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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


3.2 Evangelische Christen und die Kirchenaustrittsbewegung

Die Hansestadt Hamburg verfügte 1919 über 1.050.380 Einwohner, 1932 waren es schon 1.218.447.(26) Die Zahl derer, die einer Religionsgemeinschaft angehörten, nahm in diesem Zeitraum kontinuierlich ab. Während des Kaiserreiches, im Jahr 1907, lag der Anteil der Evangelischen bei 92,3 Prozent, der der Katholiken bei 5,2 Prozent, zur jüdischen Religion bekannten sich zwei Prozent und nur 0,3 Prozent der Bevölkerung gehörten einer anderen nichtchristlichen bzw. gar keiner Religionsgemeinschaft an.(27) 1925 lag der Anteil derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehörten bei 6,2 Prozent. Die Angehörigen der Landeskirche zählten nur noch 85,5 Prozent, die Zahl der Katholiken war konstant geblieben, die der Juden auf 1,73 Prozent zurückgegangen. Auf Reichsebene waren es 63,3 Prozent Protestanten zu 32,3 Prozent Katholiken und 1,8 Prozent Konfessionslosen. (28) In Hamburg überwogen im Vergleich zum Reich also traditionsgemäß die Protestanten, aber ebenso bei weitem auch diejenigen, die keiner Konfession angehörten; die Folgen der Kirchenaustrittsbewegung waren nachhaltig zu spüren. Bei den Angehörigen der Landeskirche waren die Frauen in der Mehrzahl (87,6 Prozent gegenüber 83,1 Prozent der Männer), bei den Katholiken war der Anteil der Männer größer. Die katholische Bevölkerung setzte sich zumeist aus Zugewanderten zusammen, unter denen das männliche Geschlecht überwog, bei der Landeskirche wirkte sich der grundsätzlich bestehende Frauenüberschuß aus. Bei denen, die keiner Religionsgemeinschaft angehörten, lag der Anteil der Männer erheblich über dem der Frauen (7,9 Prozent zu 4,6 Prozent), was damit erklärt wurde, daß Frauen im allgemeinen nicht so schnell die überlieferte Religionszugehörigkeit aufgeben.(29)

Sieht man sich den Anteil der evangelischen Bevölkerung nach Wohngebieten an, so fällt auf, daß er in der Stadt Hamburg bei 85,7 Prozent, im Landgebiet jedoch bei 92,7 Prozent lag (Gesamtgebiet: 86,1 Prozent). Die Bindungskraft traditioneller Überlieferung und die soziale Kontrolle sind in ländlicheren Gebieten größer als in der Stadt, wo die säkularen Tendenzen sich eher durchsetzen. Innerhalb des Stadtgebietes lagen die Vororte Finkenwerder, Alsterdorf, Groß Borstel, Ohlsdorf und Klein Borstel über dem Durchschnitt, die Stadtteile St.Pauli-Nord und -Süd, St.Georg-Nord, Barmbek, Billwerder Ausschlag und der Vorort Langenhorn weit darunter. Hier waren auch die Anteile derjenigen, die keiner Gemeinschaft angehören, sehr hoch. Diese Gebiete wurden besonders von Arbeitern bewohnt.(30)

Acht Jahre später, 1933, setzte sich der hier beschriebene Trend noch weiter fort. Nunmehr gehörten nur noch 76,4 Prozent der Einwohner der evangelischen Landeskirche an, wohin gegen sich 16 Prozent zu keiner Religionsgemeinschaft zählten. Der Anteil der Katholiken war bei 5,3 Prozent weiterhin stabil geblieben, der der Juden war weiter auf 1,5 Prozent gesunken. Zwischen 1925 und 1932 waren ca. 104.000 Personen aus der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate ausgetreten, die Zahl der Wiedereintritte nahm erst 1933 kurzzeitig zu.(31) Generell waren die Kirchen in Deutschland nicht in der Lage, diesem Trend wirksam entgegenzutreten.

Die äußere, zahlenmäßige Entwicklung setzte eine Entwicklung fort, die schon im 19. Jahrhundert begonnen hatte und sich in der immer geringer werdende Akzeptanz der Landeskirche und des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses in der Bevölkerung der Millionenstadt äußerte. Auch die innerliche Verbindung zwischen der Hamburger Bevölkerung und ihrer Landeskirche war gering und oftmals durch Desinteresse und Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Die Kirche, deren Wesen und Aufgaben vielfach unbekannt waren, wurde von der überwiegenden Zahl ihrer Mitglieder als eine ihnen nur äußerlich gegenüberstehende Institution angesehen, deren sie sich nach freiem Belieben bedienten, wenn einmal ein inneres Bedürfnis oder religiöse Sitte und Gewohnheit - hier ist vor allem an die zentralen Feste im Kirchenjahr, wie Weihnachten und Ostern, zu denken - dies sinnvoll erscheinen ließ.(32) Schon 1845 berichtete der kaiserliche Gesandte Ritter Maximilian von Kaiserfeld (gest. 1849) nach Wien: "Es herrscht in Hamburg kein tiefer kirchlicher Sinn, vielmehr im allgemeinen religiöse Flachheit, Faulheit und Gleichgültigkeit."(33) Keine zwanzig Jahre später schrieb der Erlanger Kirchenrechtler Adolf von Scheurl (1811-1893), daß die Kirche in Hamburg gleich einem Theater zur gelegentlichen Erholung und Zerstreuung, vielleicht noch zur Aneignung von ästhetischer Bildung benutzt werde: "Sowenig es eine Theatergemeinde gibt, deren Glied man durch den Theaterbesuch würde, fast ebensowenig fühlt man sich als Glied der Kirche."(34)

