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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


3.8 Alltag in den Gemeinden

Die Grenzen der kirchlichen Aktivitäten waren in finanzieller Hinsicht von der wirtschaftlichen Lage bestimmt. So mußte beispielsweise die Apostelkirche in Eimsbüttel den seit 1920 geplanten Bau eines Gemeindesaales immer wieder verschieben.(58) Aber schon der alltägliche Betrieb war beeinträchtigt, es fehlte an Geld für Gehälter, Miete und vor allem für Heizung. In Eilbek mußten Knaben- und Mädchenhort eingestellt werden, 1923 war die diakonische Arbeit fast zum Erliegen gekommen.(59) Selbst der Besuch der Gottesdienste hatte, so im Winter 1923/24, in den meisten Gemeinden durch die Heizungsschwierigkeiten gelitten. Die notwendig gewordene Verlegung in den Gemeindesaal wurde vielfach als unzureichender Notbehelf empfunden, da der feierliche Kirchenraum als wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes galt. Zugleich führten Kälte und Feuchtigkeit langfristig zu Gebäudeschäden.(60)

Mit den Kirchenaustritten ging auch die Zahl der Amtshandlungen zurück: Wurden 1910 noch 96,9 Prozent der Neugeborenen aus rein evangelischen Ehen in Deutschland getauft, waren es 1924 nur noch 93,7 Prozent. Erheblich unter diesem Durchschnitt lagen 1925 Anhalt mit 89,1 Prozent, Berlin mit 88,4 Prozent, Frankfurt/Main mit 87,6 Prozent, Mecklenburg-Schwerin mit 82,4 Prozent und Hamburg mit nur 81,1 Prozent.(61) Der Anteil der kirchlichen Beerdigungen lag 1925 in Deutschland bei 90,5 Prozent, in Hamburg lag er mit 75,2 Prozent erheblich darunter.(62) Die Ziffern für die Teilnahme am Abendmahl waren in Hamburg so niedrig wie in keiner anderen Landeskirche: 1925 wurden in Deutschland 28,5 Prozent der evangelischen Bevölkerung als Abendmahlsgäste gezählt, weit darunter lagen Großstädte, wie Berlin mit 10,6 Prozent, Bremen mit 7,8 Prozent und als Schlußlicht Hamburg mit nur 6,7 Prozent. (63) Die Zahl der Konfirmationen nahm ebenso wie die inhaltlichen Kenntnisse der Konfirmanden ab.(64) So klagten zahlreiche Kirchengemeinden über die geringen Vorkenntnisse, die die Kinder im Konfirmandenunterricht von der Schule her mitbrächten, zumal viele erst kurz vor der Anmeldung zur Konfirmation in der Schule mit dem Religionsunterricht begännen. (65) Insbesondere bei den Konfirmanden aus den Volksschulen, so bedauerte die Gemeinde Alt-Barmbek, sei die Unwissenheit sehr groß.(66)

Bei den Trauungen ergab sich zwischen 1923 und 1924 ein Rückgang um ein Drittel. In dem Arbeiterviertel Nord-Barmbek beispielsweise ließen sich 1923 41 Prozent der Eheschließenden kirchlich trauen, im folgenden Jahr waren es nur noch 34 Prozent. In Eilbek verringerte sich die absolute Zahl der Trauungen von 509 auf 320. Auf Reichsebene sank der Anteil der kirchlichen Trauungen von 91 Prozent im Jahre 1910 auf 84 Prozent 1925, wobei in Großstädten grundsätzlich ein noch stärkerer Rückgang zu verzeichnen war: In Frankfurt lag der Anteil bei 72 Prozent, in Hamburg bei 61 Prozent und in Berlin sogar nur noch bei 44 Prozent.(67) Im Zusammenhang mit Eheschließungen wurde in der Hansestadt beklagt, daß diese zumeist auf den Sonnabend gelegt wurden und die anschließenden Feierlichkeiten bis weit in die Sonntagmorgenstunden andauerten, so daß der Kirchenbesuch entsprechend beeinträchtigt war. Ein weiteres Problem stellte der Alkoholgenuß dar, der sogar dazu führte, daß in Alt-Barmbek eine Trauung verweigert werden mußte, weil das Paar selbst nicht mehr nüchtern gewesen sein soll.(68)

