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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


3.6 Die Diskussion um die Einführung des Bischofsamts

Gravierende Verfassungsänderungen in der Kirche gab es während der Weimarer Republik nicht, aber ein wichtiges Moment stellte die Erörterung der Einführung des Bischofsamtes als Ersatz für das Seniorat dar. Hauptpastor Simon Schöffel hatte sich - unterstützt von seinem Kollegen Theodor Knolle - aus theologischen wie aus persönlichen Gründen schon frühzeitig für diese Änderung eingesetzt: Er war der Ansicht, daß zur lutherischen Kirche das Bischofsamt wesentlich dazugehöre - die Bezeichnung Senior würde dem Wesen der Kirche nicht hinreichend gerecht. Zudem spielten eigene Karrierewünsche eine Rolle. Die Erörterungen des Jahres 1925 - und erneut 1931 - standen aber auch im Zusammenhang mit Bestrebungen der katholischen Kirche, in Altona einen eigenen Bischofssitz einzurichten bzw. Anspruch auf das Bistum Ansgars zu erheben. Während der Weimarer Republik blieb die kollegiale Leitungsstruktur jedoch erhalten. Erst nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Mai 1933 konnte Schöffel sich durchsetzen; er selbst wurde der erste Hamburger Bischof der Neuzeit.(55)

Die bereits in den zwanziger Jahren angestrebte Hierarchisierung der kirchlichen Entscheidungsstrukturen kann aber auch als Reaktion auf die Einführung der Demokratie im politischen und im kirchlichen Raum interpretiert werden. Um der Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft entgegenwirken zu können, sollte die Spitze der Kirchenleitung umstrukturiert und allein auf eine Person ausgerichtet werden. Nach der Etablierung des "Führerprinzips" im "Dritten Reich" konnte diese Veränderung dann auch in der Hamburger Landeskirche durchgesetzt werden.

3.7 Die Frage der Frauenordination

Ein wichtiges Problem für die protestantischen Landeskirchen stellte in den zwanziger Jahren die Frage dar, ob die im staatlichen Bereich eingeführte Gleichberechtigung der Frauen auch in der Kirche umgesetzt werden sollte, und Frauen mithin ordiniert und als Pastorinnen eingestellt werden dürften. Seit der Jahrhundertwende durften Frauen sich an deutschen Universitäten immatrikulieren und im Wintersemester 1908/09 gab es die erste Studentin der evangelischen Theologie. In Hamburg wurde die "Frauenfrage" ausgelöst durch eine Anfrage Sophie Kunerts (1896-1960), die seit 1925 als Sozialpädagogin in der Strafanstalt Fuhlsbüttel tätig war, nachdem sie vier Jahre zuvor in Berlin das erste theologische Examen abgelegt hatte. Auf ihren Antrag wurde sie zum zweiten Examen zugelassen, das sie im Herbst 1925 bestand. Umstritten war nun ihr Ziel, für ihre Tätigkeit in der Strafanstalt auch ordiniert zu werden. Im November 1927, nach zwei Jahren heftigster Auseinandersetzungen, wurde eine gesetzliche Regelung über "die Verwendung theologisch vorgebildeter Frauen in der Hamburgischen Kirche" verabschiedet. Obwohl sie dieselbe Ausbildung hatten, wurden Frauen nicht als Pastorinnen, sondern als geringer besoldete Pfarramtshelferinnnen angestellt: Ihr Aufgabenbereich lag in der Wortverkündigung in Andachts- und Bibelstunden vor Frauen und Jugendlichen, im Abhalten von Kindergottesdiensten oder Religionsunterricht, in der Vorbereitung und Mitarbeit (!) am Konfirmandenunterricht sowie in der seelsorgerlichen und sozialen Gemeindearbeit an Frauen und Mädchen. In Frauenanstalten und geschlossenen Frauenabteilungen von Anstalten durfte der Pfarramtshelferin auf Beschluß des Kirchenrats und des zuständigen Pfarramtes in besonderen Fällen der Einzelseelsorge auch die Verwaltung der Sakramente übertragen werden, wie Sophie Kunert es erbeten hatte. Die Stellen von Pfarramtshelferinnen konnten nur mit Zustimmung des Kirchenrates von der Synode bewilligt werden, im Falle der Eheschließung schieden sie ohne Anspruch auf Ruhegehalt aus dem Dienst der Kirche aus. Die Tätigkeit der Pfarramtshelferin wurde nicht als geistliches Amt verstanden, sie wurde zum Dienst eingesegnet, nicht ordiniert.

Zusammenfassend ist festzuhalten, daß durch das Gesetz von 1927 Frauen in verstärktem Maße eine theologische Tätigkeit in der Hamburgischen Landeskirche ermöglicht wurde, ihre generelle Gleichberechtigung aber noch längst nicht erreicht war. Nicht nur in ihren Rechten und Wirkungsmöglichkeiten, auch in ihrer geistlichen und finanziellen Anerkennung waren Frauen trotz gleicher Vorbildung in keiner Weise den Männern gleichgestellt, diesen vielmehr unterstellt.(56)

Auch für andere weibliche Beschäftigte in der Kirche gab es keine volle Gleichberechtigung. Wie in anderen Arbeitsverhältnissen lag ihr Lohn deutlich unter dem ihrer männlichen Kollegen.(57)

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Zurück zum Text  55. Hans Wenn, Einhundert und mehr Jahre Hamburger Hauptpastoren. Eine Materialsammlung. Teil I. Ms. Hbg. 1956, Bl. 76-85; Hering: Religionslehrerausbildung (wie Anm. 54), bes. S. 153 und 164-168; ders., Die Bischöfe Simon Schöffel, Franz Tügel (Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen, 10). Hamburg 1995, S. 23f. Scharfe Kritik an Schöffels Plänen kam beispielsweise von Kurt Leese, vgl. seine Artikel in: Hamburgischer Correspondent Nr.505 vom 29.10.1925, Nr.525 vom 10.11.1925 und Nr.527 vom 11.11.1925; Christliche Welt 40 (1926), S. 148. Auch in Preußen wurde 1925 die Einführung des Bischofsamtes diskutiert, im Frühjahr 1927 aber knapp abgelehnt.

Zurück zum Text  56. Hering, Frauen (wie Anm. 9); ders., Theologinnen (wie Anm. 39).

Zurück zum Text  57. So betrug der Stundenlohn ab 1.3.1932 für Männer 0,90 RM, für Frauen nur 0,70 RM, also keine 80% (GVM 1932, S. 13).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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