Die Mehrzahl der Kirchenmitglieder, auch der aus dem Bürgertum, standen dieser Institution im 19. wie im 20. Jahrhundert sehr distanziert gegenüber; in den "feinen Häusern" Hamburgs wurde nicht über Religion gesprochen.(35) Der Gottesdienstbesuch lag - so Pastor Walter Uhsadel (1900-1985) rückblickend im Jahre 1940 - bei 0,5 Prozent der Gemeindemitglieder, selbst ein als begabter Prediger geltender Hauptpastor wie Heinz Beckmann (1877-1939, St.Nikolai) hatte nur 30 bis 50 Menschen sonntags in seinem Gottesdienst.(36) Kurz nach der Jahrhundertwende galt Hamburg als "die unkirchlichste Stadt des Reiches". (37) In der Großstadt Hamburg wird ein allgemeiner Trend im Deutschen Reich um die Jahrhundertwende besonders deutlich - der Rückgang der Kirchlichkeit in der Bevölkerung. Der Gottesdienstbesuch ging je nach Region zwischen zehn und fünfundzwanzig Prozent zurück, am stärksten in den Städten. Zu den Ursachen gehörte u.a. die Pluralisierung der Lebenswelt, die die soziale Kontrolle geringer werden ließ. So trug beispielsweise der Ausbau des Verkehrsnetzes dazu bei, daß am Samstagabend Tanz- und andere Vergnügen eher erreichbar waren, was sich auf den Kirchenbesuch am Sonntagmorgen negativ auswirkte. Im allgemeinen gingen durch das Vordringen von Technik und Medizin auch wichtige sinnstiftende Erklärungsfunktionen der Kirche verloren. (38)

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Zurück zum Text  26. Ernst Christian Schütt, Die Chronik Hamburgs. Dortmund 1991, S. 603.

Zurück zum Text  27. Statistische Mitteilungen über den Hamburgischen Staat. Hrsg. von Wilhelm Beukemann. Nr.2: Berufsaufnahme vom 12.Juni 1907. Hbg. 1913, S. 276.

Zurück zum Text  28. Jacke (wie Anm. 4), S. 308; Rainer Hering, Säkularisierung, Entkirchlichung und Formen protestantischer Resakralisierung in Deutschland seit der Jahrhundertwende. In: Stefanie von Schnurbein/Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Völkische Religiosität und Krisen der Moderne. "Arteigene" Religionsentwürfe seit der Jahrhundertwende (erscheint voraussichtlich 1996).

Zurück zum Text  29. Vgl. dazu auch den Abschnitt 2.8 Alltag in den Gemeinden.

Zurück zum Text  30. Hamburger statistische Monatsberichte. Hg. vom Statistischen Landesamt. November 1926, S. 271-274.

Zurück zum Text  31. Aus Hamburgs Verwaltung und Wirtschaft. Monatsschrift des Statistischen Landesamtes 11.Jg. Nr.7 vom 15.9.1934, S. 155-158.

Zurück zum Text  32. Vgl. dazu beispielhaft die Klage mehrerer Pastoren in einem Schreiben an den Senat vom 23.5.1850 (Staatsarchiv Hamburg [StA Hbg], 111-1 Senat, Cl.VII Lit.Ha No.1 Vol.3a, Bl.34).

Zurück zum Text  33. Bericht vom 21.11.1845, zitiert nach Gerhard Ahrens, Von der Franzosenzeit bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung 1806-1860. In: Hans-Dieter Loose (Hrsg.), Von den Anfängen bis zur Reichsgründung (Hamburg - Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, 1). Hbg. 1982, S. 415-490, S. 454.

Zurück zum Text  34. Adolf von Scheurl, Rechtliches Gutachten über den Entwurf zu einer Verfassung für die evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Hamburg 1864, S. 31; vgl. dazu Hans Georg Bergemann, Staat und Kirche in Hamburg während des 19. Jahrhunderts (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs, 1). Hbg. 1958, bes. S. 80-85.

Zurück zum Text  35. Edith Oppens, Der Mandrill. Hamburgs zwanziger Jahre. Hbg. 1969, S. 5.

Zurück zum Text  36. Rudolf Kremers, Paul Schütz. Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Ein Lebens- und Erkenntnisweg. Moers 1989, S. 74. Auch der ehemalige sozialdemokratische Bürgerschaftsabgeordnete Hellmut Kalbitzer (Jahrgang 1913) betont, daß die evangelischen Gottesdienste in Hamburg kaum besucht wurden (freundliche Mitteilung von Herrn Kalbitzer vom 19.6.1989). Zu Beckmann vgl. Rainer Hering, Die letzten beiden Hauptpastoren an der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai am Hopfenmarkt: Heinz Beckmann und Paul Schütz. In: Auskunft 16 (1996), 27-47.

Zurück zum Text  37. Marie-Elisabeth Hilger, Die unkirchlichste Stadt des Reiches? In: Volker Plagemann (Hrsg.), Industriekultur in Hamburg. Des Deutschen Reiches Tor zur Welt. München 1984, S. 199-203, S. 199.

Zurück zum Text  38. Thomas Nipperdey, Religion und Gesellschaft. Deutschland um 1900. In: Historische Zeitschrift 246 (1988), S. 591-615, bes. S. 602-603; ders., Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918. München 1988, S. 118-123; ders., Deutsche Geschichte 1866-1918. Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990, S. 468-480.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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