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Dr. Rainer Hering: Auf dem Weg in die Moderne?


5 Reaktion auf die Moderne

Im vorangegangenen ist deutlich geworden, daß die Hamburger Kirchengeschichte der Weimarer Republik in vielen Punkten wesentlich von der gesamtgesellschaftlichen und politischen Entwicklung geprägt und bestimmt worden ist. Kirchengeschichte kann daher adäquat nur als Gesellschaftsgeschichte verstanden werden. Der zentrale Begriff, der diese Zeit charakterisiert, ist der der Entkirchlichung.(90) Die Hamburger Kirche verlor als Institution enorm an Rückhalt in der Bevölkerung und konnte inhaltlich immer weniger Einfluß, z.B. durch Schule und Universität, in Gottesdiensten und anderen öffentlichen Veranstaltungen, ausüben. Die hier skizzierte Entwicklung der zwanziger Jahre konnte in den folgenden Jahrzehnten nicht gestoppt werden - auch der Anstieg der Kirchlichkeit in den Anfangsjahren des "Dritten Reiches", in der Nachkriegszeit und zwischen 1955 und 1965 hat sich nur für kurze Zeit hemmend ausgewirkt. Seit dem Ende der sechziger Jahre ist wieder eine Welle von Kirchenaustritten zu verzeichnen, zuletzt auch als Reaktion auf Steuer- und Abgabenerhöhungen. Verändert hat sich allerdings die soziale Struktur der Konfessionslosen: Sie bildeten in den zwanziger Jahren noch eine einheitliche Gruppe, es gab Verbände und Vereinigungen, die die Menschen zum Austritt aus der Kirche motivieren wollten. Die Nichtmitgliedschaft in der Kirche war zugleich eine politische Option, wichtigster Träger war das sozialistisch geprägte Proletariat. Heute dagegen fehlen das gemeinsame Gruppenbewußtsein und die ausgeprägte Kirchenfeindlichkeit. Der Unterschied zwischen Konfessionslosen und nominellen Kirchenmitgliedern ist nur graduell, vielleicht sind gewisse moderne Züge der Kultur stärker bei den Konfessionslosen ausgeprägt.(91)

Für die Evangelisch-lutherische Kirche in der Hansestadt stellt jedoch heute wie vor sieben Jahrzehnten die Entkirchlichung ein zentrales Problem dar. Ein wichtiger Faktor dabei scheint das Verhältnis zur modernen Gesellschaft zu sein. Zur Zeit der Weimarer Republik reagierte die kirchenleitende Elite - einzelne Pastoren waren erheblich aufgeschlossener gegenüber den Problemen der Zeit und neuen Lösungsmodellen - eher mit dem Beharren auf der Tradition als mit Öffnung für die Moderne. Die Verfassungsstruktur war zwar entsprechend den gesellschaftlichen Veränderungen demokratischer geworden, doch können die Versuche zur Einführung des Bischofsamtes als deutliche Gegenbewegung gegen demokratische Elemente in Kirche und Gesellschaft interpretiert werden. Einem Pluralismus der theologischen Positionen und in der gemeindlichen Arbeit - z.B. mit Jugendlichen - wurde nur begrenzter Spielraum gewährt. Die Gleichberechtigung der Frauen als Theologinnen wurde nach langen Diskussionen zwar deutlich vorangebracht, aber längst nicht voll realisiert. Der Strom der Kirchenaustritte konnte damit nicht gebremst werden.

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Zurück zum Text  90. Sperber (wie Anm. 8) sieht für die deutsche Gesellschaft der letzten zwei Jahrhunderte neben der Entkirchlichung auch die Bikonfessionalität als zentralen Faktor an (S. 17). Für Hamburg ist diese These zu modifizieren, da dem Katholizismus hier nur eine untergeordnete Rolle zukommt, er nur in einem Segment der Öffentlichkeit wahrgenommen worden und nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft prägend gewesen ist.

Mit Sperber wird der Terminus "Säkularisierung" nicht angewandt, da der Wandel der Rechtsstellung der Institution Kirche vom Wandel der Mentalität getrennt werden muß. Der Rückgang der Institution Kirche ist nicht geradlinig verlaufen, und die Suche des Menschen nach Transzendenz besteht weiter und ist für die Gesellschaft als solche zum Teil konstitutiv (ebd., S. 17).

Zurück zum Text  91. Günter Kehrer, Hamburg: Heimat der Religionslosen - Heimatlosigkeit der Religiösen? Wohin führt die Säkularisierung? In: Religion als Wahrheit und Ware (Kirche in der Stadt, 2). Hbg. 1991, S. 51-62, bes. 53-56; Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften (wie Anm. 10); Hering, Säkularisierung (wie Anm. 28).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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