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Dr. Rainer Hering: Orthodoxie versus Liberalismus in der Kirche: Der "Fall Strasosky".


Im Juli 1919 veröffentlichte Hermann Strasosky in der Tageszeitung "Hamburgischer Correspondent" einen Artikel "Zur "Volkskirche"", der mit dem Satz begann: "Unsere Kirche ist auf einen Tiefstand gekommen, wie er trauriger nicht gedacht werden kann." Er sah die Hauptursache für die weitverbreitete Kritik an der Kirche in der schwachen Stellung des Liberalismus in ihrem Innern; er entwickelte aber außerdem auch grundsätzliche persönliche Bedenken. Die Demokratisierung der Kirchenverfassung und die Volkskirchenbewegung, die die Kluft zwischen Kirche und Volk überwinden wollte, hielt er nur für äußere Korrekturen, die die "Schäden der Kirche nicht heilen" könnten. In dieser Bewegung war gerade Franz Tügel besonders engagiert, was diesen sicherlich noch mehr gegen seinen Amtsbruder aufbrachte.(25)

Wörtlich schrieb Strasosky: "In der Behauptung, das apostolische Glaubensbekenntnis sei das Bekenntnis der christlichen Kirche, ist das ganze Elend der evangelisch-lutherischen Kirche zum Ausdruck gebracht. (...) Gerade der zweite Artikel hat die Tür der Kirche manchem nach religiösem Leben Hungernden und Dürstenden verschlossen, viele Regsame in der Kirche müde und gleichgültig gemacht, das Vertrauen zur Kirche zerstört, religiöses Wesen gehemmt und erstickt und ertötet. (...) Es ist das tragische Geschick der christlichen Kirche geworden, daß derselbe Apostel, der dem Christentum die Welt eroberte, dieser Kirche eine Theologie mitgegeben, die die Welt der Kirche verloren gehen ließ." Er könne nicht mehr daran glauben, daß Jesus der übernatürlich geborene Sohn Gottes sei, und bezweifelte dessen Auferstehung. Das Apostolikum sei nicht mehr das Bekenntnis der Kirche, dieses müsse vielmehr neu bestimmt werden: "Das Evangelium fordert eine Gesinnungs-Religion und -Moral. Ein guter Baum bringet gute Frucht und ein fauler Baum bringet arge Frucht - das ist für den Mensch gesagt. Der Kultus hat nur Wert als Ausdruck und Förderer dieser Gesinnung. Sozial ist der Geist derselben. Gott und Menschheit sollen zusammengeschlossen werden in Gottes Reich. Alles Trennende, das diese Gemeinschaft stören oder zerstören könnte, muß bekämpft werden." Als ein alle Christen umfassendes neues Glaubensbekenntnis schlug er folgenden Text vor: "Ich glaube an Gott, unsern himmlischen Vater, und an seine Gnade. Ich glaube an die Kraft des heiligen Geistes, der Gottes Willen tut und mich erlösen will von der Sünde und mich machen zu einem rechten Kinde Gottes und Bürger seines Reichs. Ich glaube an das Reich Gottes, eine christliche Kirche, die Gemeinschaft derer, die guten Willens sind, und einander und allen Menschen dienen wollen, gebend und vergebend, bewahrend und rettend, kämpfend und leidend, opfernd und sich opfernd, treu bis in den Tod." Daran wurde kritisiert, daß dieses Bekenntnis kaum noch etwas Christliches habe und auf den zweiten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses verzichten würde.(26) Bei Strasosky wird eine ethisierende und rationalisierende Interpretation des Evangeliums deutlich, er lehnt alles Metaphysische ab und verzichtet auf die Rechtfertigungs- und die Zwei-Naturen-Lehre.

Schon der württembergische Pfarrer Christoph Schrempf (1860-1944) hatte sich mehr und mehr von der Christologie gelöst, was 1892 zu seiner Entlassung geführt hatte. Dieser Fall war überregional erörtert worden; unter dem Namen "Apostolikumsstreit" fand eine grundsätzliche Auseinandersetzung statt, an der führend der Berliner Theologe und Wissenschaftspolitiker Adolf (seit 1914: von) Harnack (1851-1930) beteiligt war. Der theologische Liberalismus wehrte sich gegen den "Symbolzwang", wohingegen Orthodoxe am Apostolischen Glaubensbekenntnis als "lebendiges Wort" festhielten. Harnack wandte sich gegen die Abschaffung des Apostolikums, hielt aber Kritik an Einzelaussagen für berechtigt. Eine Bestreitung des Apostolikums gab es bereits im 17. Jahrhundert. Die heftige Diskussion im 19. Jahrhundert, die eng mit der Agendenfrage - den Vorschriften für den Gottesdienst - verknüpft war, richtete sich gegen dessen nunmehr obligatorischen Gebrauch im Gottesdienst sowie seine Einbeziehung in das Konfirmations- und Ordinationsgelübde. Der Apostolikumsstreit war der Brennpunkt der Auseinandersetzung zwischen "liberaler" und "positiver" Theologie, der in seiner Heftigkeit vergleichbar ist mit der Kontroverse um die von Rudolf Bultmann (1884-1976) aufgeworfene Frage der Entmythologisierung des Neuen Testaments in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts. (27)

