fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Vom Umgang mit theologischen Außenseitern im 20. Jahrhundert.


II. Kurt Leese wurde am 6.Juli 1887 als Sohn eines Juristen in Gollnow in Pommern geboren.(6) Nach dem Besuch des humanistischen Protestantischen Gymnasiums in Straßburg studierte er dort, in Rostock und in Berlin Evangelische Theologie und Philosophie. 1912 wurde er in Kiel zum Lizentiaten der Theologie promoviert mit einer Arbeit über "Die Prinzipienlehre der neueren systematischen Theologie im Lichte der Kritik Ludwig Feuerbachs" und legte das zweite theologische Examen ab. Bis 1921 - nur vom Kriegsdienst unterbrochen - war er Pastor in Preußen, zum 1.Oktober 1921 wurde er als dritter Geistlicher an die Dreieinigkeitskirche in Hamburg-St.Georg berufen, wo er bis zur Versetzung in den Ruhestand 1932 wirkte. Neben seiner kirchlichen Tätigkeit war er sehr bei den Pfadpfindern aktiv, u.a. als Bundesführer des "Deutschen Späherbundes". Leese gehörte zum Freundeskreis von Paul Tillich und publizierte u.a. 1923 eine Arbeit über "Die Geschichtsphilosophie des religiösen Sozialismus". 1928 wurden in Leeses Wohnung bei einem Gespräch mit Paul Tillich, Eduard Heimann und August Rathmann die "Neuen Blätter für den Sozialismus" gegründet.(7)

Während seiner Hamburger Zeit widmete er sich verstärkt philosophischen Forschungen. 1922 erschien ein Buch über "Hegels Geschichtsphilosophie" und 1927 wurde er an der Hamburgischen Universität zum Doktor der Philosophie promoviert mit der von Ernst Cassirer und William Stern betreuten Studie "Von Jakob Böhme zu Schelling. Eine Untersuchung zur Metaphysik des Gottesproblems". Im folgenden Jahr habilitierte er sich über das Thema "Philosophie und Theologie im Spätidealismus. Forschungen zur Auseinandersetzung zwischen Christentum und idealistischer Philosophie im 19.Jahrhundert" und lehrte fortan als Privatdozent an der Philosophischen Fakultät. Diese ernannte ihn 1935 zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor, weil die Fakultät - wie es in ihrer Begründung hieß - "die Kraft Herrn Leeses und seine Begabung für Philosophiegeschichte der Universität und der deutschen Wissenschaft" erhalten wollte. Zwei Jahre später erhielt er einen besoldeten Lehrauftrag für Geschichte der deutschen Frömmigkeit, daneben bezog er nur sein kirchliches Ruhegehalt. (8)

1938 erschien sein systematisches Hauptwerk "Die Religion des protestantischen Menschen", das entgegen einer engen konfessionalistischen Strömung der zeitgenössischen Theologie die Idee Schleiermachers entwickelte, daß die "Reformation noch weiter geht". Im Mittelpunkt dieser Arbeit standen die überkonfessionellen, religionsphilosophischen "Grundelemente" des Protestantismus. Leese galt - so Josef Meran - die idealistische Denkart als religiös entwicklungsfähig; in der Theologie und Philosophie Paul Tillichs sah er die dem derzeitigen Stand der Wissenschaften entsprechende Form des Neuprotestantismus. (9)

1940 lehnte der Reichserziehungsminister die Übernahme Leeses als beamteter außerplanmäßiger Professor, also in feste Anstellung, ab und entzog ihm aus - wie es damals hieß - "politischen und weltanschaulichen Gründen" die Lehrbefugnis. Leese galt als "Liberalist und Judenfreund", der "das Rassenproblem (...) noch nicht in seiner Bedeutung erfaßt hat".(10) Der Hamburger NS-Dozentenbundsführer Georg Anschütz warf Leese vor, den Rassegedanken zu "zersetzen" und das Übervölkische, insbesondere die jüdischen Ursprünge des Christentums, zu sehr zu betonen.(11) Neben anderen rassentheoretischen Vorstellungen widerlegte Leese auch die Alfred Rosenbergs als unbegründet und sich widersprechend. Ebenso wies er die Versuche Houston Stewart Chamberlains und Rosenbergs, die arische Herkunft Jesu nachzuweisen, zurück und zeigte auf, wie Jesus mit seinem Volk verbunden war und was das Christentum vom Judentum übernommen hatte. Für Leese war die Rasse ein Tragendes, aber nicht Letztes und Absolutes.(12) Dennoch war auch die Sprache Kurt Leeses zum Teil völkisch geprägt. Diese sprachliche Anpassung mag in erster Linie Selbstschutz gewesen sein, da in einer Zeit der systematisch geförderten Denunziation sprachliches Handeln sehr risikoreich werden konnte.(13) 1945 wurde Leese als ein "Akt der Wiedergutmachung" zum Extraordinarius für Philosophie ernannt.(14) In Hamburg lehrte er über seine Emeritierung hinaus bis zu seinem Tode am 6.Januar 1965. 1957 hatte ihn die Marburger Theologische Fakultät zu ihrem Ehrendoktor ernannt.(15)

