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Dr. Rainer Hering: Vom Umgang mit theologischen Außenseitern im 20. Jahrhundert.


Im April 1932 entschied sich Leese, aus dem aktiven Dienst der Hamburger Landeskirche auszuscheiden. Dabei machte er als erster von der Möglichkeit des neuen Ruhestandsgesetzes Gebrauch, daß Pastoren, die sich nicht mehr in Übereinstimmung mit dem Bekenntnis befanden, aus dem Amt scheiden konnten.(16) Sein Entschluß stand im Zusammenhang mit seinem im gleichen Jahr erschienenen Buch "Die Krisis und Wende des christlichen Geistes", in er seine Lebens- und Glaubensanschauung entwikelt hatte.(17) Schon seit Jahren habe ihn der innere Konflikt zwischen "der einengenden kirchlichen Bindung eines amtierenden Pastors" und der "geistige(n) Freiheit der Forschung" belastet. (18) Leese hatte sich seit seinem Wechsel nach Hamburg verstärkt der Philosophie zugewandt, wobei er seine Pflichten der Gemeinde gegenüber vernachläßigt haben soll.(19) Betrachtet man seine literarische Produktivität und den kurzen Zeitraum von zwei Jahren, in dem er promoviert wurde und sich habilitiert hatte, so erscheint dieser Vorwurf des Kirchenvorstandes keineswegs abwegig.

Leese begründete seinen Schritt damit, daß er sich nicht mehr in der Lage sehe, sein Amtsgelübde "als treuer Diener der evangelisch-lutherischen Kirche zu erfüllen, im Sinne dieser Kirche ¨das Evangelium nach der göttlichen Offenbarung in der Heiligen Schrift¨ zu verkünden und ein ¨rechter Verwalter des Erbes der Reformation in Wort und Sakrament¨ zu sein. (Amtsgelübde, Agende der Hamburgischen Kirche, S. 207)." Für ihn standen folgende drei Punkte negativ fest:

"1.) Ich spüre keine ausreichende Bindung mehr an die Bekenntnisschriften der evangel.-lutherischen Kirche. Sie sind mir persönlich mehr hinderlich als förderlich. Ihre religiöse Gegenwartsbedeutung ist mir unerkennbar. Insonderheit kann ich mir den II. Artikel des Glaubensbekenntnisses in keinem Sinn zu eigen machen.

2.) Ich habe kein ausreichendes inneres Verhältnis mehr zu den Sakramenten: Taufe und Abendmahl. Ich selber mache vom Abendmahlsgang keinen Gebrauch.

3.) Das Evangelium im Sinne einer Botschaft von dem ¨gekreuzigten und auferstandenen Herrn¨ zu verkündigen, ist mir unmöglich. Kreuz und Auferstehung Jesu Christi tragen für mich rein mythischen bezw. kultlegendären Charakter. Auch kann ich Christus nicht meinen ¨Herrn¨ nennen."(20)

