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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


Neben Lehrdifferenzen wurde die engagierte Arbeit einzelner Pastoren in Arbeitervierteln kritisch beäugt: War schon die Jugendarbeit Walter Classens (1874-1954) im Hamburger Volksheim kritisiert worden, so daß dieser sich zu Beginn des Jahrhunderts anstelle der kirchlichen Laufbahn dem Schuldienst zuwandte, so wurde auch die Arbeit Ludwig Heitmanns negativ eingeschätzt. Sein Lehrauftrag im Rahmen der Religionslehrerausbildung 1932 zum Thema "Großstadt und Religion" wurde von Theodor Knolle mißbilligt und deswegen nicht verlängert, weil er - wie Classen - durch einseitige Beeinflussung "eine starke Opposition heranzüchten würde". Von 1913 bis 1920 hatte Heitmann ein dreibändiges Werk über Großstadt und Religion veröffentlicht, das in den zwanziger Jahren mehrfach aufgelegt wurde, und 1929 den theologischen Ehrendoktor der Universität Gießen erhalten als "bahnbrechende(r) Dolmetsch der evangelischen Botschaft in der modernen Großstadt". Heitmann verfügte nicht über eine humanistische Bildung, sondern war vor allem an technischen und mathematischen Fragen interessiert, was zu seiner Aufgeschlossenheit gegenüber den Problemen der Moderne beigetragen hat. Sein Wirken in Arbeitervierteln, insbesondere in der Jugendarbeit, ist - wie zuvor schon bei Walter Classen - von der Kirchenleitung nicht anerkannt worden. Gerade in beider Tätigkeit in Hammerbrook nahm die Frage, ob und wo Religion in der großstädtischen Lebensentwicklung überhaupt möglich sei, eine zentrale Rolle ein. Die Maßnahmen der kirchenleitenden Elite gegen Heitmanns Mitwirkung in der Religionslehrerausbildung erscheint als Versuch, die Vermittlung einer Theologie, die auf die Situation der Masse der Arbeiter bezogen war, "von oben" zu verhindern. Diese Ansätze einer kirchlichen Sozialarbeit, deren Ziel es war, die Entfremdung zwischen der Kirche und den Arbeitern zu überwinden, galten nicht als opportun. Theologie und Kirche sollten in ihren tradierten Formen und Wertmaßstäben unverändert bleiben. Die Führung der Kirche, diese soziale und gesellschaftliche Elite aus dem Bildungsbürgertum, hielt am kirchlichen Herkommen als der unverändert wahren Form des Glaubens fest. Bemühungen, die Verkündigung auf die andere soziale Realität der Arbeiter zuzuschneiden, wurden von der kirchenleitenden Elite als Schritte in eine falsche Richtung abgelehnt. Die Situation der Arbeiter in der Großstadt wurde in ihrer Bedeutung für die Kirche nicht erkannt. An dieser Stelle wird der Konflikt um die Reaktion der Kirche auf die gesellschaftliche Modernisierung deutlich: Die kirchenleitende Elite nahm eine antimoderne Haltung ein und versuchte, die Problematik durch Ausgrenzung von unliebsamen Positionen zu lösen.(54)

Die kirchenleitende Elite stand, um Einheitlichkeit des Erscheinungsbildes nach außen und innere Kohärenz zu wahren, einer Übertragung des gesellschaftlich akzeptierten Pluralismus der Meinungen innerhalb der Kirche ablehnend gegenüber und ließ abweichende Positionen nicht zu. Damit wurde zugleich der Prozeß der innerkirchlichen Diskussion eingeschränkt.

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Zurück zum Text  54. Rainer Hering, Religionslehrerausbildung zwischen Weimarer Republik und "Drittem Reich": Die Kurse für die "Studierenden der Evangelischen Religionslehre" an der Hamburger Universität 1931-1937. In: Ders., Theologische Wissenschaft (wie Anm.9), S. 137-181, bes. S. 144f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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