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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Leben bleibt Risiko


"Nobody is perfect!" Einen Zettel mit diesem Text und einer entsprechenden Karikatur findet man gelegentlich gut sichtbar in Büros ausgehangen. Dies will sagen: "Kein Mensch ist vollkommen!" Und in der Tat, wer könnte schon von sich behaupten, daß er vollkommen sei. Und trotzdem, so scheint es, gibt es zwei unterschiedliche "Unvollkommenheiten". Die Unvollkommenheit des sogenannten behinderten Menschen hat in unserem Kulturkreis einen anderen Stellenwert - wiegt schwerer - als die Unvollkommenheit des angeblich nicht Behinderten.

"Die Behinderten" - heißt es oft kurz, als ob Behinderung das einzige Merkmal sei, das die Betroffenen auszeichnet. Damit wird verneint oder zumindest als unwesentlich vernachlässigt, daß die so Bezeichneten zunächst einmal Menschen sind.

Diese Feststellung mag manchem Zeitgenossen überzogen und spitzfindig erscheinen - Produkt der Übersensibilität der Betroffenen, ihrer Angehörigen und der Mitarbeiter in der "Behindertenarbeit". Die neuere Euthanasiediskussion im Zusammenhang mit den Thesen des australischen Philosophen Peter Singer zeigt aber, daß in unserem Kulturkreis die Auffassung sehr tief verwurzelt ist, daß bestimmte Unvollkommenheiten menschlichen Lebens dieses nicht nur lebensunwert machen, sondern sogar zum Verlust der Menschenrechte führen. So hat Peter Singer in seinem Buch "Praktische Ethik" "den Glauben an den gleichen Wert allen menschlichen Lebens" verworfen und statt dessen vertreten, "daß einige Leben weniger wertvoll als andere sind."

In Deutschland folgt am konsequentesten der Mainzer Rechtsphilosoph Norbert Hoerster den Gedanken Singers. Er sieht in seinem 1995 erschienen Bändchen "Neugeborene und das Recht auf Leben" "nur im Fall eines Wesens mit Ichbewußtsein und Zukunftswünschen - abgekürzt formuliert im Fall einer `Personī - hinreichend prinzipielle Gründe vorliegen, diesem Wesen ein eigenständiges Recht auf Leben ... einzuräumen".

Mensch ist demnach nur, wer Selbstbewußtsein und Genußfähigkeit besitzt und ein nützliches Glied der Gesellschaft ist. So heißt es bei Singer: "Bei jedem fairen Vergleich moralisch relvanter Eigenschaften wie Rationalität, Selbstbewußtsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfindung usw. haben das Kalb, das Schwein und das viel verspottete Huhn einen guten Vorsprung vor dem Fötus in jedem Stadium der Schwangerschaft ... Ich schlage daher vor, dem Leben eines Fötus keinen größeren Wert zuzubilligen als dem Leben eines nichtmenschlichen Lebewesens auf einer ähnlichen Stufe der Rationalität, des Selbstbewußtseins, der Wahrnehmungsfähigkeit, der Sensibilität etc." Und für Hoerster ist klar: "Nur ein Wesen, das ein Bewußtsein besitzt, kann auch irgendein Interesse haben. Das hängt damit zusammen, daß jedes Interesse auf einem Wunsch bezogen ist und daß nur ein Wesen, das ein Bewußtsein besitzt, Wünsche haben kann."

In der Schwerkraft dieser neuen Euthanasiediskussion mit ihrem Menschenbild bewegt sich die pränatale Diagnostik und gerät so schnell auf die schiefe Bahn, die von einer diagnostizierten möglichen Schädigung automatisch zum Schwangerschaftsabbruch führen kann. Dieser Automatismus wäre möglich, weil der Embryo noch kein eigenes Lebensrecht hätte. Darüber hinaus könnte es so scheinen, als ob die Abtötung des Embryos sogar in dessen "wohlverstandenen Interesse" läge, weil sein weiteres Leben "für ihn überwiegend negative Qualität besitzt". Notfalls muß nach Hoerster dieses wohlverstandene Eigeninteresse des Embryos und sogar des Neugeborenen gegen den elterlichen Willen durchgesetzt werden. Schwangerschaftsabbruch sei damit "menschenfreundliche Früheuthanasie".(1)

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Zurück zum Text  1. "Beneficient Euthanasia" lautet der Titel eines 1975 von Marvin Kohl herausgegebenen Sammelbandes.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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