Ohne größere Erörterungen wurde Leese daraufhin in den Ruhestand versetzt, wobei ihm die Rechte des geistlichen Standes gelassen worden waren. Doch für die Hamburger Landeskirche war der "Fall Leese" damit nicht erledigt. Der als liberal geltende Leese war schon 1925 mit führenden Vertretern der Hamburgischen Landeskirche, wie z.B. dem theologisch "positiven" Hauptpastor Simon Schöffel (St.Michaelis), in Konflikt geraten.(21) In mehreren Veröffentlichungen hatte er sich scharf gegen die geplante, jedoch erst 1933 realisierte Einführung des Bischofsamtes - zuvor gab es in Hamburg das Amt des Seniors - ausgesprochen. (22) Daher ist es nicht überraschend, daß die evangelisch-lutherische Landeskirche es schon vor seiner Versetzung in den Ruhestand mißbilligte, daß gerade Leese mit der Ausbildung der angehenden Religionslehrer im theologisch so umstrittenen Gebiet Systematische Theologie beauftragt wurde.(23) Nach seinem Antrag auf Pensionierung versuchte Senior Karl Horn, Leese dazu zu bewegen, den Lehrauftrag zurückzugeben; dieser lehnte das ab, weil ihm der Auftrag vom Hamburgischen Staat und nicht von der Kirche erteilt worden war; dabei dürften auch finanzielle Gründe eine Rolle gespielt haben.(24) Im Frühjahr 1933 versuchte man seitens der Kirche erneut, Leese aus der Religionslehrerausbildung herauszudrängen, was aber von Seiten der Oberschulbehörde zurückgewiesen wurde.(25) Kurt Leese akzeptierte einen Vermittlungsvorschlag, seinen Lehrauftrag auf die Theologiegeschichte zu begrenzen und nicht mehr Ethik und Dogmatik zu lesen. Dennoch bemühte sich zu Beginn des Jahres 1935 Landesbischof Franz Tügel, die Ankündigung von Leeses Lehrveranstaltungen im Vorlesungsverzeichnis unter der Rubrik der "Kurse für die Studierenden der Evangelischen Religionslehre" zu verhindern - sie sollten nur noch in der Philosophischen Fakultät aufgeführt werden.(26) Kurt Leese hatte die Möglichkeit zur Stellungnahme, die dazu führte, daß die Landesunterrichtsbehörde die Veranstaltungsankündigung in der ursprünglichen Rubrik beließ, sie aber an das Ende der Auflistung setzte. Leese betonte in diesem Zusammenhang, daß für ihn die dogmatisch-bekenntnismäßigen Bindungen nicht mehr tragbar waren, er jedoch im Sinne eines undogmatischen Laienchristentums seine Zugehörigkeit zur Kirche ausdrücklich aufrecht erhalte und in der Würde des geistlichen Standes verbleibe. Er vermutete, daß theologische Gründe für die Maßnahmen gegen ihn ausschlaggebend seien, weil "gewisse Kreise der kirchlichen Orthodoxie bestrebt sind, die für die Ausbildung evangelischer Religionslehrer anberaumten Kurse der Landesunterrichtsbehörde als ihr Betätigungsfeld in Anspruch zu nehmen dergestalt, daß ihr mißfällige Konkurrenten unter sachlich nicht begründeten Vorwänden verdrängt werden sollen." (27) Daß diese Einschätzung zutraf, zeigt sich in der ein Jahr zuvor erfolgten Ausschaltung von Hauptpastor Heinz Beckmann und dem Theologen Walter Classen von dieser Lehrtätigkeit.

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Zurück zum Text  16. Die Grundlage dafür war in der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 30. Mai 1923 in § 36, Absatz 2 gegeben, wo es heißt, daß die Versetzung in den Ruhestand u.a. erfolgen kann, "wenn sich der Geistliche aus Gewissensgründen nicht mehr imstande sieht, die mit dem Amtsgelübde übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen." (GVM 1923, 427-442, 435).

Zurück zum Text  17. Vgl. Hamburger Anzeiger vom 27.4.1932 und 29.4.1932, Hamburger Nachrichten vom 6.5.1932, Hamburger Fremdenblatt vom 5.5.1932; Evangelische Rundschau Hamburg 7 (1932), 51; Das evangelische Hamburg 26 (1932), 194f und 230-232.

Zurück zum Text  18. Dazu s.u. sowie KiA HH, PA Leese, und die in Kopie von Georg Daur 1951 zusammengestellten Schriftwechsel und Protokolle in ebd., Kirchliche Hochschule (KiHo) 55, sowie StA HH, 361-2 V Oberschulbehörde (OSB) V, 964, Leese an Senior Horn 7.4.1932 (Abschrift); ebd., 361-6 HW-DPA I 267, Bl. 26f, Leese an HSB 10.6.1932. Als Ruhegehalt erhielt Leese 60% seiner Bezüge.

Zurück zum Text  19. KiA HH, PA Leese, z.B. Bl. 69, Kirchenvorstand St.Georg an Kirchenrat im März 1929.

Zurück zum Text  20. KiA HH, KiHo 55, Heft 4, Leese an Senior Horn 6.4.1932, beglaubigte Abschrift (ca. 1951), Hervorhebung im Original.

