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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


4.2 Kirche und Politik

Eine Statistik über die Parteimitgliedschaften der Hamburger Geistlichen in der Weimarer Republik gibt es bislang nicht. Der überregionalen Literatur ist zu entnehmen, daß sich auch Pastoren nicht so "überparteilich" verhielten, wie sie oft postulierten, vielmehr zahlreiche von ihnen sich parteipolitisch engagierten, vornehmlich auf Seiten der rechten, der Republik distanziert bis feindlich gegenüberstehenden Parteien, wie Deutsche Volkspartei (DVP) und Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Die Gruppe der religiösen Sozialisten war demgegenüber zahlenmäßig und in ihrem Einfluß verschwindend gering.(79) Solange genaueres Material nicht vorliegt, wird man diese Erkenntnisse auch als Hypothese für Hamburg übernehmen können.

An einzelnen Beispielen läßt sich aber auch für die Hansestadt das parteipolitische Engagement von Geistlichen aufzeigen: Der Eilbeker Pastor Johannes Wehrmann (1877-1941) war nicht nur im Stahlhelm aktiv, sondern auch Bürgerschaftsabgeordneter der DNVP von 1921 bis 1927. In dieser Partei dominierten in Hamburg die völkischen Antisemiten, die die meisten Funktionäre stellten und den politischen Kurs bestimmten. Bereits im Mai 1923, ein Jahr früher als in der Reichsorganisation, wurde hier der "Arierparagraph" eingeführt. Eine Zusammenarbeit mit gemäßigten bürgerlichen Parteien wurde abgelehnt, Ziel war die Wiederherstellung der Monarchie. Der Hamburger Landesverband gehörte zu den aktivsten und radikalsten regionalen Organisationen. (80) Der Hauptpastor an St.Petri und Senior seit 1920 Friedrich Rode war wohl der prominenteste und am längsten aktive Politiker der Landeskirche. 1895 wurde er in die Bürgerschaft gewählt, wo er sich der Fraktion der Rechten anschloß und 1918 die Nationalliberalen führte. In der Weimarer Republik war er Fraktionsvorsitzender der DVP. Daneben leitete er den Hauptverein des Evangelischen Bundes in Hamburg und gehörte dem Ausschuß der Antiultramontanen Wahlvereinigung, also zwei dezidiert gegen die Katholische Kirche gerichteten Organisationen, an. Der Hamburger Landesverband der DVP war am rechten Rand der Partei angesiedelt. Es gab hier sehr starke Sympathien für das Kaiserreich und die Bismarckfeiern der Vaterländischen Verbände. (81) Auch in diesen engagierten sich Hamburger Pastoren, was am Beispiel des völkischen, antisemitischen Alldeutschen Verbandes gezeigt werden soll: Der Gefängnisgeistliche Heinrich Reuß (1862-1923) war viele Jahre Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe und Mitglied des Gesamtvorstandes sowie des Geschäftsführenden Ausschusses. Als Redner trat er sowohl in der Hansestadt wie auch überregional auf und sprach z.B. über Themen wie "Der deutsche Gedanke in der Welt". Darüber hinaus war er Vorstandsmitglied des 1884 gegründeten Reichstagswahlvereins. Er erlitt 1923 bei der Gedenkfeier der Alldeutschen zum 25-jährigen Todestag Bismarcks in Friedrichsruh einen tödlichen Schlaganfall.(82) Die Traueransprache für ihn hielt sein Veddeler Amtsbruder Paul Ebert (1865-1944), der in den zwanziger Jahren Vorsitzender der Hamburger Alldeutschen war.(83)

Das politische Engagement der Geistlichen in der Hansestadt überwog auf Seiten der politischen Rechten. Den religiösen Sozialisten stand Kurt Leese nahe, in seiner Wohnung wurden 1928 die "Neuen Blätter für den Sozialismus" gegründet. (84) Demokratisch engagiert war insbesondere Heinz Beckmann, der Bruder der Oberschulrätin und Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen, Emmy Beckmann (1880-1967). So kämpfte auch er für dieses Ziel, in erster Linie die Gleichberechtigung der Theologinnen in der Kirche, und wirkte als Herausgeber der "Hamburgischen Kirchenzeitung" in demokratischem Sinne. Vor allem in der sehr sensiblen Schulpolitik setzte er sich für gutnachbarliche Beziehungen zwischen sozialdemokratisch beeinflußtem Staat und lutherischer Kirche ein.(85)