Die Gemeindepastoren waren sehr stark in Anspruch genommen, jeder hatte etwa 10.000 bis 12.000 Gemeindemitglieder zu betreuen, in der Versöhnungskirche Eilbek waren es 1924 sogar 13.460. Georg Daur (1900-1989), der 1925 Pastor wurde, schrieb rückblickend über die Tätigkeit der Gemeindepastoren: "Auch das private Leben mit seinen kulturellen Verpflichtungen kam aus zeitlichen und finanziellen Gründen schon zu kurz. Die Konzentration der Kräfte galt dem Bau der Gemeinde, der Pflege ihrer Kreise, den Besuchen und Amtshandlungen, den Vorbereitungen von Gottesdienst, Vortrag und Unterricht. Ein Gemeindepastor kannte keinen Achtstundentag und schon gar nicht ein freies Wochenende. Für ihn begann der Tag in der Frühe mit dem Bibelstudium, nicht selten in der Ursprache, dem die Sprechstunden mit seelsorgerlicher oder fürsorgerischer Inanspruchnahme und viele Tagesaufgaben, die zu bewältigen waren, folgten. Bis in den späten Abend, oft bis zur Mitternacht, brannte das Licht in mancher Hamburger Studierstube."(69)

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Zurück zum Text  58. 100 Jahre Apostelgemeinde (wie Anm. 21), S. 56. Zu den finanziellen Schwierigkeiten beim Kirchbau in Eilbek vgl. Günther Severin, Jahre einer Gemeinde. Eilbek 1872-1943. Hbg. 1985, bes. S. 379-392.

Zurück zum Text  59. Severin (wie Anm. 58), S. 393-397.

Zurück zum Text  60. Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Kirchlicher Bericht über die Jahre 1923 und 1924 erstattet von Senior D. Stage. Hbg. 1925, S. 4f.

Zurück zum Text  61. Hans Georg Haack, Die evangelische Kirche Deutschlands in der Gegenwart (Evangelische Kirchenkunde Deutschlands). Berlin 1929, S. 19. In der bürgerlichen Gemeinde Eilbek dagegen stieg die Zahl der Taufen in diesem Zeitraum von 508 auf 550 an (Severin [wie Anm. 58], 698), bei anderen Amtshandlungen lag aber auch diese Gemeinde im Gesamttrend.

Zurück zum Text  62. Haack (wie Anm. 61), S. 28f; Kirchlich-statistische Übersicht Jahr 1937. Sonderabdruck aus dem Statistischen Jahrbuch für die Hansestadt Hamburg, Jahrgang 1937/38. Hbg. 1938, S. 2f.

Zurück zum Text  63. Haack (wie Anm. 61), S. 29f. In Eilbek dagegen war im Gemeindesaal zwischen 1924 und 1926 eine steigende Zahl von Abendmahlsgästen zu verzeichnen: 1924 waren es 106, 1925 128 und 1926 sogar 243 (Severin [wie Anm. 58], S. 455).

Zurück zum Text  64. In Eilbek z.B. sank sie zwischen 1923 und 1924 von 983 auf 951 (Severin [wie Anm. 58], S. 698). In ganz Hamburg wurden 1925 14.382 Kinder konfirmiert, im folgenden Jahr nur noch 13.352, obwohl es keinen entsprechenden Rückgang der Geburtenziffern von 1911 auf 1912 gab (GVM 1925, S. 69).

Zurück zum Text  65. Vgl. die jährlichen Berichte der einzelnen Kirchengemeinden in: NEK, Kirchenrat Hamburg, B XVI a 56-86, sowie insbesondere ebd., B XVI a 56 (Alt-Barmbeck 1923 und 1924); ebd., B XVI a 67 (Altengamme 1924). Im Bericht der Gemeinde Hoheluft 1924 hieß es, daß noch immer viele Konfirmanden in der Schule keinen Religionsunterricht erhielten (ebd., B XVI a 59), die Auferstehungsgemeinde in St. Pauli berichtete für dasselbe Jahr, daß der Religionsunterricht in der Schule "minderwertig" sei (ebd., B XVI a 76). Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß stellte in einem Schreiben vom 24.6.1922 fest, daß Schüler ohne schulischen Religionsunterricht nur dann in den Konfirmandenunterricht aufgenommen werden dürften, "wenn sie ausreichende religiöse Vorbildung erlangt haben." (ebd., B XVI c 8, Bl. 174).

Zurück zum Text  66. NEK, Kirchenrat Hamburg, B XVI a 56. In dem Bericht von 1923 heißt es wörtlich: "Es sind Fälle vorgekommen, daß Kinder zwar von der Religion der Neger oder Inder etwas gehört hatten, von biblischer Geschichte aber nichts wußten (...). Auch Choräle werden kaum noch gelernt und die Melodien sind unbekannt." Der Versuch, eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Religionslehrern und Pastoren ins Leben zu rufen, sei mangels Beteiligung gescheitert. Bedauert wurde, wie auch in der Gemeinde Altengamme (ebd., B XVI a 67), der Einfluß kirchenfeindlicher Lehrer auf die Schüler.

Zurück zum Text  67. Haack (wie Anm. 61), S. 27f.

Zurück zum Text  68. Kirchlicher Bericht für 1923 und 1924 (wie Anm. 60), S. 6f; Severin (wie Anm. 58), S. 698.

Zurück zum Text  69. Daur (wie Anm. 9), S. 259; Severin (wie Anm. 58), S. 414.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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