Verbunden ist mit dem Apostolikumsstreit die Grundsatzfrage, wie sich eine an unaufgebbare geistige Grundlagen gebundene Kirche und Theologie Modernisierungskrisen stellt. Die evangelische Kirche hatte sich während des 19. Jahrhunderts von der Territorialkirche zur Volkskirche gewandelt, jedoch ohne daß die entsprechenden Konsequenzen im juristischen und sozialpsychologischen Bereich gezogen wurden. Der Kulturkampf hatte gezeigt, daß das landesherrliche Kirchenregiment kein brauchbares Modell mehr darstellte. Wo es darum ging - so Hans Martin Müller -, die Landeskirchen als volkskirchliche Bekenntnisgemeinschaften zu konstituieren, wollten die Konservativen zurück zur lehrgesetzlich verfestigten Glaubensgemeinschaft im Sinne der alten Territorialkirchen, wohingegen die Liberalen einen die protestantische Gewissensfreiheit proklamierenden Gemeindeverband erstrebten. Im preußischen "Irrlehregesetz" vom 16. März 1910 wurde zwischen Lehrbeanstandung und Disziplinarvergehen unterschieden, wodurch die Lehrabweichung den Charakter einer moralisch zu wertenden Verfehlung verlor. Dennoch setzte sich allgemein die Auffassung durch, daß der Schutz des Einzelgewissens des Pastors keinen Vorrang gegenüber dem Schutz der Gemeindeglieder vor "Verführung" in Glaubensfragen genießt. Am Ende des Verfahrens stand nunmehr nicht mehr die "Verurteilung", sondern die "Feststellung", was von einer gewachsenen Sensibilität der kirchlichen Öffentlichkeit für Gewissensfragen zeugt.(28)

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Zurück zum Text  25. Die Volkskirchenbewegung war in der frühen Nachkriegszeit hervorgegangen aus Bestrebungen des Michaelis-Hauptpastors August Wilhelm Hunzinger (1871-1920), eine revolutionäre Erneuerung der Kirche einzuleiten. Er proklamierte eine Volkskirche im Gegensatz zur Pastorenkirche und wurde dabei u.a. von dem Pädagogen Peter Petersen (1884-1952) unterstützt. Allerdings blieb die zahlenmäßige Unterstützung dieser Bewegung gering. Die von Petersen und Tügel 1919/20 im Auftrag der hamburgischen Volkskirchenvertretung herausgegebene Zeitschrift "Die Neue Kirche" mußte bald wieder eingestellt werden. In der Synode erhielt sich diese kleine Gruppierung als Neukirchliche Fraktion durch die Unterstützung der Berneuchener Bewegung, die eine kirchliche Erneuerung durch die Ausgestaltung liturgischer Formen für den Gottesdienst und einer den Tagesablauf genau regelnden Lebensordnung (Stundengebet) anstrebte. Vgl. dazu Hein Retter, Theologie, Pädagogik und Religionspädagogik bei Peter Petersen (Forum zur Pädagogik und Didaktik der Religion, 12). Weinheim 1995; Kurt Meier, Volkskirche 1918-1945. Ekklesiologie und Zeitgeschichte (Theologische Existenz heute, 213). München 1982; Heinrich Wilhelmi, Die Hamburger Kirche in der nationalsozialistischen Zeit 1933-1945 (Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, Ergänzungsreihe, 5). Göttingen 1968, bes. S. 11f.

Zurück zum Text  26. Hermann Strasosky, Zur Volkskirche. In: Hamburgischer Correspondent Nr.350 vom 13. Juli 1919. Vgl. die Entgegnung von Pastor Max Glage, Um die Bekenntniskirche. In: Hamburgisches Kirchenblatt 16, 1919, S. 121-122.

Zurück zum Text  27. Christoph Schrempf, Akten zu meiner Entlassung aus dem Kirchendienst. Göttingen 1892; Georg Hoffmann, Apostolikum. II. Im Protestantismus. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 3. Aufl. Bd. 1 Tübingen 1957, Sp. 514-516; Hans-Martin Barth, Apostolisches Glaubensbekenntnis II. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. 3 Berlin-New York 1978, S. 554-566, bes. S. 560-562; Hans Martin Müller, Persönliches Glaubenszeugnis und das Bekenntnis der Kirche. "Der Fall Schrempf". In: Der deutsche Protestantismus um 1900. Hrsg. von Friedrich Wilhelm Graf und Hans Martin Müller (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, 9). Gütersloh 1996, S. 223-237; Hanna Kasparik, Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis? Der Kampf um das Apostolikum und seine Auswirkungen auf die Revision der Preußischen Agende (1892-1895) (Unio und Confessio, 19). Bielefeld 1996.

Zurück zum Text  28. Müller, Glaubenszeugnis (wie Anm. 27), bes. S. 228-230; Hering, Moderne (wie Anm.1).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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