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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


2 Kirche und Revolution

"Wir Christen können uns zu einer ungetrübten Freude an dem Neuen, das sich jetzt gestaltet, nur schwer verstehen. (...) Religiöse Menschen sind nun einmal Gemütsmenschen, denn das Gemüt ist der Sitz der Religion. Und zu viele Gemütswerte fallen doch mit der Neuordnung der Dinge dahin, als daß es uns nicht in tiefster Seele schmerzen sollte!" - So kommentierte der Herausgeber des Hamburgischen Gemeindeblattes, der Pastor am Waisenhaus Lic. Paul Gastrow (1866-1950), in der Ausgabe vom 1. Dezember 1918 die politischen Veränderungen in Deutschland.(13) Damit hat er sehr vorsichtig die Vorbehalte ausgedrückt, die nicht nur in der Hamburger Landeskirche bestanden.(14) Die Versammlung ihrer Pastoren gab sich zunächst in einer Erklärung optimistischer: "Wir befinden uns mitten in einer Neugestaltung der staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Die christliche Religion steht und fällt nicht mit irgend einer Staatsform. Daher sehen wir, als Verkünder dieser Religion, mit Zuversicht und Arbeitsfreudigkeit der Zukunft entgegen. (...) Wir wollen daher vollen Ernst damit machen, daß bei der kirchlichen Arbeit und Verwaltung nicht auf die politische Parteistellung, sondern allein auf das kirchliche Interesse geachtet wird, damit unsere Kirche und ihre Verfassung mehr als bisher den Aufgaben der Gegenwart gerecht werden kann."(15) Schon fast euphorisch ist ein Leitartikel des "Hamburgischen Gemeindeblattes", der die "Morgenröte einer neuen Zeit" anbrechen sah: "Sie bringt uns Frieden, Klarheit, Fortschritt für die ganze Welt."(16) Diese Einschätzung war aber keineswegs die der Mehrheit.

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg und das Ende der Monarchie - verbalisiert in Ausdrücken wie "furchtbare Katastrophe" oder "gewaltige Erschütterung" - wurden von Theologen als Gottesgericht interpretiert, "als eine Mahnung des Ewigen an das deutsche Volk zur Selbstbesinnung". Auch die Kirche sei zur Selbstprüfung aufgerufen.(17) Gott habe den Gegnern der Deutschen die Kraft zum Sieg gegeben, um den Deutschen die eigenen Fehler - "Äußerlichkeit, Genussucht, Gewaltsinn und Gewinnsucht" - erkennen zu lassen. (18) Dem Weltkrieg wurde von Seiten der Kirche ein transzendenter Sinn zugewiesen, er wurde religiös interpretiert. Zugleich wurden die Deutschen moralisch entlastet: Die Schuld des Weltkrieges wurde als "Gesamtschuld unseres Geschlechts" gesehen: "die geistigen Gewalten, die vor und in diesem Kriege tätig waren; das äußere Verhalten, zu dem sie geführt haben." Eine Schuld einzelner oder des deutschen Volkes wurde abgelehnt, allein vor Gott sollte ein allgemeines Schuldbekenntnis erfolgen.(19) Immer wieder wurde in Veröffentlichungen im "Hamburgischen Gemeindeblatt" betont, daß Gott weiterhin zu den Deutschen halte, wenn sie sich demütig zu ihm bekennen würden. Nachdem während des Krieges die Siegeseuphorie geschürt worden war, trug diese Interpretation dazu bei, die Niederlage zu bewältigen, ohne das bisherige Weltbild allzu sehr infrage zu stellen. Vor allem sollte das durch den Krieg und die enormen Opfer in der Bevölkerung geschwächte Vertrauen in Gott und die Kirche wieder gestärkt und dem Trend zur Entkirchlichung entgegengewirkt werden. Dazu wurden die besonderen Leistungen der Deutschen hervorgehoben und die siegreichen Feinde diffamiert: Die deutsche Art sei sittlicher und innerlich tiefer als die fremde, die deutsche Kraft könne nur für einige Zeit geschwächt, nicht aber wirklich gebrochen werden, der Stolz auf die Leistungen der Front und des "Heimatheeres" sei auch im Angesicht der militärischen Niederlage berechtigt. Schließlich hätten die deutschen Gegner "die ganze Welt gegen ein einziges Volk" zusammengerufen. Ihr "Siegestaumel", ihre mangelnde Bereitschaft zur Vergebung, zeige ihre mangelnde Jesusliebe. Daher stünden sie moralisch weit unter den Deutschen, die sogar ihren Feinden vergeben würden.(20) Dabei kein Wort davon, daß die Deutschen den Ersten Weltkrieg begonnen hatten. Theologen übernahmen hier kritiklos gängige zeitgenössische Interpretationen zur Legitimierung ihrer eigenen Funktion.

