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Dr. Rainer Hering: Kutscher und Kanzler.


Grundsätzliche Ablehnung fand das Denkmal in der Hamburger Arbeiterschaft, wie die von Polizeispitzeln notierten Kneipengespräche zeigen, die im folgenden wiedergegeben sind.

Zu den Vigilanzberichten

Eine wichtige Quelle zur Gesellschaftsgeschichte Hamburgs im Kaiserreich stellen die Unterlagen der Politischen Polizei dar. Sie bestehen überwiegend aus minutiös gesammelten Zeitungsartikeln zu allen politisch für wichtig erachteten Themen sowie aus Berichten von Beamten über Versammlungen und von den Straßen und Gasthäusern der Stadt. Diese Observation der Bevölkerung - Indiz für die Unsicherheit der politischen Führung - nahm seit den 1890er Jahren zu, weil sich in der Hansestadt nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes eine starke Arbeiterbewegung entfaltet hatte. Desweiteren zog der rasante industrielle Aufschwung nach Reichsgründung und Zollanschluß soziale Konflikte nach sich, die sich besonders in Streiks äußerten. Die Cholera-Epidemie 1892 forderte mehr als 10.000 Opfer, vor allem aus der arbeitenden Bevölkerung - diese machten die undemokratische Verfassung und den Vorrang der wirtschaftlichen Interessen für die Vernachlässigung der sanitären Anlagen und die Fehler in der Bekämpfung der Seuche verantwortlich. Die Sozialdemokraten griffen das auf und strebten eine Demokratisierung der politischen Struktur der Stadt an. Ein rapides Bevölkerungswachstum, vor allem durch Zuwanderer aus anderen Teilen Deutschlands, trug weiterhin zur Verunsicherung der Regierenden bei.

Als Konsequenz wurde die Polizei umorganisiert und vor allem die Überwachung der Einwohner enorm intensiviert. Neben der Beobachtung der lokalen Presse erfolgte auch eine Kontrolle der Versammlungen und der Orte, an denen größere Menschenmengen zusammenkamen - wie z.B. Bahnhöfe - aber auch Gaststätten, in denen die Polizisten in Zivil, als Arbeiter verkleidet, tätig waren und Stimmungsberichte erstellten. Angesichts der engen Wohnverhältnisse und eines fehlenden Medienangebotes - Radio und Fernsehen gab es nicht, Konzerte und Theatervorstellungen waren zu teuer - zog es gerade Arbeiter in Gastwirtschaften, um Entspannung und Gesprächsmöglichkeiten zu finden. Im Gegensatz zu öffentlichen Versammlungen fühlten sie sich hier in den kleinen Kneipen, die zumeist kaum mehr als 20 Personen Raum boten, unbeobachtet und äußerten ihre Meinung relativ offen. Daher sind die dort erstellten Polizeiberichte eine wichtige Quelle für die Stimmungslage der männlichen Bevölkerung, die sich sonst kaum öffentlich artikuliert hat.(7)

Die folgenden Vigilanzberichte sind bewußt unter der Rubrik "Bismarck-Denkmal" zusammengefaßt worden, es handelt sich um übliche Observationen, die sich nur teilweise auf das Denkmal beziehen. Sie sind einer Akte mit Zeitungsausschnitten zum Thema in einer separaten Untermappe beigefügt, die die Denkmalsfrage betreffenden Abschnitte in den Berichten sind zumeist markiert worden. Das zeigt, daß ihnen besondere politische Bedeutung beigemessen wurde, da die Mehrzahl der Vigilanzberichte als Serie "Berichte ohne Wert" abgelegt worden war. Die vorliegenden Aufzeichnungen lassen sich zeitlich in drei Phasen einteilen: 1. Tod Bismarcks und Beginn der Sammlungen für das Denkmal (1898), 2. Auswahl des Entwurfes für das Denkmal (1902) und 3. Einweihung des Denkmals (1906). Ausgewählt worden sind die Passagen, die sich auf das Denkmal beziehen.(8)

Die Textwiedergabe erfolgt in normalisierter Form, d.h. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind heutigem Gebrauch angepaßt. Kleinere Korrekturen, wie z.B. die Einfügung von Worten über der Zeile und Buchstabenverbesserungen, sind nicht gesondert ausgewiesen, da sie für die Interpretation ohne Bedeutung sind. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, die Schreibweise des Namens "Bismarck" vereinheitlicht.

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Zurück zum Text  7. Richard J. Evans (Hg): Kneipengespräche im Kaiserreich. Die Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892-1914. Reinbek 1989, S.7-39.

Zurück zum Text  8. StA HH, 331-3 Politische Polizei, S 9040; Evans (wie Anm. 7), S. 7; einige Berichte, die kritische Äußerungen über Bismarck - nicht jedoch über das Denkmal - enthalten, sind bei Evans ediert (ebd., S. 336-340).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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