Zurück zum Text  21. Die beiden führenden theologischen und kirchenpolitischen Richtungen innerhalb der evangelischen Kirche, so auch in der Hamburgischen Landeskirche, waren die in der Nachfolge der Aufklärung stehenden Liberalen, die für einen Pluralismus in der Kirche eintraten, und die "Positiven", die sich in die Fortsetzung der lutherischen Orthodoxie stellten. Diese Spaltung des Protestantismus war ein deutsches Grundfaktum, das nicht unterschätzt werden darf. Reichsweit dominierten die "Positiven", sie bestimmten Klima und Stil der Mehrheit. Insgesamt gehörten etwa vier Fünftel der Pastoren der nichtliberalen Seite an, wobei der theologische Konservatismus sich schon frühzeitig mit dem politischen verbunden hatte (vgl. Thomas Nipperdey: Religion und Gesellschaft. Deutschland um 1900. In: Historische Zeitschrift 246 (1988), 591-615, 597f; ders.: Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918. München 1988, 77-84). Die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen - die vermittelnde dritte, "neukirchliche" war demgegenüber in Hamburg relativ unbedeutend - war bei der Pastorenwahl entscheidend. Die Hauptkirchen St. Nikolai und St. Katharinen galten als "liberal", St. Jacobi und St. Michaelis als "positiv", d.h. die jeweiligen Hauptpastoren gehörten der entsprechenden Richtung an. St. Petri gehörte unter dem Hauptpastor Friedrich Rode der liberalen Richtung an. Zwischen beiden Gruppierungen gab es heftige Richtungsstreitigkeiten. Vgl. (Johannes) Reinhard: Die positive Gruppe. In: Hamburgische Kirchenzeitung 7 (1929), 113-115; (Heinz) Beckmann: Die kirchlich-liberale Gruppe. In: Ebd., 115f; Daur: Von Predigern und Bürgern, 248-253. Die in Hamburg unbedeutende dritte, vermittelnde theologische Richtung hatte in anderen Landeskirchen stärkeren Einfluß. In den Kirchenleitungen außerhalb der streng lutherischen Ländern war sie überproportional vertreten (Nipperdey: Religion im Umbruch, 80) und die Evangelische Kirche der altpreußischen Union, die mit Abstand größte Landeskirche, wurde seit Beginn der 1890er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg von einem mittelparteilichen Kirchenregiment regiert (Klaus Erich Pollmann: Landesherrliches Kirchenregiment und soziale Frage. Der evangelische Oberkirchenrat der altpreußischen Landeskirche und die sozialpolitische Bewegung der Geistlichen nach 1890 <Veröffentlichungen der historischen Kommission zu Berlin, 44>. Berlin-New York 1973, 20f und 63).

Zurück zum Text  22. KiA HH, PA Leese, dort auch die Artikel Leeses.

Zurück zum Text  23. KiA HH, Kirchenrat (AKr), B XVI c 71, Bl. 39, Senior Horn an Hauptpastor Schöffel 12.1.1932. Schöffel hatte Senior Karl Horn schwere Vorwürfe gemacht, weil dieser angeblich die Beauftragung Leeses gebilligt hätte, was Horn energisch zurückwies. Vielmehr hob er das Verhalten von Hauptpastor Heinz Beckmann (St.Nikolai) im von der Oberschulbehörde eingesetzten Ausschuß für die Ausbildung von Religionslehrern positiv hervor, weil er es durchgesetzt habe, daß "neben dem liberalen Leese ein auswärtiger positiver Dozent ins Auge gefasst ist" (vgl. ebd., Bl. 40, Horn an Schöffel 19.1.1932, vgl. dazu Hering: Wissenschaft, 151-155).

Zurück zum Text  24. KiA HH, PA Leese, Bl. 125, Protokoll der Sitzung des Kirchenrats (LKR) vom 14.4.1932, in beglaubigter Abschrift auch in ebd., KiHo, 55, Heft 4.

Zurück zum Text  25. KiA HH, Nachlaß (NL) Theodor Knolle, N 2, Protokoll der Sitzung des Schulausschusses am 20.3.1933.

Zurück zum Text  26. StA HH, 361-2 VI OSB VI, F XI e 3/2, Landesbischof, unterschrieben vom Leiter des Amtes für Volksmission der Hamburgischen Landeskirche, Karl Witte - der selbst neutestamentliche Übungen im Rahmen der Religionslehrerausbildung abhielt -, an Oberschulrat Behne 4.2.1935. Landesschulrat Schulz gab dies sofort an die Redaktion des Vorlesungsverzeichnisses weiter (KiA HH, AKr, B XVI c 71, Bl. 84, 5.2.1935).

Zurück zum Text  27. StA HH, 361-2 VI OSB VI, F XI e 3/2, Leese an Landesschulrat Schulz 6.2.1935 mit Anlage "Denkschrift in Sachen der von der Landesunterrichtsbehörde an der Universität veranstalteten ¨Kurse für die Studierenden der Evangelischen Religionslehre¨". Seit dem WS 1955/56 wurde im Vorlesungsverzeichnis der Theologischen Fakultät wieder auf die Lehrveranstaltungen von Leese am Philosophischen Seminar verwiesen.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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