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Dr. Rainer Hering: "Sprache und Kultur des Judentums" im Nationalsozialismus.


Daneben beschäftigte er sich wissenschaftlich mit dem Judentum und dem Alten Testament, wobei er bald zum anerkannten Fachmann für das rabbinische und das mittelalterliche Judentum wurde. Er galt als einer der besten Kenner des talmudischen Schrifttums und wurde auch als Sachverständiger in entsprechenden juristischen Auseinandersetzungen herangezogen. Sein Arbeitsschwerpunkt lag auf philologischem Gebiete, bekannt waren vor allem seine textkritschen Ausgaben und Kommentierungen bzw. Übersetzungen verschiedener Mischna-Traktate. Dabei war er sehr vorsichtig mit Änderungen in den überlieferten Texten, was auch von jüdischer Seite anerkannt worden sei. Seine wissenschaftlichen Aufsätze behandelten neben philologischen ebenso islamologische Fragen, z.B. "Der erobernde Islam im Spiegel christlicher Zeitgenossen" (1928).(7)

Im Frühjahr 1919 äußerte Walter Windfuhr sich in einer Artikelserie im "Hamburgischen Gemeindeblatt" über die "heutige Judenfrage", wobei er die "Gefahr einer Ueberschwemmung von Osten her" konstatierte. Das Jahr 1919 stellte aufgrund der labilen und für sie nicht ungefährlichen Lage in Osteuropa die Hauptphase der Einwanderung von Ostjuden nach Deutschland dar, die sich vor allem in Berlin, den Industriegebieten an der Ruhr und in Mitteldeutschland niederließen. Windfuhr stellte in seinen an die kirchliche Öffentlichkeit gerichteten Ausführungen fest, daß "von den östlichen Juden her zur Zeit ein besonderer Einfluß auf die Geschike unseres Vaterlandes ausgeht", weil sich unter den führenden Revolutionären "zahlreiche jüdische Namen" finden würden. Wenngleich er sich von einem direkten Antisemitismus distanzierte und einigen Vorurteilen entgegentrat, so trug er doch dazu bei, andere Klischees weiterzuverbreiten: Den Juden fehle es an "Bodenständigkeit", sie seien mit "auffallenden Rassenmerkmalen" ausgestattet und wären in einigen Veröffentlichungen den Deutschen gegenüber überheblich. Auf diese Art wurde ebenfalls antisemitisches Gedankengut gefördert und die Akzeptanz von völkischen Ideologien erhöht.(8)

Im April 1924 erhielt Windfuhr den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Heidelberger Universität für seine Verdienste um die alttestamentliche und die nachbiblisch-hebräische Wissenschaft. Ab dem Sommersemster 1920 war er als Dozent für Altes Testament an den "Kursen für Kandidaten der Theologie und des Predigtamtes" beteiligt, die seit 1895 im Allgemeinen Vorlesungswesen in Hamburg im Auftrag der dortigen Landeskirche stattfanden; daneben bot er auch Übungen über das Judentum und die Hebräische Sprache an. 1926/27 hielt Windfuhr zwei Semester lang Vorlesungen am Institutum Judaicum an der Berliner Universität; eine geplante Berufung im folgenden Jahr auf eine außerordentliche Professur für semitische Sprachen zerschlug sich jedoch.(9) Im Juli 1928 erhielt Walter Windfuhr einen Lehrauftrag für "Nachbiblisches Hebräisch und Aramäisch" an der Hamburgischen Universität, nachdem er bereits seit 1925 am Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients Interpretationskollegs über talmudisches Schrifttum sowie neuere Poesie und Belletristik und im Wintersemester 1926/27 auch einen Lektürekurs über modernes Hebräisch abgehalten hatte. Im Wintersemester 1927/28 las er öffentlich über "Die Juden als Kulturvermittler im Mittelalter".(10) Bereits ein Jahr später, am 10. Juli 1929, wurde er zum Honorarprofessor an der Philosophischen Fakultät ernannt.(11) Diese Entscheidung stand in Zusammenhang mit dem schwebenden Berliner Ruf, den Arthur Schaade für einen "unersetzlichen Verlust" für Hamburg hielt.(12) Seit dem Sommersemester 1932 nahm Windfuhr seinen Lehrauftrag - in der Regel bot er zwei zweistündige Lehrveranstaltungen an, die zumeist jeweils nicht mehr als fünf Teilnehmer hatten - ohne Honorar wahr.(13)