Antisemitismus bzw. judenfeindliche Äußerungen gab es auch unter Hamburger Geistlichen. 1922 veröffentlichte Julius Hahn (1880-1956), Pastor in Eilbek, eine tendenziöse Schrift über "Die Judenfrage", und ein entsprechender Vortrag, den er zwei Jahre später hielt, führte zu einer ergebnislosen Beschwerde der Jüdischen Gemeinde beim Kirchenrat wegen antisemitischer Hetze.(86) Allein die Feststellung, daß es eine "Judenfrage" gäbe, bildete schon ein Zugeständnis an antisemitische Kreise. Die Informationen über das Judentum waren nur spärlich; gängige, bis heute noch verbreitete Klischees bestimmten das Bild in Unterricht und Verkündigung. Selbst ein Judaist wie Pastor Walter Windfuhr (1878-1970), der ab 1929 als Honorarprofessor an der Universität lehrte, sah 1919 die "Gefahr einer Ueberschwemmung von Osten her" und stellte fest, daß "von den östlichen Juden her zur Zeit ein besonderer Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes ausgeht", weil sich angeblich unter den führenden Revolutionären "zahlreiche jüdische Namen" finden würden. Wenngleich er sich von einem direkten Antisemitismus distanzierte und einigen Vorurteilen entgegentrat, so trug er doch dazu bei, andere Klischees weiterzuverbreiten: Den Juden fehle es an "Bodenständigkeit", sie seien mit "auffallenden Rassenmerkmalen" ausgestattet und wären in einigen Veröffentlichungen den Deutschen gegenüber überheblich. Auf diese Art wurde ebenfalls antisemitische Vorstellungen verbreitet und die Akzeptanz von völkischen Gedanken erhöht. Später nahm Windfuhr aber eine andere Haltung ein und distanzierte sich im "Dritten Reich" nachdrücklich vom Nationalsozialismus.(87)

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Zurück zum Text  79. Nowak, Kirche (wie Anm. 4), bes. S. 307-339; ders., Protestantismus und Weimarer Republik. Politische Wegmarken in der evangelischen Kirche 1918-1932. In: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik - Wirtschaft - Gesellschaft (Schriftenreihe, 251). 2. durchges. Aufl. Bonn 1988, S. 218-237, bes. S. 222ff - Nowak problematisiert den Begriff der "Überparteilichkeit" leider nicht -; Karl-Wilhelm Dahm, Pfarrer und Politik. Soziale Position und politische Mentalität des deutschen evangelischen Pfarrerstandes zwischen 1918 und 1933 (Dortmunder Schriften zur Sozialforschung, 29). Köln-Opladen 1965; Jacke (wie Anm. 4), bes. S. 323ff; Ulrich Peter, Der "Bund der religiösen Sozialisten" in Berlin von 1919 bis 1933. Geschichte - Struktur - Theologie und Politik (Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII Theologie, 532). Frankfurt am Main u.a. 1995.

Zurück zum Text  80. Severin (wie Anm. 58), S. 423-453; vgl. auch Reinhard Behrens, Die Deutschnationalen in Hamburg. Phil. Diss. Hbg. 1973.

Zurück zum Text  81. Hering, Spannungsfeld (wie Anm. 9), S. 435f; ders., Rode, Friedrich Gottlieb Theodor. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hrsg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. VIII. Herzberg 1994, S. 470-476; ders., "Der Typus des echt hamburgischen Bürgerpastors". Vor 140 Jahren ist Friedrich Rode geboren. Uni-"Ehrenmitglied" seit 1921. In: Uni hh. Berichte, Meinungen aus der Universität Hamburg. 26.Jg. Nr.2 (April 1995), S. 45-47; Büttner, Gerechtigkeit (wie Anm. 6), S. 47-62.

Zurück zum Text  82. StA Hbg, 331-3 Politische Polizei, S 19361; ebd., Zeitungsausschnittsammlung (ZAS) A 767; Alldeutsche Blätter 33.Jg. Nr.9 vom 22.9.1923, S. 41.

Zurück zum Text  83. Behrens (wie Anm. 80), S. 40; Hamburger Nachrichten Nr.356 vom 3.8.1923; StA Hbg, ZAS A 755.

Zurück zum Text  84. August Rathmann, Ein Arbeiterleben. Erinnerungen an Weimar und danach. Wuppertal 1983, S. 161.

Zurück zum Text  85. Hering, Hauptpastoren (wie Anm. 36).

Zurück zum Text  86. NEK, Personalakte Julius Hahn.

Zurück zum Text  87. (Walter) Windfuhr, Zur heutigen Judenfrage. In: Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. Nr.31 vom 4.5.1919, S. 122f, die Zitate S. 122, Nr.33 vom 18.5.1919, S. 132, Nr.34 vom 25.5.1919, S. 135f. Zu Windfuhr siehe Rainer Hering, "Sprache und Kultur des Judentums" im Nationalsozialismus. Walter Windfuhrs Lehrtätigkeit an der Hamburger Universität. In: ZHG 80 (1994), S. 141-151.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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