (1992), S. 183-207 [im folgenden: Hering, Staat]; ders., Frauen auf der Kanzel? Die Auseinandersetzung um Frauenordination und Gleichberechtigung der Theologinnen in der Hamburger Landeskirche. Von der Pfarramtshelferin zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin der Welt. In: ZHG 79 (1993), S. 163-209 [im folgenden: Hering, Frauen]; Joachim Stüben/Rainer Hering (Hrsg.), Zwischen Studium und Verkündigung. Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Nordelbischen Kirchenbibliothek in Hamburg (bibliothemata, 13). Herzberg 1995; Michael Reiter, Christliche Existenz und sozialer Wandel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Hamburger Kirchengemeinde in den politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Phil. Diss. Universität Hbg. 1992. Biographische Angaben in: Die Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation. Ein Verzeichnis von Friedrich Hammer und Herwarth von Schade. Ms. Hbg. 1995, 2 Bde.

Zurück zum Text  10. Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften. Religionsvielfalt in der Stadt von A-Z. Hrsg. von der "Arbeitsstelle Kirche und Stadt", Seminar für Praktische Theologie der Universität der Freien und Hansestadt Hamburg. Wolfgang Grünberg, Dennis L. Slabaugh, Ralf Meister-Karanikas. 2. überarb. u. erw. Aufl. Hbg. 1995.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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