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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


3.3 Kirchenverfassung

Die politischen Veränderungen nach dem Ende des Weltkrieges mit der Etablierung der ersten demokratischen Republik in Deutschland ließen auch die Kirche nicht unberührt. Erneut zeigt sich hier, daß sie in einem engen Wechselverhältnis zur Gesellschaft steht und kirchliche Entwicklungen stark von denen auf der politischen und sozialen Ebene bestimmt werden.

Die Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 bestimmte in Artikel 137: "Es besteht keine Staatskirche". Damit wurde der Prozeß der Trennung der engen Verbindung von Thron und Altar abgeschlossen, der in Hamburg bereits 1860/70 eingeleitet worden war. Der Anteil des Senats beschränkte sich seitdem auf das neu eingeführte "Patronat" der lutherischen Senatsmitglieder(40), das vor allem die Bestätigung kirchlicher Gesetze und von Senior- und Pastorenwahlen sowie der Ernennung einiger Mitglieder der von Geistlichen und Laien gewählten Synode, des Kirchenrates und der Gemeindevorstände umfaßte. 1914 wurde die Erhebung der Kirchensteuer, die vorher durch kirchliche Organe eingezogen worden war, den staatlichen Behörden übertragen. Im März 1919 gaben die evangelisch-lutherischen Senatoren ihr Patronatsrecht über die Hamburgische Landeskirche auf. Mit der neuen Kirchenverfassung von 1923, die bis 1959 gültig war, verwaltete die "Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate" als Körperschaft des öffentlichen Rechts ihre Angelegenheiten selbständig. Wie im politischen Bereich wurde nun auch in der Kirche das aktive und passive Frauenwahlrecht eingeführt.(41) Die Synode war das oberste Organ der Hamburgischen Landeskirche. Sie bestand aus Abgeordneten der Kirchenvorstände und Konvente und wählte den Kirchenrat für Aufgaben der Verwaltung und zur Vorbereitung der Vorlagen für die Synode. Ihm gehörte ex officio der Senior an, der von der Synode aus dem Kreis der Hauptpastoren gewählt wurde. Er hatte die Dienstaufsicht über die Geistlichen und den Vorsitz im Hauptpastorenkolleg und in den Kollegien der Pastoren. Das Geistliche Ministerium umfaßte alle Geistlichen, hatte allerdings nur gutachterliche Befugnisse bei verfassungsändernden Beschlüssen der Synode. (42)

3.4 Finanzen

Die finanzielle Situation der Hamburger Kirche war nachhaltig von der gesamtwirtschaftlichen Lage des Deutschen Reiches bestimmt. Mit dem Ersten Weltkrieg setzte 1914 die Inflation ein, die sich 1922/23 zur Hyperinflation steigerte. Auf eine Phase der relativen Stabilisierung ab 1924 folgte 1929 ein Konjunkturabschwung, der in der Weltwirtschaftskrise gipfelte. Erst durch die systematisch erhöhten Staatsausgaben ab 1933 gab es einen konjunkturellen Aufschwung, der jedoch im Zusammenhang mit Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen zu sehen ist.(43)

Durch die Inflation hatte die Kirche fünf Millionen Mark verloren und die Steuerkraft der Gemeindemitglieder ging zurück, da der Ertrag der Kirchensteuer von der Höhe der Einkommen abhängig war. In der Inflationszeit wurde diese Steuer direkt in den Gemeinden bezahlt, um der Geldentwertung vorzubeugen.(44) Vor allem in den Jahren 1919 bis 1924 war die Arbeit der Synode durch die schwierige finanzielle Lage gekennzeichnet. Doch auch noch 1925 wurden die Kirchenvorstände zur Sparsamkeit gemahnt, vor allem bei der Instandhaltung der Gebäude.(45) Wie andere Berufsgruppen auch, so mußten die kirchlichen Mitarbeiter erhebliche Einbußen im Lebensstandard hinnehmen; 1930 wurden ihnen Gehaltsvorschüsse nur gegen eine Verzinsung gewährt.(46)

