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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


So verwundert es nicht, daß die Einzelseelsorge oft nicht in dem notwendigen und angestrebten Maße durchgeführt werden konnte. Die übrigen Amtsgeschäfte ließen regelmäßige Besuche in den Häusern kaum zu, so daß nur Kranke und - sofern möglich - die Eltern der Konfirmanden aufgesucht wurden. Einige Gemeinden bemühten sich, durch ehrenamtliche oder einzelne besoldete Hilfskräfte diesen Notstand zu beenden. Oft nahmen Mitglieder des Kirchenvorstandes oder deren Angehörige diese Aufgabe wahr, oder es wurden besondere Besuchsvereine gegründet.(70)

Charakteristisch für die kirchliche Arbeit war, daß der Anteil der Frauen an den Gemeindemitgliedern und den Gottesdienstbesuchern den der Männer bei weitem überwog: 1925 gehörten 526.601 Frauen, aber nur 458.482 Männer der Hamburger Landeskirche an, der "Frauenüberschuß" betrug 68.119. Er resultierte nicht nur aus einem höheren Bevölkerungsanteil der Frauen: 53,5 Prozent der Kirchenmitglieder waren Frauen, ihr Bevölkerungsanteil lag aber nur bei 52,2 Prozent.(71) Wie sich das bei den Amtshandlungen auswirkte, illustriert die Eilbeker Abendmahlsstatistik für das Gemeindehaus: 1924 waren es 30 Männer und 76 Frauen, 1925 ebenfalls 30 Männer, aber 98 Frauen und 1926 65 Männer und 178 Frauen.(72) So wird deutlich, daß Frauen aktiver am kirchlichen Leben teilnahmen als Männer, wenngleich diese weiterhin die Mehrheit in Gremien, wie z.B. dem Kirchenvorstand, bildeten. Erklärbar ist das damit, daß die Kirche für Frauen einen gesellschaftlich akzeptierten Raum für öffentliche Aktivitäten und Engagement darstellte, der ihnen lange Zeit im beruflichen und politischen Leben verwehrt worden war. Zudem gab es hier Kommunikationsmöglichkeiten in institutionalisierter Form, die Männern im Berufsleben oder in Vereinsaktivitäten - an denen Frauen nur bedingt partizipieren konnten - eher gegeben waren. Ein weiterer Faktor ist die höhere Lebenserwartung von Frauen und eine verstärkte Hinwendung von älteren Menschen zur Kirche, die ihnen - nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben und reduzierten familiären Aktivitäten durch das Erwachsenwerden der Kinder - Lebenssinn, Gesprächskreise und Möglichkeiten zur sozialen Betätigung anbietet.

Insgesamt ist von den Kirchenvorständen, vor allem im Krisenjahr 1923, verstärkte Arbeit gefordert worden. Die Zahl der Sitzungen war ausgesprochen hoch, und zahlreiche weitere Ausschüsse erforderten zusätzliches Engagement. In fast allen Gemeinden bestanden soziale Ausschüsse, daneben solche gegen die Kirchenaustrittsbewegung, gegen "Schmutz und Schund", gegen Alkoholismus und gegen Prostitution, für kirchliche Bauten, für Kirchenmusik, für Jugendarbeit, für Religionsunterricht in der Schule, für die Presse und viele andere mehr. Die Gemeinden Nikolai, Katharinen und Hoheluft hatten Bücherstuben eingerichtet im Kampf gegen als die "minderwertig" klassifizierte Literatur.(73)

Zusammenfassend läßt sich der Alltag in den Gemeinden als reich an Aufgaben und gering an personellen und finanziellen Ressourcen charakterisieren. Diese Kluft konnte durch die außerordentliche Leistungsbereitschaft der kirchlichen Mitarbeiter und engagierter Laien nur überbrückt, aber nicht wirklich geschlossen werden.

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Zurück zum Text  70. Kirchlicher Bericht für 1923 und 1924 (wie Anm. 60), S. 7f. Diese Gemeinden waren Nikolai, Katharinen, Pauli, Gertrud, Winterhude, Fuhlsbüttel, Hamm, Harvestehude, Eilbek, Borgfelde, West-Barmbek, Hoheluft, Neuengamme, Stiftskirchengemeinde und Auferstehungsgemeinde.

Zurück zum Text  71. Hamburger statistische Monatsberichte (wie Anm. 30), S. 271. 1925 betrug die Gesamteinwohnerzahl Hamburgs 1.152.523, davon waren 551.473 Männer und 601.050 Frauen (ebd.).

Zurück zum Text  72. Severin (wie Anm. 58), S. 455.

Zurück zum Text  73. Kirchlicher Bericht für 1923 und 1924 (wie Anm. 60), S. 9-11.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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