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Dr. Rainer Hering: Orthodoxie versus Liberalismus in der Kirche: Der "Fall Strasosky".


Diese Ergebnisse wirkten sich auch auf den "Fall Strasosky" in Hamburg aus: Der Kirchenrat bedauerte die Publikation des Aufsatzes - wörtlich hieß es im Protokoll: "Die Veröffentlichung derartiger Artikel sollte vermieden werden" -, doch wollte er auf Initiative des Seniors Eduard Grimm (1848-1932) die Bekenntnisfrage zu jenem Zeitpunkt nicht thematisieren und die Angelegenheit daher mit Stillschweigen übergehen. (29) Franz Tügels selbst als "Tempelreinigung" bezeichnete Aktivitäten sowie Proteste konservativer Kirchenkreise aus St. Pauli und der "Freien Ev.-luth. Bekenntniskirche St.Anschar" um Pastor Max Glage (1866-1936) standen dem aber im Weg. In einem Schreiben an den Senior erklärte Strasosky, daß er mit seinem Beitrag an der Neugestaltung der Hamburger Kirche als Volkskirche mitwirken wollte: "Wohl weiß ich, daß viele meinen, die Zeit einer Bekenntniskirche sei vorüber. Aber werden wir wirklich ohne eine Formulierung des Prinzips der christlichen Religion und der christlichen Moral auskommen können?" Er sei der Meinung, "daß ein Bekenntnis notwendig ist, freilich nicht im Sinne eines unfehlbaren Dogmas. Und darum habe ich ein solches Bekenntnis zu formulieren gesucht, in der Hoffnung, daß dieser Versuch der Anlaß würde zu einer lebendigen Auseinandersetzung über diese ganze Angelegenheit, denn nur aus einer solchen Aussprache der verschiedenen Meinungen kann auch für diese Lebensfrage unserer Kirche etwas Ersprießliches hervorgehen." Im folgenden bekannte der Kant-Anhänger, daß er, der früher ein "leidenschaftlicher Vertreter der Unsterblichkeitslehre gewesen" war, den Glauben an das ewige Leben verloren habe, und erläuterte das ausführlich.(30) Da weitere Besprechungen zwischen ihm und dem Senior in dessen Augen "resultatlos" verlaufen waren, überwies der Kirchenrat die Angelegenheit an das Geistliche Ministerium.(31)

Das Geistliche Ministerium behandelte 1920 die Angelegenheit ausgiebig und kam zu dem Ergebnis, daß der Standpunkt, den Strasosky in seinem Artikel vertreten hatte, "schwerste Bedenken erweckt, derart, daß die überwiegende Mehrheit des Ministeriums ihn für unvereinbar hält mit der Stellung eines evangelischen Pastors und dem Kollegen Strasosky den Rat erteilt, von seinem Amte zurückzutreten" - dieser, auch später wiederholten, Aufforderung kam Hermann Strasosky aber nicht nach. Zugleich regte das Ministerium an, ein Emeritierungsgesetz vorzulegen, das die Möglichkeit bot, Geistlichen, die wegen Lehrabweichungen freiwillig ihr Amt niederlegten, ein Ruhegehalt zu gewähren. Eine entsprechende Erklärung des Ministeriums wurde in der Synode verlesen. (32)

Zwischenzeitlich verzichtete Strasosky auf das Beten des Vaterunsers im Gottesdienst und machte das publik. Während der Kirchenvorstand dessen Verhalten deutlich mißbilligte, unterzeichneten über 1.500 Gemeindemitglieder eine Eingabe an den Kirchenrat, in der für das Verbleiben Strasoskys in seinem Amt plädiert wurde. (33)

Während die öffentliche Diskussion und die internen Auseinandersetzungen in der Gemeinde andauerten, wurde am 11. Mai 1921 das "Gesetz betreffend Abänderung des Emeritierungsgesetzes vom 14. April 1887" erlassen, das in Paragraph elf die Möglichkeit der Versetzung eines Geistlichen in den Ruhestand regelte, u.a. wenn das Vertrauen der Gemeinde zu ihm nicht mehr gewährleistet sei oder eine das kirchliche Leben fördernde Tätigkeit von ihm nicht mehr erwartet werden könne. Der Kirchenvorstand oder das Kollegium der Geistlichen, dem der Betreffende angehörte, erhielten das Recht, beim Kirchenrat die Emeritierung zu beantragen.(34) Das Ruhestandsgesetz wurde daher auch als "lex Strasosky" bezeichnet. (35) In der Verfassung der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate vom 30. Mai 1923 wurde in Paragraph 36 Absatz zwei ein entsprechender Passus aufgenommen und im Kirchlichen Ruhestandsgesetz vom 23. November 1923 (Paragraph 42), das rückwirkend zum 1. April 1921 in Kraft trat, näher ausgeführt.(36)

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Zurück zum Text  29. NEK, Personalakte Strasosky, Bl. 68, Auszug aus dem Protokoll des Kirchenrats vom 14.8.1919.