Seite zurück  Eingangsseite  Seite vor

Zurück zum Text  6. Hierzu und zum folgenden: KiA HH, Personalakte (PA) Kurt Leese; Staatsarchiv Hamburg (StA HH), 361-6 Hochschulwesen - Dozenten- und Personalakten (HW-DPA) I 267; Walther Pachali: Leese-Notizen. Zur Biographie des D.Dr.Kurt Leese (1887-1965). Manuskript Wiesbaden 1981 (auch an dieser Stelle danke ich Herrn Pachali dafür, daß er mir dieses Manuskript zur Verfügung gestellt hat); Josef Meran: Die Lehrer am Philosophischen Seminar der Hamburger Universität während der Zeit des Nationalsozialismus. In: Eckart Krause/Ludwig Huber/Holger Fischer (Hg): Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933-1945 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 3). Berlin-Hamburg 1991, 459-482, bes. 470-472; Rainer Hering: Von der Theologie zur Religionsphilosophie. Vor 100 Jahren wurde Kurt Leese geboren. In: Uni-hh. Berichte und Meinungen aus der Universität Hamburg 18.Jg. Nr.4 (Juni 1987), 42-44.

Zurück zum Text  7. August Rathmann: Ein Arbeiterleben. Erinnerungen an Weimar und danach. Wuppertal 1983, 161. Vgl. auch Harald Vieth: 101 Jahre alt und viel erlebt. Zur Geschichte des Hauses Hallerstraße 6/8, Hamburg-Rotherbaum, seiner Bewohner - insbesondere der jüdischen - und seiner unmittelbaren Umgebung. 3. erw. Aufl. Hamburg 1989, 38-40 und 91.

Zurück zum Text  8. StA HH, 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 1c HV 1935 La IV/3, Bl. 1, Schreiben der Philosophischen Fakultät vom 9.1.1935; ebd., 131-6 Staatsverwaltung, B V 92c UA 8, Universitätsrektor Adolf Rein an das Reichs- und Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 5.2.1937.

Zurück zum Text  9. Vgl. dazu Meran: Lehrer, 470f.

Zurück zum Text  10. StA HH, 361-6 HW-DPA I 267, Bl. 97, Stellvertreter des Führers an das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) 2.11.1938.

Zurück zum Text  11. Ebd., Bl. 142, Anschütz an Rektor Wilhelm Gundert 3.10.1940.

Zurück zum Text  12. Kurt Leese: Rasse - Religion - Ethos. Drei Kapitel zur religiösen Lage der Gegenwart. Gotha 1934, 39; dazu siehe auch Meran: Lehrer, 471f.

Zurück zum Text  13. Vgl. dazu Konrad Ehlich: Über den Faschismus sprechen - Analyse und Diskurs. In: Ders. (Hg): Sprache im Faschismus. Frankfurt/M 1989, 7-34, 25.

Zurück zum Text  14. StA HH, 361-6 HW-DPA I 267, Bl. 167f, Gutachten vom 16.10.1945.

Zurück zum Text  15. In der Begründung hieß es, daß die Fakultät Leese ehren wolle, "der in Vorlesungen und zahlreichen kenntnisreichen und scharfsinnigen Werken die Auseinandersetzung des Christentums mit den philosophischen und weltanschaulichen Zeitströmungen wesentlich gefördert hat, der in eigenständiger und charaktervoller Weise einen die Traditionen des Humanismus, Spiritualismus und Idealismus fortsetzenden gegenwartsnahen Protestantismus verfochten hat" (Urkundentext vom 6.7.1957; für seine Unterstützung danke ich dem Dekanat des Fachbereichs Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg).

 

Seite zurück  Eingangsseite  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de