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Dr. Rainer Hering: "Sprache und Kultur des Judentums" im Nationalsozialismus.


Windfuhrs Verhältnis zum Nationalsozialismus wird ebenfalls sehr deutlich in einem Brief, den er am 1. September 1933 an einen Freund geschrieben hatte: "Im und am Nationalsozialismus hat das evangelische Kirchentum Pleite gemacht; daran helfen die verschiedenen Morphiumspritzen in Gestalt von Lutherfeiern etc., die eine neue Lebensblüte vortäuschen sollen, nicht das Geringste. In dem Augenblick, als die SA durch das Turmportal einzog, um die Kirche zu ¨erobern¨, floh Gott hinten aus der Sakristeitür. Nun hat er sich in die Synagoge zurückgezogen als in die einzige gottesdienstliche Stätte, wo das Hakenkreuz nicht regiert."(17) Für einen deutschnationalen evangelischen Theologen waren diese Aussagen gerade in der Anfangszeit des "Dritten Reiches", wo auch in kirchlichen Kreisen die Euphorie gegenüber dem Nationalsozialismus noch sehr groß war, außerordentlich bemerkenswert.

Windfuhr wurde, nachdem er seit dem 1.10.1933 beurlaubt worden war, zum 1.1.1934 als Pastor in den Ruhestand versetzt.(18) Er führte seine Veranstaltungen an der Universität jedoch fort; im April 1935 wurde sein Lehrauftrag erweitert auf "Sprache und Kultur des Judentums".(19) Dieser Bereich schien jedoch bereits sechs Monate später suspekt zu sein: Die Landesunterrichtsbehörde forderte - möglicherweise aufgrund einer Anfrage der NSDAP - den Rektor der Universität, den Historiker (Gustav) Adolf Rein (1885-1979), auf, sich über die Lehrtätigkeit von Walter Windfuhr zu äußern. In seiner Antwort stellte Rein fest, daß dessen Veranstaltungen jeweils von zwei bis vier Hörern besucht worden seien, worunter sich - so folgerte er aufgrund der Namenslisten - bis zur Machtübernahme "eine große Anzahl Juden befanden". Seit 1933 haben nur noch eine Jüdin, die sich auf den Bibliotheksdienst vorbereite - es handelt sich um Hedwig Klein (20) - und zwei Ausländer, "die anscheinend Juden sind", bei Windfuhr gehört; die übrigen Studenten seien Nichtjuden, bei denen ein Fachinteresse anzunehmen sei. Grundsätzlich hob Rein hervor, daß die Beschäftigung mit der Kultur des Vorderen Orients zu den besonderen Aufgaben der Hamburger Universität gehöre(21); ohne die Behandlung des Judentums sei diese Arbeit unvollständig. Dadurch daß diese Veranstaltungen durch einen Honorarprofessor gehalten werden, spare man zudem die Kosten für einen festangestellten Dozenten oder einen Lehrbeauftragten. "Schon aus diesem Grunde, aber auch deswegen, weil es nur wenige Fachleute auf diesem Gebiet gibt, wird es schwer sein, einen geeigneten Ersatz für D. Windfuhr zu finden. Meine Erkundigungen bei der Landeskirche haben ergeben, daß diese keine geeignete Persönlichkeit nachweisen kann (...)". Beschwerden über Windfuhr habe es weder in der Universität noch von der Landeskirche gegeben. Zum Schluß seines zweiseitigen Schreibens bemerkte Rein grundsätzlich, daß "eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums an einer deutschen Universität eine wichtige Aufgabe im Sinne des Nationalsozialismus ist".(22) Damit wurde die Lehrtätigkeit von Walter Windfuhr nicht weiter infrage gestellt, da sich der Senator der Verwaltung für Kulturangelegenheiten, Wilhelm von Allwörden (1892-1955), gegenüber dem Staatsrat und späteren Senator Dr. Hellmuth Becker (geb.1902) als Verbindungsreferenten gegen einen Entzug der Lehrbefugnis aussprach, weil kein "besserer Ersatz" vorgeschlagen werden könne, und die NSDAP daraufhin die Angelegenheit nicht weiter verfolgen wollte.(23) Während die Juden immer weiter und immer brutaler aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurden, war eine wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen durch einige wenige nichtjüdische Judaisten doch gewünscht.

Auf ein Glückwunschschreiben des Rektors zu seinem 60. Geburtstag, in dem dieser ihm Verdienste für die deutsche Wissenschaft bescheinigte, antwortete Windfuhr im Mai 1938, daß der von ihm " (...) so geliebten Lehrtätigkeit unter den heutigen Verhältnissen so enge Grenzen gezogen sind. War schon ein rechter Orientalist immer ein verhältnismäßig einsamer Mensch, so wird ein Vertreter der Wissenschaft vom Judentum in Deutschland auf die Dauer ohne die Seelenkräfte eines Eremiten kaum auskommen, die keineswegs einem Wahn geopfert werden."(24)

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Zurück zum Text  17. Archiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt, 44/126; zitiert nach Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd.1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934. Frankfurt/M-Berlin-Wien 1977, 664f.

Zurück zum Text  18. Der ganze Vorgang befindet sich in: KiA HH, Kirchenrat, B IX c.5 No.86.

Zurück zum Text  19. StA HH, 364-13 Fakultäten/Fachbereiche der Universität, Protokoll der Sitzung der Philosophischen Fakultät vom 27.4.1935.

Zurück zum Text  20. Über sie vgl. den Beitrag von Peter Freimark: Promotion Hedwig Klein - zugleich ein Beitrag zum Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients. In: Krause u.a. (Hg): Hochschulalltag im Dritten Reich (wie Anm. 2), 851-864.

Zurück zum Text  21. Bereits seit 1908 gab es als Professur des Allgemeinen Vorlesungswesens einen Lehrstuhl für dieses Fachgebiet, der zuerst mit dem späteren Preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker (1876-1933) besetzt war, über ihn vgl. Guido Müller: Weltpolitische Bildung und akademische Reform. Carl Heinrich Beckers Wissenschafts- und Hochschulpolitik 1908-1930 (Beiträge zur Geschichte der Kulturpolitik, 2). Köln-Wien 1991, bes. 60-103.

Zurück zum Text  22. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512, Landesunterrichtsbehörde - Hochschulwesen - an den Rektor am 9.10.1935; das Antwortschreiben Reins datiert vom 27.11.1935. Rein suggerierte mit dem folgenden Nachsatz, daß diese Arbeit sich voll nur durch einen überzeugten Nationalsozialisten verwirklichen lasse, daß Windfuhr dieses Kriterium erfülle. Wie bereits oben gezeigt wurde, traf das jedoch nicht zu; Windfuhr war nicht der NSDAP oder einer Gliederung beigetreten (s.u.). Vermutlich sollte damit der Lehrauftrag gesichert werden.

Zurück zum Text  23. Ebd., Bl. 66, Wilhelm von Allwörden an Hellmuth Becker 11.12.1935 sowie Vermerk von Oberregierungsrat Dr. Fritz Claussen von der Verwaltung für Kulturangelegenheiten-Hochschulwesen vom 23.12.1935 über die Reaktion des Verbindungsreferenten; ebd., Bl. 6 des zweiten Teils der Personalakte, Vermerk der Universität (Syndikus Dr. Horst Müller) über ein Gespräch mit Claussen vom 7.1.1936.

Zurück zum Text  24. Ebd., Bl. 8, Rektor Rein an Windfuhr 4.5.1938, und Bl. 9, Windfuhr an Rein 10.5.1938.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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