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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


Die Kirche nahm diese Entwicklung aber nicht als gegeben hin, sondern versuchte vielmehr, ihr entgegenzutreten. Vor allem durch Hausbesuche bei Ausgetretenen oder Ehepaaren, die nicht kirchlich getraut waren bzw. ihre Kinder nicht taufen ließen, sollte der Trend gestoppt und die kirchliche Bindung des einzelnen wieder erhöht werden. Am Beispiel der Hauptkirche St. Michaelis soll diese Tätigkeit näher dargestellt werden.

Seit 1926 arbeitete die studierte Theologin Margarete Schuster (1899-1978) als Gemeindehelferin vor allem auf diesem Sektor.(39) Über ihre Erfahrungen in den Jahren 1926/27 liegt ein ausführlicher Bericht vor, der zahlreiche Einsichten vermittelt, die für ganz Hamburg von Interesse sind:

1926 kamen in der Gemeinde St. Michaelis auf 829 staatliche Eheschließungen nur 260 kirchliche, also nicht einmal ein Drittel. Mehr als die Hälfte derjenigen Paare, die nicht vor den Traualtar traten, suchte Margarete Schuster persönlich auf, wozu oftmals mehrere Gänge erforderlich waren. Der Besuch der Gemeindehelferin wurde von den Eheleuten zumeist als unangenehm empfunden - keine leichte Situation für die junge Theologin, die in ihrem Wirken viel Ablehnung und nur wenig Bestätigung erfuhr. Insbesondere die Männer standen der Kirche negativ gegenüber, vor allem durch "ein längst eingeschlafenes Gewissen. Sehr viele haben aber auch gar keine Ahnung oder Vorstellung von einer kirchlichen Trauung. Sie haben noch nie einer beigewohnt und nur abfällige Urteile über sie gehört." Etliche fürchteten auch den Spott der Nachbarn und Arbeitskollegen, vor allem unter Sozialdemokraten. "Ich erlebte viele Enttäuschungen", faßte Margarete Schuster ihre Erfahrungen zusammen. Erfolg hatte sie nur bei sieben Paaren, sieben von 310, gerade zwei Prozent!

Diese hunderte von Besuchen wurden noch ergänzt durch solche bei Familien, deren Kinder nicht getauft waren. Dazu verglich sie die Standesamtslisten mit den Taufeintragungen der Gemeinde - ein heute unter Datenschutzgesichtspunkten völlig undenkbares Verfahren. Mehr als 500 Familien galten im Pfarrbezirk des "Michels" als "säumig" mit der Taufe ihrer Kinder und wurden von Margarete Schuster aufgesucht. Dabei mußte sie die Personen erst einmal über ihre Funktion aufklären, weil sie zumeist mit der Jugendamtsfürsorgerin oder einer Sektenanhängerin verwechselt wurde, die bei den Familien oft vorstellig wurden. Viele Frauen freuten sich, daß sie endlich einmal mit jemandem über ihre Kinder sprechen konnten, wodurch sich ein persönlicher Kontakt aufbauen ließ.

Die Ursachen für den Verzicht auf die Taufe, so fand Margarete Schuster heraus, lagen z.T. in der Trägheit der Familien, z.T. auch in den schlechten finanziellen Verhältnissen, die die anschließende Feier nicht ermöglichten. Vielfach gaben die Frauen "in den evangelisch-dissidentischen Mischehen" - der Mann war aus der Kirche ausgetreten - der "Diktatur" des Erziehungswillens des Vaters nach, der die Taufe ablehnte. In Einzelfällen konnte die Gemeindehelferin in ihren Gesprächen doch noch zur Taufe motivieren, ja manchmal sogar eine Nachtrauung erreichen.

In den Jahren 1922 bis 1926 traten 1.313 Männer und 324 Frauen aus dem St. Michaelis-Kirchspiel aus. 250 von ihnen hatte Margarete Schuster besucht, um mit ihnen über diesen Schritt zu sprechen. Ihre Erfahrungen sind sehr aufschlußreich für die religiöse Situation in der Hansestadt: Frauen waren abweisender als Männer, die gern über Weltanschauungsfragen sprachen. Die Ursachen für den Kirchenaustritt waren in den Jahren 1922 bis 1924 in erster Linie ideologisch motiviert: Es handelte sich "vorwiegend um naturwissenschaftlich aufklärerisches und ethisch-idealistisches Freidenkertum". In einzelnen Straßen schien gezielt für den Kirchenaustritt geworben worden zu sein, z.B. in der Straße Hütten. Im Jahr 1925 war die Kirchensteuer das ausschlaggebende Motiv, "die zunächst die kleineren Steuerzahler zum Kirchenaustritt treibt". Jedesmal vor dem Fälligkeitstermin häuften sich die Austritte von Kirchensteuerpflichtigen. "Es sind die Früchte eines längst vorhandenen Freidenkertums, die Auswirkungen der alten Gleichgültigkeit gegen die Kirche und das Versäumnis der Pflichten ihr gegenüber", interpretierte Schuster den Befund. "Die Presse, die allgemeinen Gespräche behandeln zu dieser Zeit die Kirchenfrage, man übt eine Kritik an den Pastoren und an den kirchlichen Einrichtungen."

Seit Sommer 1926 trat immer stärker eine bewußt gewollte Gottlosigkeit als Austrittsmotiv hervor: "Die kühle Gleichgültigkeit, die nichts will, wird abgelöst durch den Kampf gegen die Kirche. Die seit 1925 in jedem Frühjahr veranstaltete, großartig aufgezogene Kirchenaustrittswoche zeigt gar keine sofort sichtbaren Erfolge. Aber die rote Presse, viele Agitatoren, die soziale "rote Hilfe" arbeiten unentwegt und mit den unlautersten Mitteln, einzelne abtrünnig zu machen und die Masse zu gewinnen. Fast in keiner kommunistischen Demonstration fehlt das Schild zur Aufforderung zum Kirchenaustritt." Einzelne Straßen waren besonders durch die Kirchenaustrittsbewegung gekennzeichnet, wie der Valentinskamp, Kohlhöfen, Marienstraße, Peterstraße und Kurze Straße. Vor allem die letztengenannten drei Straßen stünden "förmlich unter der Diktatur der atheistischen Anführer". Das Gängeviertel dagegen habe verhältnismäßig wenig Austritte aufzuweisen und sei "in jeder Beziehung garnicht so unkirchlich wie viele andere Straßenzüge in St. Michaelis".

Die Männer würden fast immer ohne Wissen ihrer Frauen aus der Kirche austreten, später dann auch auf diese Druck ausüben. Junge, berufstätige Frauen träten aus, um Kirchensteuer zu sparen. Einzelne konnten durch die Gespräche mit der engagierten Gemeindehelferin zum Wiedereintritt bewegt werden.

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Zurück zum Text  39. Hierzu und zum folgenden: Nordelbisches Kirchenarchiv Kiel [NEK], Personalakte Margarete Schuster, bes. Bl. 4, Arbeitsbericht Februar 1926 bis Oktober 1927, dort auch die Zitate. Ich danke auch an dieser Stelle Herrn Michael Kirschke vom NEK für seine langjährige, bewährte Unterstützung.

Zu Schuster vgl. Rainer Hering, Schuster, Margarete Adele Caroline Elisabeth. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. IX. Herzberg 1995, S. 1145-1148; ders., Die Theologinnen Sophie Kunert, Margarete Braun und Margarete Schuster (Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen, 12) erscheint Hbg. 1996.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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