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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


4 Kirche und Gesellschaft

4.1 Kirche und Republik

Wie schon ausgeführt, bestand ein ausgesprochen großes Spannungsverhältnis zwischen den hohen nationalen Erwartungen und ihrer Enttäuschung durch die vielfach als demütigend empfundene und nicht akzeptierte Niederlage am Ende des Ersten Weltkrieges. Da die Kirche mit Kriegspredigten und Waffensegnungen am Aufputschen der nationalen Empfindungen direkt beteiligt gewesen war, erfuhr sie entsprechend deutlich das Scheitern der nationalen Ambitionen. So verband sie sich auch mit der nachfolgenden Radikalisierung des Nationalismus, die sich auf Ablehnung der juristischen Festschreibung der Niederlage im Versailler Vertrag und seine Unterzeichner konzentrierte. Zugleich bedeutete aber der Ausgang des Ersten Weltkrieges Untergang der Monarchie und des engen "Bündnisses von Thron und Altar". Daher wurde die aus Krieg und Revolution hervorgegangene erste demokratische Republik, getragen von Sozialdemokraten, bürgerlichen Demokraten und Liberalen sowie teilweise vom katholischen Zentrum, von Anfang an mit Mißtrauen betrachtet.

Der schon im Kaiserreich sichtbar gewordene Konflikt zwischen Nationalismus und demokratischen Vorstellungen verschärfte sich und wandte sich erstmals gegen den Staat und seine Verfassung. Dadurch veränderte sich Stoßrichtung und Radikalität des Nationalismus. Die parlamentarisch-demokratische Republik wurde nicht als angemessene Fortführung der deutschen Nationalgeschichte betrachtet. Der Nationalismus trug jetzt nicht mehr - wie am Ende des 19. Jahrhunderts - zur Integration bei, vielmehr arbeitete er an der Zersetzung der Weimarer Republik.(74)

Vor diesem Hintergrund muß das Verhalten der Hamburger Landeskirche und ihrer Vertreter zur Republik gesehen werden. Die Kritik am Versailler Vertrag war - wie geschildert - geläufig, die Distanz zur Republik groß. Der zehnjährige Gedenktag der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles, der 28. Juni 1929, wurde als Trauertag gestaltet. Die Kirchen sollten offen gehalten, die Kirchenflaggen mit Trauerflor gehißt werden, und um 15 Uhr, der "Stunde der Unterzeichnung des Diktats", wurde Trauergeläut angeordnet. Am darauffolgenden Sonntag sollte des Tages besonders gedacht und die Erklärung des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses verlesen werden. (75)

In den zwanziger Jahren gewann die Kirchenleitung ein zumindest nach außen hin loyales Verhältnis zum Staat, wie sich in der Begehung des Verfassungstages zeigte: Auf Bitten des Senats wurden die Glocken mittags für eine Viertelstunde geläutet und den Geistlichen wurde anheim gestellt, "in einer Ihnen geeignet erscheinenden Form des Verfassungstages zu gedenken".(76) Die inhaltliche Füllung ließ diese Formulierung nun offen, so daß den Geistlichen ein gewisser Freiraum gewährt wurde, und die Kirche als ganzes sich möglichen Protesten entzog. 1932 wurde kirchenöffentlich ein - allerdings nicht namentlich genannter - Kirchenvorstand gerügt, der kurzfristig das Geläut am Verfassungstage verweigert hatte: "Der Kirchenrat weist, wie gelegentlich schon in früheren Jahren, darauf hin, daß eine solche Nichtbeachtung und -befolgung eines Ersuchens des Kirchenrats von seiten einer Einzelgemeinde in derartigen Fällen untragbar ist. Die ganze Handlung des Glockenläutens an einem solchen Tag würde ihren Sinn verlieren, wenn sie nicht allgemein durchgeführt würde."(77) Offensichtlich ging es in dieser Angelegenheit aber nicht nur um den Verfassungstag, sondern auch um die Autorität des Kirchenrates gegenüber den Gemeinden. Die grundsätzliche Distanz zwischen Kirchen und Sozialdemokraten ließ auch das Verhältnis zu einem sozialdemokratisch geprägten Staat nicht sehr eng werden, wenn nicht sogar in weiten Teilen der Geistlichkeit eine ausgesprochene Gegnerschaft vorhanden war. Schon 1925 hatte der Pastor an der Gnadenkirche und spätere Landesbischof Franz Tügel (1888-1946), der 1931 in die NSDAP eintrat, das Geläut am Verfassungstag verweigert. Für ihn war der Tag "aus dem Verbrechen der Revolution von 1918" erwachsen, der nur von Kreisen gefeiert werden könnte, die "größtenteils international empfinden und zugleich der Kirche gleichgültig oder feindlich gegenüberstehen". "Den national Gesinnten - und zu ihnen gehören die meisten unserer Kirchenleute - stehen der Feier des 11. August innerlich fern, ja mit Groll im Herzen gegenüber." Der Kirchenrat teilte Tügels Auffassung aber nicht. (78)

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Zurück zum Text  74. Jürgen Kocka, Das Problem der Nation in der deutschen Geschichte 1870-1945. In: Ders., Geschichte und Aufklärung. Aufsätze. Göttingen 1989, S. 97-99.

Zurück zum Text  75. GVM 1929, S. 19. 1931 erklärte der Ausschuß zur Kriegsschuldfrage u.a.: "Dieses Unrecht wird vor dem Gewissen der Völker immer wieder zu rechtfertigen gesucht durch die Belastung unseres Volkes mit der Kriegsschuld. Durch diese Belastung wird das deutsche Volk zum Verbrecher unter den Völkern der Erde gestempelt.

Das können wir nicht ertragen, ohne uns der Selbstachtung zu berauben und uns der Lüge mitschuldig zu machen.

Seit dem Jahre 1922 hat der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne gegen die Kriegsschuldlüge seine Stimme zu erheben. (...) die Behauptung der Kriegsschuld zehrt am Marke unseres Volkes." (GVM 1931, S. 87).

Auch 1933 ordnete Landesbischof Simon Schöffel an, daß alle kirchlichen Gebäude zum Zeichen der Ablehnung des Versailler Vertrages mit Trauerflor zu flaggen seien (GVM 1933, S. 43).

Zurück zum Text  76. GVM 1927, S. 43. Zum zehnjährigen Verfassungstage wurde sogar ein festlicher Gottesdienst in St. Nikolai vom Kirchenrat veranstaltet, Glockengeläut und Beflaggung der Kirchen wurden angeordnet (GVM 1929, S. 33).

Zurück zum Text  77. GVM 1932, S. 67. Weiter hieß es: "Liegen Bedenken bei einzelnen Kirchenvorständen vor, so entspricht es der Sache und der allgemeinen Gepflogenheit, die angeordnete Maßnahme nicht in letzter Stunde einseitig zu durchkreuzen, sondern bei Durchführung der angeordneten Maßnahme die Bedenken anzumelden und eine grundsätzliche Prüfung der Frage zu beantragen."

Zurück zum Text  78. NEK, Personalakte Tügel, Bl. 51, Tügel an Kirchenrat 7.8.1925, abgedruckt in: Franz Tügel, Mein Weg 1888-1946. Erinnerungen eines Hamburger Bischofs. Hrsg. von Carsten Nicolaisen (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs, 11). Hbg. 1972, 423; Hering, Bischöfe (wie Anm. 55), S. 66f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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