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Dr. Rainer Hering: Orthodoxie versus Liberalismus in der Kirche: Der "Fall Strasosky".


Hier wurde ein Wesenszug Tügels deutlich, den sein Sohn Peter (Jahrgang 1923) rückblickend als zentral bezeichnete: Sein - zumindest äußerlich demonstriertes - Selbstbewußtsein, "das dort, wo es mit demonstrativer Betonung des Willens einherging, differenziertem Denken und selbstkritischem Abwägen schnell eine Absage erteilen konnte".(11) Darüber hinaus ist davon auszugehen, daß Franz Tügel sich nach der Konversion seiner Frau besonders gefordert fühlte, seine Treue zum lutherischen Bekenntnis und seine Verbundenheit zur orthodoxen Theologie überdeutlich zu praktizieren. Zugleich war sein Neuanfang an der Gnadenkirche auch eine Möglichkeit, seinen unfreiwilligen Weggang von einer Hauptkirche zu verarbeiten und durch Überaktivität zu kompensieren.(12) Worum ging es aber beim "Fall Strasosky" im einzelnen und wer war Dr. Hermann Strasosky?

Hermann Theodor Strasosky wurde am 11. Juli 1866 in Brake/Hzgt. Oldenburg als Sohn des Zollbeamten Heinrich Christian Conrad Strasosky und seiner Frau Sophie Wilhelmine Henriette, geb. Bauer, geboren. 1869 siedelte die Familie nach Hamburg über, wo Hermann die Gelehrtenschule des Johanneums besuchte. Nach dem Abitur im März 1885 studierte er in Greifswald, Berlin und Jena Theologie und Philosophie. Am 21. Juni 1889 legte er in Hamburg das Kandidatenexamen ab - zu dieser Zeit war nur ein Examen erforderlich. 1890 wurde er Religionslehrer an einer höheren Töchterschule in Hamburg-Barmbek, im November 1890 Hilfsprediger an der St. Nikolai-Kirche in Moorfleet und einen Monat später in Jena zum Dr. phil promoviert mit einer Arbeit über "Jacob Friedrich Fries als Kritiker der kantischen Erkenntnistheorie. Eine Antikritik".(13)

Am 6. September 1891 erfolgte Strasoskys Wahl zum dritten Pastor in St. Pauli (-Süd), in dieses Amt wurde er am 29. September eingeführt.(14) 1907 wechselte der liberale Theologe an die neugegründete Gnadenkirche in St. Pauli-Nord, wo er im Pastorat Holstenglacis 7 lange allein mit seiner Mutter und einer Schwester zusammenlebte.(15) In der Gemeinde widmete er sich besonders der Fürsorge sowie der Kinder- und Jugendarbeit, für die er entsprechende Horte und Verbände mitbegründete. In zahlreichen philosophischen bzw. theologischen Vorträgen und Veranstaltungen wandte er sich an Konfirmierte und Familien. (16)

Neben seiner Tätigkeit als Pastor war Hermann Strasosky auch politisch aktiv: Von 1902 bis 1904 gehörte er als Abgeordneter der Fraktion der Rechten der Hamburgischen Bürgerschaft an, wo er sich besonders Schulfragen zuwandte und sich - in engem Kontakt zum Senatssyndikus Werner von Melle (1853-1937) - 1903 für einen Neubau des Völkerkundemuseums aussprach.(17) Während des Ersten Weltkrieges war er Vorstandsmitglied der Kriegshilfe, begründete die Frauenkriegshilfe in Nord-St. Pauli, sammelte viel Geld und hielt patriotische Ansprachen.(18)

In dem schwedischen Roman von Eva Maria[nne] Gowenius (Jahrgang 1904) "Herrlich ist die Erde", der 1943 auf deutsch erschien - die Mutter der Verfasserin, Fanny Klinckwort, war von ihm konfirmiert worden -, wurde Strasosky so geschildert: "Er hatte einen sorgfältig gepflegten und gekämmten Bart, die braunen Augen waren von langen Wimpern umrahmt. Pfarrer Strasowsky war ein, wie man zu sagen pflegt, schöner Mann, und er hatte schon in der Konfirmationszeit starken Eindruck auf Emmy gemacht, daher hatte sie ihn auch gebeten, ihre Trauung zu vollziehen. (...) [Er] war wirklich sehr liebenswürdig und außerdem ein sehr distinguierter Mann."(19) In seiner Gemeinde wurde er als hochbegabter Mensch mit ausgeprägten gesellschaftspolitischen und literarischen Ambitionen sehr geschätzt.(20) Zu seinem 25jährigen Amtsjubiläum in St. Pauli gründeten Gemeindemitglieder die "Pastor-Dr.-Strasosky-Stiftung für die Hinterbliebenen im Kriege Gefallener in St. Pauli", für die in vier Tagen 10.000 RM gesammelt wurden.(21)

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Zurück zum Text  11. Peter W. Tügel, Gnade, Wille, Politik, Franz Tügel, Pastor an der Gnadenkirche 1919-1933. In: Gnadenkirche Hamburg 1907-1987. Festschrift zum 80jährigen Jubiläum. Red.: Angelika Stabenow. Hbg. 1987, S. 47-55, S. 47; Hervorhebung im Original.

Zurück zum Text  12. Vgl. z.B. NEK, Personalakte Strasosky, Bl. 91a, Tügel an den neugewählten Senior Friedrich Rode (1855-1923) 2.12.1920.

Zurück zum Text  13. Hierzu und zum folgenden: NEK, Personalakte Strasosky; Die Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation. Ein Verzeichnis von Friedrich Hammer und Herwarth von Schade. Ms. Hbg. 1995, Teil 1, S. 185; StA Hbg, Bibliothek, Zeitungsausschnittsammlung A 768 (Strasosky); Hermann Th. Strasosky, Jacob Friedrich Fries als Kritiker der kantischen Erkenntnistheorie. Eine Antikritik. Hbg.-Leipzig 1891.

