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Dr. Rainer Hering: Kutscher und Kanzler. "Scheußlichkeit" und "Schande sondergleichen", die man "absprengen" solle - so urteilte der ehemalige Staatsopernintendant Professor Rolf Liebermann im Fernsehen am Abend der Bürgerschaftswahl des 2.Juni 1991, d.h. am 85.Jahrestag seiner Einweihung, über das Hamburger Bismarck-Denkmal. Die Resonanz, die er darauf erntete, blieb gering. Vielmehr wurde in der Öffentlichkeit immer wieder behauptet, das Denkmal sei früher unstrittig gewesen, die Hamburger hätten ihren Bismarck nahezu geliebt.(1) Daß diese Einschätzung nicht zutrifft, zumindest nicht für große Teile der Hamburger Bevölkerung, belegen schon zeitgenössische Äußerungen, die die Beamten der Politischen Polizei in ihren Vigilanzberichten notiert haben. Um die Betrachtungsweise aus der Sicht von Arbeitern nicht zu vergessen, werden in diesem Beitrag die Observationsniederschriften wiedergegeben. Schon zu Lebzeiten gab es eine vom Hamburger Bürgertum ausgehende Bismarck-Verehrung. Regelmäßig zum Geburtstag am 1.April fuhren große Gruppen in Sonderzügen nach Friedrichsruh, um dem Reichskanzler zu huldigen. Schon kurz nach seinem Tode 1898 bildete sich ein Komitee mit dem Ziel, ein Denkmal zu Ehren des "Reichsgründers" zu errichten; Vorsitzender war Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg (1839-1908), der in engem persönlichen Kontakt zu Bismarck stand.(2) Das avisierte Monument sollte "Zeugnis dafür ablegen, daß Hamburg der unsterblichen Verdienste des großen Kanzlers ... treu gedenkt und ein Zeichen sein der unauslöschlichen Dankbarkeit, die unsere Herzen für den Entschlafenen erfüllt", wie ein in der Lokalpresse veröffentlichter Aufruf des Komitees kundtat. Nahezu eine halbe Million Mark wurden für die Baukosten gesammelt und die Stadt stellte den Bauplatz, ein Plateau auf einer Anhöhe im Elbpark, der ehemaligen Casparus-Bastion der Wallanlagen, zur Verfügung.(3) Nachdem diese Rahmenbedingungen erfüllt waren, konnte im Juni 1901 ein Wettbewerb ausgeschrieben werden für einen Entwurf des Denkmals. 219 Entwürfe gingen ein, von denen 1902 fünfzehn prämiert wurden. Den ersten Preis erhielt der Entwurf von Hugo Lederer (1871-1940) und Emil Schaudt (geb.1871), der Bismarck als überdimensionalen reckenhaften Roland stilisierte. Dies entspräche dem Bild des Reichskanzlers in der Bevölkerung, der sich "allmählich vollziehende(n) Steigerung der Gestalt Bismarcks ins Heldenhafte", und käme den Bedingungen des Aufstellungsortes, der ein vom Hafen her sichtbares Kolossalgebilde erwünscht erscheinen lasse, besonders nahe. Tatsächlich wird das fünfunddreißig Meter hohe Denkmal auch dadurch weithin sichtbar, weil es auf ein dreißig Meter hohes Plateau gestellt wurde. Die überdimensionierte Figur des Reichskanzlers mißt fünfzehn Meter, allein der Mittelfinger ist ein Meter lang. Das Gesamtgewicht der Figur aus schwarzwälder Granit beträgt 625.000 Kilogramm. (4) Am 2.Juni 1906 erfolgte die feierliche Enthüllung des Denkmals zum Männergesang "Deutschland, Deutschland über Alles", in den die Festteilnehmer programmgemäß einstimmten. In den Reden häuften sich semantisch auffällige Begriffe, wie: "treu", "Autorität", "genialisch", "riesengestalt", "echt deutsch", "unbeugsam", "Ruhm", "Macht und Größe", "trutzig", "stolz", "wehrhaft", "waffenstark", "Erbfeind", "fremdes Volkstum" und "schwergewaltig".(5) Politisch orientierten sich die Bismarck-Verehrer an Nationalismus, Kampf und Expansion, ihr menschliches Ideal war gekennzeichnet durch Begriffe wie Treue, Stolz, Unbeugsamkeit. Das Denkmal gilt als Indiz für ein Umdenken in Hamburg, für eine Anpassung an die konservativen Führungseliten Preußens und des Reiches. Der wirtschaftliche Erfolg der Stadt seit Reichsgründung und Zollanschluß zog das Einverständnis mit dem Imperialismus nach sich. Doch gab es innerhalb der Bevölkerung nicht nur Zustimmung zu diesem Kultobjekt, das bald zum Nationaldenkmal anvancierte: Selbst unter den Denkmalsbefürwortern gab es heftige Kontroversen über Gestaltung und Standort. Der Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark (1852-1914), äußerte sich öffentlich nur zurückhaltend, war aber ein scharfer Gegner eines "Colossaldenkmals". Für ihn stellte Lederers Bismarck-Denkmal ein "peinvoll stilisiertes Götzenbild" dar. Einen produktiven Gegenvorschlag unterbreitete der kulturell engagierte Landgerichtsdirektor Gustav Schiefler (1857-1935): Anstelle eines Denkmals wollte er eine nach Bismarck benannte Bücher- und Lesehalle eingerichtet wissen, was den flammenden Zorn konservativer Geister erregte.(6)
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