Dementsprechend ist die scharfe Ablehnung des Versailler Vertrages nicht überraschend: Die Synode verfaßte eine Erklärung, die den Siegern des Weltkrieges "unchristliche(n) Haß", "widergöttliche(n) Uebermut" und "gewissenlose Unwahrhaftigkeit" unterstellte. Unter dem schweren Druck des Friedensvertrages seien Religion und Religionsbekundung "Gemeinschaftssache und Volkssache", "ein Halt, wie für den inwendigen, so auch für den von den allgemeinen Nöten bedrängten äußern Menschen". Die Synode rief auf zu "deutscher Festigkeit und deutscher Vaterlandsliebe", zur Stärkung durch die Gemeinschaft im Gottesdienst. Offenbar bestand die Befürchtung, daß angesichts der Niederlage sich weite Teile der Bevölkerung von der Kirche abwenden würden, zumal sich die Geistlichkeit in Kriegspredigten und Kanonensegen eindeutig für den Krieg erklärt hatte. Und tatsächlich: Viele Kriegsteilnehmer traten mit dem Spottvers "Die Pfaffen, sie segnen die Waffen" aus der Kirche aus. Die vor 1918 praktizierte Funktionalisierung des christlichen Glaubens für einen Krieg mit völlig neuen Dimensionen führte nunmehr zu einer entsprechenden Gegenreaktion.(21)

Von staatlicher Seite geriet die Hamburger Landeskirche - wie geschildert - im Dezember 1918 durch die Aufhebung des Religionsunterrichts und die Erleichterung des Kirchenaustritts unter Druck. Damit waren entsprechende Forderungen des Lehrerrates wie der Sozialdemokraten umgesetzt worden. Weder Proteste der Kirche und von Seiten der bürgerlichen Elternschaft noch die Garantie des Religionsunterrichts in der Weimarer Reichsverfassung konnten eine Aufhebung der erstgenannten Anordnung bewirken. Erst eine Entscheidung des Reichsgerichts wischte die Forderung der Sozialdemokraten nach einer weltlichen Schule ohne Religionsunterricht als Regelschule vom Tisch - am 1. Januar 1921 mußte dieses Fach wieder unterrichtet werden, wobei jetzt eine besondere Anmeldung der Kinder zum Unterricht erforderlich war. Aus einzelnen Quellen läßt sich allerdings folgern, daß die Anordnung des Arbeiter- und Soldatenrates nicht überall befolgt worden, vielmehr Religionsunterricht unter Tarnbezeichnungen oder im Rahmen des Deutsch- bzw. Geschichtsunterrichts fortgeführt worden war.(22)

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Zurück zum Text  13. Paul Gastrow, Der "Himmel auf Erden" und das "Himmelreich". In: Hamburgisches Gemeindeblatt. 11. Jg. Nr.9 vom 1.12.1918, S. 33.

Zurück zum Text  14. Vgl. beispielsweise Jacke (wie Anm. 4).

Zurück zum Text  15. Abgedruckt in: Hamburgisches Gemeindeblatt. 11. Jg. Nr.9 vom 1.12.1918, S. 35f.

Zurück zum Text  16. (Hermann) Rieffenberg, Die Morgenröte einer neuen Zeit. In: Hamburgisches Gemeindeblatt. 11. Jg. Nr.10 vom 8.12.1918, S. 37. Aufgrund der durch Jahrzehnte gewachsenen deutschen Selbst- und Weltachtung sei auch der Eintritt in den Völkerbund kein Problem. Rieffenberg (1867-1929) war Pastor an St. Gertrud (Hohenfelde).

Zurück zum Text  17. Arminius Claussen, Zukunftsaufgaben der Kirche. In: Hamburgisches Gemeindeblatt 11. Jg. Nr.16 vom 19.1.1919, S. 62-64, S. 63. Claussen (1876-1961) war Pastor an St. Markus (Hoheluft).

Zurück zum Text  18. (Hermann) Rieffenberg, Gott bleibt uns treu mit seiner versöhnenden Liebesmacht. In: Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. Nr.20 vom 16.2.1919, S. 77f, das Zitat S. 78.

Zurück zum Text  19. (Hermann) Rieffenberg, Gott bleibt uns treu mit seiner Vergebung. In: Hamburgisches Gemeindeblatt 11. Jg. Nr.18 vom 2.2.1919, S. 69.

Zurück zum Text  20. Rieffenberg, Gott (wie Anm. 18).

Zurück zum Text  21. Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. Nr.38 vom 22.6.1919, S. 152. Die Erklärung vom 17.6.1919 schließt: "Laßt uns geloben, Gottes Volk zu sein und immer mehr zu werden, und dann darauf hoffen, daß Gott unser Gott sein will. Werfet euer Vertrauen nicht weg, auch nun nicht, da uns Geduld not ist! Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?"; 100 Jahre Apostelgemeinde Hamburg-Eimsbüttel. Hrsg. vom Kirchvorstand der Apostelgemeinde. Hbg. 1990, S. 55.

Zurück zum Text  22. Hering, Staat (wie Anm. 9). Stellungnahmen in der kirchlichen Presse u.a. in: Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. 1918/19, S. 50f, 186f; Die Neue Kirche 1 (1919/20), S. 266f, 2 (1920), S. 11f. Der Pädagoge Peter Petersen (1884-1952) beispielsweise plädierte für einen historisch ausgerichteten Religionsunterricht als dogmenfreie Einführung in die wichtigsten Religionen, der nur von staatlichen Lehrkräften mit wissenschaftlicher Ausbildung erteilt werden sollte (Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. Nr.34 vom 25.5.1919, S. 136). Petersen gab 1919/20 zusammen mit dem späteren Landesbischof Franz Tügel (1888-1946) im Auftrag der hamburgischen Volkskirchenvertretung die Zeitschrift "Die Neue Kirche" heraus. Vgl. Hein Retter, Theologie, Pädagogik und Religionspädagogik bei Peter Petersen (Forum zur Pädagogik und Didaktik der Religion, 12). Weinheim 1995.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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