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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


3.5 Innerkirchliche Gruppierungen und theologische Auseinandersetzungen

Die beiden führenden theologischen und kirchenpolitischen Richtungen innerhalb der evangelischen Kirche, so auch in der Hamburgischen Landeskirche, waren die in der Nachfolge der Aufklärung stehenden Liberalen, die für einen Pluralismus in der Kirche eintraten, und die "Positiven", die sich als Fortsetzung der lutherischen Orthodoxie sahen. Diese Spaltung des Protestantismus stellte ein deutsches Grundfaktum dar, das nicht unterschätzt werden darf. Reichsweit dominierten die "Positiven", sie bestimmten das innerkirchliche Klima und den Stil der Mehrheit. Insgesamt gehörten etwa vier Fünftel der Pastoren der nichtliberalen Seite an, wobei der theologische Konservatismus sich schon frühzeitig mit dem politischen verbunden hatte. Die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen war bei der Pastorenwahl entscheidend. Die vermittelnde dritte, "neukirchliche" Richtung, an deren Spitze Hermann Junge (1884-1953) und Ludwig Heitmann (1880-1953) standen, war demgegenüber in Hamburg relativ unbedeutend.(49) Die Hauptkirchen St. Nikolai und St. Katharinen galten als "liberal", St. Jacobi und St. Michaelis als "positiv", d.h. die jeweiligen Hauptpastoren vertraten die entsprechenden Richtungen. St. Petri gehörte unter dem Hauptpastor Friedrich Rode (1855-1923) der liberalen Richtung an. Zwischen beiden Gruppierungen gab es heftige Richtungsstreitigkeiten, führende Vertreter der "Positiven" waren Simon Schöffel und Theodor Knolle (1885-1955, St. Petri), der Liberalen sammelten sich um Heinz Beckmann.(50)

Trotz oder vielleicht gerade wegen der recht starken Position der Orthodoxen in der lutherischen Kirche Hamburgs gab es eine relativ große Zahl von "Dissidenten", von theologischen Außenseitern, die ihr Anliegen publik gemacht haben. An erster Stelle ist hier Wilhelm Heydorn (1873-1958) zu nennen, der 1912 Pastor an St. Katharinen geworden war, obwohl er bereits in seiner vorigen Gemeinde auf der Insel Fehmarn für Auseinandersetzungen gesorgt hatte. 1913 trat er dem Monistenbund bei, der jedes jenseits der physischen Welt liegende Sein leugnete und die Welt einschließlich der Menschen nur den Naturgesetzen unterworfen sah. Den Mitgliedern dieser Vereinigung bot er Ersatz für die kirchliche Taufe und Trauung an. Im Gottesdienst ließ er Schriftlesung und Gebet weg und verweigerte später den Vollzug der christliche Taufe. Nach mehreren Rügen und Disziplinarverfahren wurde er 1921 amtsenthoben. Noch im selben Jahr trat Heydorn aus der Landeskirche aus, so daß ein Jahr später der kirchliche Disziplinarhof beschloß, ihm die Rechte des geistlichen Standes abzuerkennen.(51)

Die Kirchenverfassung von 1923 bot Pastoren die Möglichkeit, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen, "wenn sich der Geistliche aus Gewissensgründen nicht mehr imstande sieht, die mit dem Amtsgelübde übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen". (52) Der erste, der davon Gebrauch machte, war der Pastor an der Dreieinigkeitskirche in St. Georg, Kurt Leese, der später Philosophie an der Hamburger Universität lehrte. Im April 1932 beschloß er, aus dem Dienst der Kirche auszuscheiden, da er keine ausreichende Bindung an die Bekenntnisschriften mehr verspüre, kein inneres Verhältnis zu den Sakramenten mehr habe und die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi nicht mehr verkündigen könne. Ohne Erörterung wurde er in den Ruhestand versetzt, wobei ihm die Rechte des geistlichen Standes gelassen wurden. Die Hamburger Kirchenleitung versuchte aber in den folgenden Jahren, seine öffentlichen Wirkungsmöglichkeiten, z.B. in der Religionslehrerausbildung, einzuschränken. (53)

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Zurück zum Text  49. Hervorgegangen war sie in der frühen Nachkriegszeit aus Bestrebungen des Michaelis-Hauptpastors August Wilhelm Hunzinger (1871-1920), eine revolutionäre Erneuerung der Kirche einzuleiten. Er proklamierte eine Volkskirche im Gegensatz zur Pastorenkirche und wurde dabei u.a. von Peter Petersen unterstützt. Allerdings blieb die zahlenmäßige Unterstützung dieser Bewegung gering. Ihre 1919/20 erscheinende Zeitschrift "Die Neue Kirche" mußte bald wieder eingestellt werden. In der Synode erhielt diese kleine Gruppierung Unterstützung von der Berneuchener Bewegung, die eine kirchliche Erneuerung durch die Ausgestaltung liturgischer Formen für den Gottesdienst und einer den Tagesablauf genau regelnden Lebensordnung (Stundengebet) anstrebte. Auch sie befürworteten die Einführung des Bischofsamtes, vgl. Heinrich Wilhelmi, Die Hamburger Kirche in der nationalsozialistischen Zeit 1933-1945 (Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, Ergänzungsreihe, 5). Göttingen 1968, S. 11f.

Zurück zum Text  50. Hering, Staat (wie Anm. 9), S. 189.

Zurück zum Text  51. NEK, Personalakte Heydorn; Daur (wie Anm. 9), S. 251.

Zurück zum Text  52. 36, Absatz 2 der Verfassung vom 30.5.1923 (GVM 1923, S. 427-442, S. 435); Kirchliches Ruhestandsgesetz vom 23.11.1923 (in: NEK, Kirchenrat Hamburg, BIX a 4, Bl. 25a).

Zurück zum Text  53. Rainer Hering, Vom Umgang mit theologischen Außenseitern im 20. Jahrhundert. In: ZHG 77 (1991), S. 101-122, zu Leese S. 104-112.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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