Zurück zum Text  14. Hermann Strasosky, Wahl-Predigt über Apg. 8,14-24, gehalten am 9. Sonntage nach Trinitatis 1891. Hbg. 1891; Antrittspredigt bei seiner Ordination und Einführung in das Pastorat zu St.Pauli in Hamburg am 29. September 1891, gehalten von Hermann Theodor Strasosky Dr. phil. Hbg. 1891.

Zurück zum Text  15. Hartmut Winde, Aus der Chronik der Gnadenkirche. In: Gnadenkirche Gemeindebrief 5/91, S. 5. Nach dem Tode seiner Mutter heiratete Strasosky 1917 die aus vermögendem Hause stammende Anna Elisabeth Eckhardt (30.5.1889-25.12.1982), mit der er die drei Kinder Eckhart (geb. 1920), Elfriede (geb. 1923) und Gisela (geb. 1924) hatte. Er schrieb zahlreiche Gedichte, von denen einige in einem, seiner von ihm sehr verehrten Mutter gewidmeten Privatdruck vervielfältigt wurden. Strasosky wird als sehr patriarchalisch geschildert (Gespräch mit seinem Sohn Eckhart Strasosky am 5.8.1993, dem ich auch für die Bereitstellung zahlreicher Unterlagen danke, vgl. StA Hbg, 621-1 Familie Strasosky, Nachlaß Hermann Strasosky, In memoriam. Meiner lieben Mutter. Hbg. o.J. [ca. 1919]; Manuskriptsammlung "Vaters Vermächtnis").

Zurück zum Text  16. NEK, Personalakte Strasosky, Bl. 96, Liste der Vorträge und Veranstaltungen im Winter 1920/21; Hamburgischer Correspondent Nr.496 vom 29.9.1916, Morgenausgabe.

Zurück zum Text  17. StA Hbg, 731-1 Handschriftensammlung, 601, Verzeichnis der Bürgerschaftsmitglieder 1859-1959, 1693; Hamburgischer Correspondent Nr.157 vom 5.4.1902 und Nr.496 vom 29.9.1916, jeweils Morgenausgabe; Stenographische Berichte über die Sitzungen der Bürgerschaft zu Hamburg im Jahre 1903. Hbg. o.D., S. 287-288 (12. Sitzung vom 18.3.1903); Ausschußberichte der Bürgerschaft 1903, Nr.10, S. 42; Werner von Melle, Dreißig Jahre Hamburger Wissenschaft. Rückblicke und persönliche Erinnerungen. Hrsg. auf Anregung der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. Bd.1. Hbg. 1923, S. 271-272.

Zurück zum Text  18. Hamburger Fremdenblatt Nr.269 B vom 28.9.1916; Hamburger Nachrichten Nr.496 vom 29.9.1916, Morgenausgabe; Gespräch mit seinem Sohn Eckhart Strasosky am 5.8.1993; Ansprache gehalten von Pastor Dr. Strasosky am Patriotischen Abend des "St.Pauli Bürgervereins" am 11. März 1915. Hamburg 1915. Dieser Vortrag schloß mit den Sätzen: "Mein Deutschland, mein Volk, größer denn je, im Kampf und Krieg, im Harren und Sieg. Mein einiges Vaterland! Bleibe, was du jetzt bist! Dann geht es vorwärts! Deutschland, Deutschland über Alles!".

Zurück zum Text  19. Eva Maria Gowenius, Herrlich ist die Erde. Hamburg 1943, S. 300 und 303.

Zurück zum Text  20. Friedrich Nehlsen, der von Strasosky konfirmiert worden war, schilderte ihn 1972 in einem Gespräch als "hochbegabten Menschen mit ausgeprägten gesellschaftspolitischen und literarischen Ambitionen. Er war kein Durchschnittstyp." zitiert bei Winde, Chronik (wie Anm. 15) und Johannes Iversen, Zur Chronik der Kirchengemeinde St. Pauli-Nord. In: Gnadenkirche (wie Anm. 11), S. 37-38, hier S. 37; vgl. auch Peter W. Tügel, Otto Schlüter. Ein alter St. Paulianer erinnert sich. In: Ebd., S. 45-46.

Zurück zum Text  21. Die Inschrift der Widmungsurkunde lautete: "Die Unterzeichneten beehren sich, Ihnen an dem heutigen Ehrentage Ihres 25jährigen Amtsjubiläums die herzlichsten Glückwünsche zum Ausdruck zu bringen. Sie verbinden hiermit den aufrichtigen Dank für Ihre stets in selbstloser und erfolgreicher Weise dem Gemeinwohl geleisteten Dienste und sprechen den Wunsch aus, daß es Ihnen vergönnt sein möge, noch recht viele Jahre in gleicher segensreicher Weise zu Ihrer eigenen Befriedigung und zum Besten der Vaterstadt und besonders der Bedrängten wirken zu können." Hamburger Nachrichten Nr.497 vom 29.9.1916, Abendausgabe und Hamburgischer Correspondent Nr.498 vom 30.9.1916, Morgen-Ausgabe; StA Hbg, 622-1 Familie Strasosky, Nachlaß Hermann Strasosky, Widmungsurkunde und Namen der Geber für die Jubiläums-Spende; ebd., 111-1 Senat, Cl.VII Lit.Qd No.367 Vol 1. Die Stiftung wurde am 6.12.1950 aufgelöst, das Restvermögen ging an die Heinrich Carl Nieth-Stiftung.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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