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Dr. Rainer Hering: Orthodoxie versus Liberalismus in der Kirche: Der "Fall Strasosky".


"Den "Liberalismus" habe ich gehaßt. Ihm bitte ich nichts ab."

Diese Sätze schrieb der Hamburger Pastor an der Gnadenkirche und spätere Landesbischof Franz Tügel (1888-1946) 1927 in seinem Testament.(1) Nach einer kurzen Phase der Annäherung während seines Studiums ging er auf radikale Distanz zur liberalen Richtung: "Ihr Zerstörungswerk in seinem vollen Umfang habe ich freilich erst im Amt der Kirche selbst durchschaut."(2) Neben dem theologischen Einfluß des Jenaer Systematikers Hans Hinrich Wendt (1853-1928) und den Predigten Pastor Paul Conrads (1865-1927) an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war gerade auch Tügels Mutter von entscheidender Bedeutung für seine Entwicklung zum orthodoxen, "positiven" Theologen. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er: "Meine Mutter hat nicht nachgelassen, mir das bittere Unrecht an der Gemeinde vorzuhalten, wenn ich ein ungläubiger Pastor würde, und ich konnte ihr versprechen, daß ich vom Weg zur Kanzel ablassen würde, wenn ich nicht zum Frieden und zur Freude im alten Glauben heimfände."(3) Tügels endgültige Bekehrung zur Orthodoxie war spätestens 1912 vollzogen. "Mit einem Male durfte ich aus dem nun überall blühenden Gottesgarten der positiv biblischen Theologie auf das Gotteshaus schauen (...)".(4) In der Kirche kannte er keine Gleichberechtigung der Richtungen, wie er 1929 zur Kirchenvorsteherwahl schrieb: "Um des ewigen Evangeliums und der Seligkeit der uns anvertrauten Seelen willen (...) sehen wir als Selbstverständlichkeit an, daß die Orthodoxie die Kirche führt. (...) Wer kirchlich liberal wählt, sorgt dafür, daß die Volkskirche (...) den schwersten Schaden leidet."(5)

Diese Einstellung prägte auch Tügels praktisches Handeln. 1919 mußte er sein Pastorenamt an der Hauptkirche St. Nikolai - und damit auch sein langerstrebtes Ziel, Hauptpastor zu werden - aufgeben, weil seine Frau am 23. Dezember 1918 zur katholischen Kirche konvertiert war und streng am Katechismus orientiert lebte.(6) Dies soll - so Hans Tügel (1894-1984) - die Ursache gewesen sein, daß der "sonst so humorvolle" Bruder Franz sich innerlich versteifte und intolerant wurde. (7) Franz Tügels Vorgesetzte übten Druck auf ihn aus, entweder sein Amt aufzugeben oder sich scheiden zu lassen. Er widersetzte sich dem jedoch und unterstützte damit indirekt die Entscheidung seiner Gattin. In der Konsequenz suchte er für sich eine neue Stelle, die er in St. Pauli-Nord fand, wo er als Nachfolger von Walther Kärner (1872-1919) am 20. August 1919 in die vierte Pfarrstelle an der Gnadenkirche am Holstentor eingeführt wurde.(8)

In dieser Stellung bekämpfte er umgehend die liberale Tradition der Kirchengemeinde in St. Pauli, wobei er - nach eigener Aussage - eigenmächtig, ohne jede Selbstkritik vorging und durch sein Agieren im Hintergrund wesentlich dazu beitrug, daß sein liberaler Kollege Dr. Hermann Strasosky (1866-1950) 1923 sein Amt aufgeben mußte. Neben Tügel war sein ebenfalls theologisch "positiv" eingestellter Kollege in St. Pauli und enger Freund Adolf Drechsler (1889-1970) gegen Strasosky aktiv. Beide hatten schon bald den persönlichen Kontakt zu ihm abgebrochen und wollten nur noch über den Senior oder den Kirchenvorstand mit ihm verkehren, was der Senior zurückwies und weitere gemeinsame Pfarramtssitzungen anordnete.(9) Tügel schrieb darüber in seinen Lebenserinnerungen: "Vom Zentrum aus, nämlich vom Gottesdienst als dem Mittelpunkt kirchlichen Lebens, ging ich radikal vor. Mit einem wahren Feuereifer, das darf ich schon sagen, fegte ich die liberale Spreu aus dem Gotteshause und Gottesdienst hinweg, soweit es in meiner Macht stand. Ohne das Pfarramt und den Kichenvorstand zu befragen, änderte ich zunächst die Liturgie. An die Stelle des kümmerlichen Stammelns am Altar in einer abgemagerten Gebets- und Schriftlesefolge setzte ich die schöne, volle Gottesdienstordnung der Kirche, die ich für die Konfirmanden und Kirchenbesucher drucken ließ. So erklang nach 12 Jahren zum ersten Mal in der Gnadenkirche das Glaubensbekenntnis vor der Gemeinde. Die Feier des heiligen Abendmahls, fast nach allen Gottesdiensten angeboten, gestaltete ich dem Evangelium gemäß. Alle Mißstände im Gotteshause stöberte ich auf und versuchte, sie abzustellen und durch die Würde des Heiligtums zu überwinden. Es fuhr ein befreiend frischer Wind durch die Räume bis zur Orgelbank und zum Chor hinauf und bis in den Heizkeller hinunter. Er schonte niemanden und nichts, was dem im Weg stand, daß Gottes Wort lauter und rein verkündigt und die Sakramente dem Evangelium gemäß verwaltet wurden. Daß sich bei dieser "Tempelreinigung" dieser oder jener unangenehm getroffen fühlte, ließ sich ebenso wenig verhindern, wie die Tatsache, daß ein benachbarter Pastor, der seinen verlorenen Glauben als Reklame aushängte, nach heftigem Widerstand sein Amt aufgeben mußte. (...) damals mußte er gegangen werden; wir waren es der Kirche, der Gemeinde und dem Amte schuldig, das Versöhnung predigt, aber die Verhöhnung nicht erträgt, wenn sie aus dem eigenen Lager kommt. Die evangelische Kirche muß sehr weite Grenzen haben, das ist ihrem Wesen gemäß klar; aber es kann in ihrem Raum nicht jeder jedes sagen, das ist noch klarer. Dem Diener an Wort sind einfach Grenzen gesetzt."(10)