1933 geriet Walter Windfuhr, Mitglied der DNVP, durch den Einfluß des Nationalsozialismus auf die Kirche in einen inneren Konflikt: Am 30.8.1933 bat er in einem Brief an den Hamburger Landesbischof Simon Schöffel (1880-1959) um die Versetzung in den Ruhestand: 1918 habe er die Lösung der Verbindung von Thron und Altar als "Geschenk" betrachtet, doch 1933 finde sich die Kirche "hineingezwungen in die erstickende Umklammerung einer einzelnen politischen Partei. (...) Es bleibt dabei, dass ich an die Tragfähigkeit einer einzelnen Partei als Fundament unserer religiösen Volksgemeinschaft beim besten Willen nicht zu glauben vermag. Ich sehe vielmehr in solcher Verkettung eine ganz unheilvolle Gefahrenquelle für die Zukunftszeit der Kirche. Damit aber verliert meine Arbeit in der Kirche Boden, Ziel und Zuversicht."(14) Drei Monate später, im November 1933, soll er - so die Denunziation durch einen nationalsozialistischen Hörer - nach einer Kandidatenvorlesung die Reichskirchenregierung, insbesondere Bischof Joachim Hossenfelder (1899-1976), und die Pressezensur kritisiert sowie die Verbindung von Politik und Religion parodiert haben: "Ich glaube an Adolf Hitler, eine heilige, allgemeine völkische Nation, die Gemeinde der Arier".(15) In einem Artikel über "Reichsbischof und Judentum", der am 30.11.1933 in Nummer 48 des Israelitischen Familienblattes erschienen war, widerlegte er antisemitische Äußerungen des deutsch-christlichen Reichsbischofs Ludwig Müller (1883-1945), die dieser auf der Lutherwoche in Eisenach von sich gegeben hatte. Der Hamburger Landesbischof Schöffel verlangte die Zurückziehung dieses Beitrages, doch er war bereits erschienen. (16)

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Zurück zum Text  7. StA HH, 361-6 Hochschulwesen Dozenten- und Personalakten (HW-DPA) IV 1512, bes. Bl. 14 a-c, Dekan der Philosophischen Fakultät (Phil Fak) Justus Hashagen an die Hochschulbehörde Juni 1928.

Zurück zum Text  8. (Walter) Windfuhr: Zur heutigen Judenfrage. In: Hamburgisches Gemeindeblatt 11.Jg. Nr.31 vom 4.5.1919, 122f, die Zitate 122, Nr.33 vom 18.5.1919, 132, Nr.34 vom 25.5.1919, 135f. Vgl. Trude Maurer: Ostjuden in Deutschland 1918-1933 (Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden, 12). Hamburg 1986, bes. 66f; Heiko Haumann: Geschichte der Ostjuden. München 2.Aufl. 1990, 164-172.

Zurück zum Text  9. KiA HH, Kirchenrat, B IX c.5 No.86, Bl. 35-39.

Zurück zum Text  10. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512, Bl. 1b.

Zurück zum Text  11. Ebd., Bl. 14d, Auszug aus dem Protokoll des Senats vom 10.7.1929; vgl. Hamburger Nachrichten Nr. 332 vom 19.7.1929 und Hamburger Fremdenblatt Nr. 199 (Abendausgabe) vom 20.7.1929 und Nr. 231 vom 20.8.1932.

Zurück zum Text  12. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512, Bl. 9, Schaade an die Hochschulbehörde 14.6.1928. Im Dezember 1929 wurde Windfuhr als Gutachter für die Habilitation von Salomo Birnbaum von der Philosophischen Fakultät eingesetzt, der in Hamburg seit 1922 im Rahmen des Allgemeinen Vorlesungswesen einen Lehrauftrag für Jiddisch hatte und dessen Lehrveranstaltungen auch seit 1924 von Windfuhr besucht worden waren. Windfuhrs Gutachten führte dazu, daß Birnbaum sein Habilitationsgesuch zurückzog; die Motive für diese überwiegend negative Beurteilung einer Arbeit, die nicht in sein Fachgebiet fiel, sind nicht zu ermitteln, vgl. dazu Freimark: Juden (wie Anm. 2), 130-133.

Zurück zum Text  13. Angaben über die Hörerzahlen für verschiedene Semester finden sich in StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512. Im Sommersemester 1935 kamen seine Lehrveranstaltungen mangels Teilnehmer überhaupt nicht zustande.

Zurück zum Text  14. KiA HH, Kirchenrat, B IX c.5 No.86, Windfuhr an Schöffel 30.8.1933. Windfuhr arbeitete seit 27 Jahren in einer überwiegend sozialdemokratischen Gemeinde, gehörte selbst der DNVP seit ihrer Gründung an.

Zurück zum Text  15. Ebd., Bl. 65ff, bes. 74a und Windfuhr an Schöffel 28.11.1933.

Zurück zum Text  16. Ebd., Bl. 73ff, bes. Schöffel an Windfuhr 30.11.1933.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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