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Dr. Rainer Hering: "Sprache und Kultur des Judentums" im Nationalsozialismus.


Ein weiterer Versuch, die Vorlesungen und Übungen über das Judentum von Windfuhr einzustellen, wurde 1940 von Seiten der Partei unternommen: Im Juni beklagte Georg Anschütz (1886-1953)(25), Gaudozentenschaftsführer der NSDAP, in einem Schreiben an den Rektor der Universität, den Sinologen Wilhelm Gundert (1880-1971), die Abhaltung von Veranstaltungen auf dem Gebiet des Judentums - mit Rücksicht auf die politische Entwicklung sei deren Zweckmäßigkeit sehr fraglich. Der Dekan der Philosophischen Fakultät, der Sinologe und Nationalsozialist Fritz Jäger (1886-1957), betonte auf Anfrage des Rektors in diesem Zusammenhang, daß es "bei aller Ablehnung des Judentums" Leute geben müsse, die mit der Sprache und Kultur dieses Volkes vertraut seien. "Auch in der Zeit, wo Deutschland gegenüber dem kommunistischen Russland eine völlig negative Stellung einnahm, wurde Russisch an den deutschen Hochschulen gelehrt (...)." Bedenken habe er jedoch aufgrund der Person Windfuhrs, der "(...) wegen seiner Einstellung zum neuen Deutschland (W. ist nicht einmal Mitglied der NSV) für die Behörde kaum tragbar sei (...)". Die Philosophische Fakultät habe daher - so ihr Dekan - keine Bedenken gegen das Ausscheiden ihres Honorarprofessors.(26) Der Professor für Öffentliches Recht und Referent für das Hochschulwesen, Hans Peter Ipsen (geb. 1907), führte in diesem Zusammenhang auf Anregung des Rektors ein Gespräch mit Windfuhr, das eine Reduzierung seines Lehrauftrages ausschließlich auf die "Sprache des Judentums" zum Ergebnis hatte. Dabei handelte es sich offensichtlich um einen Kompromiß, damit Windfuhr weiter an der Universität lehren konnte. Da sich der Dekan der Philosophischen Fakultät gegen Windfuhr gestellt hatte, war diese Regelung vermutlich Wilhelm Gundert zu verdanken.(27) Ein Jahr später, im November 1941, sah Windfuhr sich aus finanziellen Gründen gezwungen, sich von seinem Lehrauftrag befreien zu lassen, weil er eine ganztägige Tätigkeit aufnehmen müsse. (28) Damit enden die judaistischen Lehrveranstaltungen an der Hamburger Universität im "Dritten Reich" mit dem Sommersemester 1941. Im folgenden Jahr mußte aufgrund eines nicht veröffentlichten Erlasses des Reichsministers des Inneren die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ihre Lehrtätigkeit einstellen: Ab dem 1.Juli 1942 war jegliche Beschulung jüdischer Schüler untersagt.(29)

Windfuhr lebte von 1943 bis 1950 in Zella-Mehlis, Thüringen; nach seiner Rückkehr nahm er im Wintersemester 1950/51 seine Lehrtätigkeit an der Universität Hamburg wieder auf. Wieder bot er vor allem Einführungen und Interpretationskurse zur Rabbinischen Literatur sowie zu neuhebräischen Texten an.(30) Darüber hinaus bot er an der Kirchlichen Hochschule Hamburg vom Wintersemester 1951/52 bis zum Wintersemester 1952/53 eine "Arbeitsgemeinschaft über rabbinisches Schrifttum" an, die sich zweistündig mit der Lektüre ausgewählter rabbinischer Texte auseinandersetzte.(31) Erst im Jahr 1958 bat er, im Personalteil des Vorlesungsverzeichnisses den Zusatz "liest nicht mehr" einzufügen. Daneben war er jedoch weiter wissenschaftlich tätig und unterstützte den Lehrbeauftragten der Theologischen Fakultät für das Gebiet des Judentums, den Lübecker Pastor Enno Janssen (geb. 1929), bei der Einarbeitung in diesen Bereich. Am 22. Mai 1970 starb der Pastor und Professor D. Walter Windfuhr im 93. Lebensjahr in Hamburg. Der Präsident der Universität Hamburg, Dr. Peter Fischer-Appelt (geb. 1932), schrieb an die Hinterbliebenen: "Wir alle haben den Verstorbenen als einen nach seinen wissenschaftlichen Leistungen und menschlichen Eigenschaften gleich verehrungswürdigen und liebenswerten Gelehrten kennengelernt."(32)

Walter Windfuhr kommt für die Judaistik in Deutschland große Bedeutung zu: Als evangelischer Theologe hat er sich über die Verbindung des Alten Testamentes intensiv in Forschung und Lehre mit dem Judentum beschäftigt, dabei nach dem Ende des Ersten Weltkrieges noch antijudaistische Auffassungen vertreten. Dennoch gelangte der deutschnationale Pastor im "Dritten Reich" zu einer klaren Position gegenüber dem Nationalsozialismus, ja auch gegenüber der lutherischen Landeskirche Hamburgs. Unabhängig vom Antisemitismus des "Dritten Reiches" setzte er seine judaistische Arbeit fort und unterrichtete auch gegen Widerstände an der Universität die verbliebenen Interessierten. Damit zeigte Walter Windfuhr deutlich Profil, was keineswegs selbstverständlich war und ihn daher auch menschlich besonders auszeichnet.

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Zurück zum Text  25. Der Altphilologe Bruno Snell (1896-1986) charakterisierte im Oktober 1945 Anschütz als den "eifriste(n) Vertreter eines unheilvollen nationalsozialistischen Einflusses in der [Philosophischen] Fakultät (...)" (StA HH, HW-DPA IV 1367, Bl. 148).

Zurück zum Text  26. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512, Bl.13, Anschütz an Gundert 6.6.1940, und Bl. 14, Jäger an Gundert 11.6.1940.

Zurück zum Text  27. Ebd., Bl.74, Vermerk von Ipsen am 4.7.1940.

Zurück zum Text  28. StA HH, 364-13 Fakultäten/Fachbereiche der Universität, Protokoll der Fakultätssitzung vom 11.11.1941. In seiner Begründung vom 6.10.1941 schrieb Windfuhr u.a.: "Da ich nun zur Zeit das 63. Lebensjahr fast vollendet habe und der Krieg voraussichtlich noch eine gute Weile fortdauern wird, so dürfte bei seiner Beendigung die Altersgrenze von 65 Jahren wohl erreicht sein." (Ebd., 361-6 HW-DPA IV 1512 , Windfuhr an die Geschäftsstelle der Universität).

Zurück zum Text  29. Strauss (wie Anm.1), 36; Braun (wie Anm. 1).

Zurück zum Text  30. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512, Vermerk der Oberschulbehörde vom 18.11.1958; Hamburger Abendblatt vom 7.5.1953.

Zurück zum Text  31. Rainer Hering: Theologie im Spannungsfeld von Kirche und Staat. Die Entstehung der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Hamburg 1895 bis 1955 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 12). Berlin-Hamburg 1992, 231. Die Kirchliche Hochschule Hamburg bestand von 1948 bis 1954 und stellte einen Vorläufer der im Wintersemester 1954/55 eröffneten Theologischen Fakultät dar.

Zurück zum Text  32. StA HH, 361-6 HW-DPA IV 1512; dort insbesondere die Worte des Dekans der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Bernhard Lohse (geb. 1928), zum 90. Geburtstag von Windfuhr und das Schreiben von Dr. Peter Fischer-Appelt vom 26.5.1970.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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