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Zurück zum Text  1. Für wichtige Anregungen danke ich Heike Koch, Bochum, der ich diesen Beitrag zum 1. November 1997 widme.

1 StA Hbg, 622-1 Familie Tügel, Nachlaß Franz Tügel, Sammelheft No.2, Bl. 63f, Letzter Wille vom 21.11.1927. Zur Biographie Tügels vgl. Rainer Hering, Die Bischöfe Simon Schöffel, Franz Tügel (Hamburgische Lebensbilder, 10). Hbg. 1995; Ders., Franz Tügel - Hamburger Landesbischof im "Dritten Reich". In: Joachim Stüben/Ders. (Hrsg.), Zwischen Studium und Verkündigung. Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Nordelbischen Kirchenbibliothek in Hamburg (bibliothemata, 13). Herzberg 1995, S. 383-394; zum Hintergrund: Ders., Auf dem Weg in die Moderne? Die Hamburgische Landeskirche in der Weimarer Republik. In: ZHG 82, 1996, S. 127-166.

Zurück zum Text  2. Franz Tügel, Mein Weg 1888-1946. Erinnerungen eines Hamburger Bischofs. Hrsg. von Carsten Nicolaisen (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs, 11). Hbg. 1972, S. 78.

Zurück zum Text  3. Ebd., S. 77.

Zurück zum Text  4. Ebd., S. 99f, das Zitat S. 100; Hering, Bischöfe (wie Anm. 1), S. 56-58.

Zurück zum Text  5. Franz Tügel, Zur Kirchenvorsteherwahl. In: Das evangelische Hamburg 23 (1929), Nr.19, S. 291-294, Nr.20, S. 307-310, Nr.21, S. 326-328, das Zitat S. 309-310; Hervorhebung im Original.

Zurück zum Text  6. Clara Adelheid Tügel, geb. Kunkel, (1895-1960) hatte den langen Entscheidungsprozeß vor diesem Schritt und seine Ursachen später in einem fünfzigseitigen Manuskript "Warum ich katholisch geworden bin?" niedergelegt (StA Hbg, 622-1 Familie Tügel, Nachlaß Adelheid Tügel). Offenbar hatte Franz Tügel weder vor noch nach seiner Hochzeit diese Überlegungen bei seiner Frau bemerkt, was in erster Linie mit seinem verschlossenen Wesen aber auch mit seiner Abwesenheit im Krieg zusammenhing. Angesichts der damaligen patriarchalischen Strukturen war die Konversion einer Pastorenfrau ein emanzipatorischer Schritt von größter Tragweite, da sie die Eigenständigkeit ihrer Entscheidung gegenüber Person und Amt ihres Mannes behauptete.

Zurück zum Text  7. Hans Tügel, Zeit der Unruhe. Ein Leben zwischen Buch und Bühne. Hbg. 1974, S. 44.

Zurück zum Text  8. Hering, Bischöfe (wie Anm. 1), S. 64.

Zurück zum Text  9. Nordelbisches Kirchenarchiv Kiel [NEK], Personalakte Strasosky, Bl. 99, Protokoll der Besprechung am 22.6.1921. Neben den kirchenpolitischen Differenzen sollen auch persönliche in der Auseinandersetzung zwischen Tügel und Strasosky eine Rolle gespielt haben. Strasosky soll die Konversion von Tügels Frau zum Katholizismus publik gemacht haben und sich gegen dessen Wahl an die Gnadenkirche ausgesprochen haben (Gespräche mit seinem Sohn Eckhart Strasosky am 12.3. und 5.8.1993).

Zurück zum Text  10. Tügel, Weg (wie Anm. 2), S. 161-162.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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