Ende der zwanziger Jahre wurde die Haushaltslage der Kirche wieder schwierig: Das Rechnungsjahr 1928 schloß mit einem "bedeutenden Fehlbetrag" ab und für 1929 und die folgenden Jahre rechnete man mit einem erheblichen Steuerausfall. Immer wieder appellierte der Kirchenrat an die Gemeinden, diese Situation in den Voranschlägen zu berücksichtigen, und behielt sich vor, diese einer "scharfen Überprüfung" zu unterziehen. Mit Wirkung vom 1. Februar 1931 wurden die Gehälter um fünf, ab April um sechs Prozent der Bruttobezüge gekürzt.(47) Die Zahl der Kirchenaustritte nahm weiter zu und erreichte 1931 mit 15.849 die höchste Ziffer seit 1920. Da die Austrittszahlen vor allem in den Monaten der Steuerzahlung besonders anstiegen, scheint die schlechte wirtschaftliche Lage ausschlaggebend gewesen zu sein. Vor allem ungelernte Arbeiter verließen die Kirche, aber auch die Gehaltskürzungen im "Mittelstand" veranlaßten etliche zu diesem Schritt.(48) Den Handlungsmöglichkeiten der Kirche wie auch ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren also während der Weimarer Republik in erster Linie durch die gesamtwirtschaftliche Lage enge Grenzen gesetzt , die die kirchliche Arbeit ganz erheblich einschränkten.

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Zurück zum Text  40. 3 und 4 der Verfassung der evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 9.12.1870 (Hamburgische Gesetzessammlung 1870 I, S. 137-155, S. 138).

Zurück zum Text  41. StA Hbg, 111-1 Senat, Cl.VIII No.Xa, Protokoll der Senatssitzung vom 14.3.1919 (Bl. 377f). In der Senatssitzung vom 7.5.1919 stellte Senator Max Schramm (1861-1928) deutlich fest, daß "(...) die auf staatlichem Gebiet sich vollziehende Umwälzung der Verhältnisse die völlige Trennung von Staat und Kirche zur Folge hat (...)" (ebd., Bl. 680f). Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 30.5.1923. In: Hamburgisches Gesetz- und Verordnungsblatt (HGVBl.) 1923, 427-442; Daur (wie Anm. 9), 258. Auf Beschluß der Synode vom 24.6.1919 wurde eine Interimsverfassung vom 16.7.1919 verabschiedet (in: Amts-Blatt der Freien und Hansestadt Hamburg Nr.163 vom 17.7.1919, 1217-1233). Im Laufe der zwanziger und dreißiger Jahre wurden auch die acht Stellen der Staatsgeistlichen am Waisenhaus, am "Werk- und Armenhaus", an den Gefängnissen und an den Krankenhäusern St.Georg und Eppendorf aufgehoben und in kirchliche Hand überführt, vgl. (Paul) Gastrow, Die Staatsgeistlichen in Hamburg. In: Hamburgische Kirchenzeitung 2 (1925), 75f.

Es ist auffallend, daß die staatlichen Verfassungen der Hansestadt von 1921 und 1952 keine Aussagen über das Verhältnis zur Kirche treffen, vgl. Hans Peter Ipsen, Hamburgs Verfassung und Verwaltung. Von Weimar bis Bonn. Hbg. 1956, 254.

Zurück zum Text  42. 40-44 der Verfassung der evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 9.12.1870 (Hamburgische Gesetzessammlung 1870 I, 137-153, 148f) sowie 48-59 der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 30.5.1923 (HGVBl 1923, 427-442); Wolf Harm, Ausschnitt aus der Geschichte der Ev.-luth. Kirche in Hamburg und ihre Struktur in der Gegenwart. Ms. Hbg. 1980, Bl. 37; Heinz Stoob, Die Entwicklung des kirchlichen Oberamtes in Hamburg. Ms. Hbg. 1955, Bl. 22.

Zurück zum Text  43. Kolb (wie Anm.1), S. 177ff; Knut Borchardt, Grundriß der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 2., verb. Aufl. Göttingen 1985, S. 61-70; Gerald D. Feldman, The Great Disorder. Politics, Economics and Society in the German Inflation 1914-1924. New York-Oxford 1993.

Zurück zum Text  44. Martin Hennig, Beiträge zur nordelbischen und zur hamburgischen Kirchengeschichte. Breklum 1988, S. 42.

Zurück zum Text  45. Gesetze, Verordnungen und Mitteilungen aus der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate (GVM) 1925, S. 71-73, S. 73 (An die Kirchenvorstände 20.11.1925).

Zurück zum Text  46. Daur (wie Anm. 9), S. 260; GVM 1930, S. 1 (23.1.1930, der Zinssatz betrug 6 Prozent p.a.).

Zurück zum Text  47. Z.B. GVM 1929, S. 67f (An die Kirchenvorstände 3.12.1929); ebd., 1930, S. 49 (25.9.1930); ebd., S. 71 (23.12.1930); ebd., 1931, S. 3 (30.1.1931); ebd., S. 13; Heinz Beckmann, Die Etat-Synode. In: Hamburgische Kirchenzeitung 8 (1931), S. 33f.

Zurück zum Text  48. Theodor Knolle, Kirchliche Chronik. In: Hamburger Kirchenkalender 1933. Hbg. o.J. (1932), S. 121-130, S. 121f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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