Zurück zum Text  30. Ebd., Bl. 70, Strasosky an Senior Grimm 20.11.1919.

Zurück zum Text  31. Ebd., Bl. 73, Auszug aus dem Protokoll des Kirchenrats vom 22.1.1920.

Zurück zum Text  32. Ebd., Bl.74, Geistliches Ministerium an Kirchenrat 5.3.1920, und Bl. 80, Protokoll der 89. Sitzung der Synode der evangelisch-lutherischen Kirche im hamburgischen Staate vom 24.3.1920.

Zurück zum Text  33. Ebd., Bl. 81, Strasosky an Synode 10.11.1920, publiziert unter dem Titel: Im Kampf um die Volkskirche. In: Hamburgischer Correspondent Nr.552 vom 14.11.1920; ebd., Bl. 86, Auszug aus dem Protokoll des Kirchenvorstandes St. Pauli vom 23.11.1920; ebd., Bl. 94, Auszug aus dem Protokoll des Kirchenrats vom 16.12.1920.

Zurück zum Text  34. Amtlicher Anzeiger. Beiblatt zum Hamburgischen Gesetz- und Verordnungsblatt Nr. 120 vom 22. Mai 1921, S. 879-881. Zur Diskussion vgl. Protokoll der 92. Sitzung der Synode der evangelisch-lutherischen Kirche im hamburgischen Staate vom 10.11.1920. Hamburg 1920, S. 2-8. Strasosky protestierte in diesem Zusammenhang in einer Eingabe an die Synode vom 10. November 1920 gegen eine durch das Gesetz ermöglichte Mehrheitsentscheidung im Kirchenvorstand für die Absetzung eines Geistlichen (NEK, Personalakte Strasosky, Bl. 81, publiziert unter dem Titel: Im Kampf um die Volkskirche. In: Hamburgischer Correspondent Nr.552 vom 14.11.1920). In seinem Artikel: Staat und Stadt Hamburg. Das Irrlehregesetz. (In: Hamburgischer Correspondent Nr.145 vom 30.3.1921) wandte sich Strasosky noch einmal direkt vor der Verabschiedung des Gesetzes an die Öffentlichkeit.

Zurück zum Text  35. StA Hbg, 622-1 Familie Tügel, Nachlaß Franz Tügel, Tügel an Landesbischof Simon Schöffel (1880-1959) 15.3.1946, Bl. 5.

Zurück zum Text  36. Hamburgisches Gesetz- und Verordnungsblatt Nr.98 vom 31.5.1923; - Hamburger Anzeiger Nr.147 vom 27.6.1923 und Nr.154 vom 5.7.1923; - Kirchliches Ruhestandsgesetz vom 23.11.1923. Hbg. 1923. Franz Tügel schrieb in seinen Erinnerungen darüber: "Die sich in jener Zeit zu einem Lehrzuchtgesetz mühsam durchringende Hamburgische Landeskirche mit ihrer liberalen Tradition hat ein Verfahren gefunden, das trotz seiner Umständlichkeit geradezu vorbildlich sein dürfte, weil es den Finger auf die entscheidende Stelle legt: Ist von einem in der Lehre weit abweichenden Geistlichen noch eine fruchtbringende Wirkung zu erwarten? Man möchte sagen, hier habe jenes hohe Wort selbst Pate gestanden: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" [Matthäus 7, 16]. Aber es war vielleicht auch der praktische Sinn des Hanseaten, der zu dieser Lösung geführt hat, denn für ein Schiff, das keine Ladung an Bord nehmen kann, gibt er nichts. Vor allem aber gewährt das hamburgische Gesetz einem ehrlichen Manne die Möglichkeit, wenn er selbst die Leere seines Dienstes erkannt hat, sein Amt in Ehren niederzulegen, ohne daß er dadurch brotlos wird. Er braucht nicht um des schnöden Mammons willen ein Mietling zu sein. Auch das ist hanseatischer und lutherischer Geist zugleich" (Tügel, Weg [wie Anm.2], S. 162-163).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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