fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


1 Von der Überlieferung in den artes liberales zur Anwendung in Fächern im 20. Jahrhundert

1.1 Begriffe der Kritik in Dokumenten zur Rhetorik

1.1.1 Die Begriffe Urteil (iudicium) und Kritik (critica) in der Antike und Aufklärung

Begriffe der Kritik sind in den Unterrichtsmethoden der Redekunst im Rom der Antike zu finden. Auch die Aufgaben von Kritik für den Redner dokumentiert Marcus Fabius Quintilian. Dieses Zusammenwirken von Kritik (critica) und einer Disziplin der freien Künsten der Antike in Rom, das die Schriften des aus Spanien stammenden Rhetorikers veranschaulichen, wird in seiner Beschreibung der Rhetorikausbildung überliefert. Quintilians Schrift Institutio oratoria dokumentiert den Beitrag der Rhetorik mit Anweisungen zur Kritik für den Schüler als einen Teil des in der römischen Antike entwickelten Bildungsmodells. Allgemeine Kenntnisse von Bestandteilen des Bildungssystems wie dem trivium als Bildungseinheit aus den Disziplinen Grammatik, Rhetorik und Dialektik und dem quadrivium mit den Fächern Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie werden in der Institutio oratoria für die Ausbildung zum Redner eingefordert. Die Aufgaben der Kritik (critica) als Analyse von Literatur sind zu Zeiten Quintilians mit dem Ziel der Ausbildung zum Philologen verbunden. Diesen Bereich der artes liberales zur Bewertung von Schriften kennzeichnen die Aufgaben des Philologen in Erläuterungen Quintilians über didaktische Vorgehensweisen. In Quintilians Hauptlehrschrift ist der Begriff criticus belegt: "Criticus grammatice - tenuis a fonte, assumtis historicorum criticorumque viribus, pleno jam satis alveo fluit", vermerkt Quintilian im zweiten Buch über die Wirkung der Kräfte von Historikern und Kritikern. (1)

Der Rhetoriklehrer überliefert die griechischen Begriffe kapparhoiotatauiotakappaeta für den beurteilenden Teil (pars iudicandi) und tauomicronpiiotakappaeta als auffindenden Teil (pars inveniendi) der Rede. (2) In der Rhetorik der Epoche der Aufklärung ist Kritik nach dem Vorbild Quintilians nicht nur als eine Anweisung zum richtigen Schreiben (recte scribendi) zu verstehen. Neben Quintilians Aufforderung an den zukünftigen Redner, Philologen und Literaturkritiker, richtig zu schreiben und die Fähigkeit, richtig zu sprechen, zu erlangen, sind seine Anweisungen zur philologischen Kritik Bestandteile der Lehre. Auch auf eine praktische Kritik an zeitgenössischen und alten literarischen Werken durch eine Ausbildung des Urteils (iudiciums) und des Urteilsvermögens des zukünftigen Redners wirken Quintilians Hinweise in der Institutio oratoria hin. Das Urteil (iudicium) ist Teil eines Instrumentariums für die Methoden der Urteilsbildung von demjenigen, der beurteilt. Quintilians Bezeichnungen für diese Methoden bezeugen die Ausrichtung seiner Lehrschrift auf Unterrichtung in der praktischen Anwendbarkeit von Erläuterungen und Belehrungen im richtigen Sprechen des Schülers. Bei Quintilian befindet sich so ein Begriff des Urteils, der sich sowohl auf die Angemessenheit des Urteils der Auszubildenden als auch auf allgemeine Kriterien der Eignung von Literatur bezieht, in einer Textstelle des 10. Buchs mit dem Hinweis an Lehrende, nicht nur mit dem Urteil[-svermögen], cum iudicio, den Wortschatz bei der Ausbildung zum Redner zu behandeln. Mit einem Abriß von Schrifttiteln, die als Lehrbücher dem zukünftigen Redner nützlich sind, gibt Quintilian ein Beispiel für die zeitgenössische Gestaltung des Unterrichts. (3) Neben Ermahnungen, zwischen dem richtigen und falschen Urteil zu unterscheiden, wird von ihm das Thema erörtert, von welchen Autoren Musterschriften für die Ausbildung empfehlenswert sind. (4) Dabei unterzieht auch Quintilian Werke der Dichtung, Geschichtsschreibung und Philosophie aus römischer und griechischer Antike einer prüfenden Bewertung. Er beruft sich bei seiner Beurteilung auf Aristarchus und Aristophanes als Richter und Autoritäten für die Beurteilung von Dichtung (poetarum iudices), deren Urteile über Dichtungen mit Hinweisen auf den Stil verbunden waren. (5) Quintilian führt aus dem Verfahren der juristischen Beurteilung (iudicatio) für das, was in einem Rechtsfall beurteilt wird, den Ausdruck ´Das, was unterschieden wird´ (kapparhoiotanuómuepsilonnuomicronnu) an. (6) Beim Durchmustern (percensere) von Künsten wie der Dichtung und bildenden Kunst gibt es für ihn stete Veränderungen durch Nachahmung (imitatio): "Ac si omnia percenseas, nulla mansit ars, qualis inventa est, nec intra initium stetit: nisi forte nostra potissimum tempora damnamus huius infelicitatis, ut nunc demum nihil crescat: nihil autem crescit sola imitatione." (7)

Jedoch gibt es Quintilian zufolge auch Unterschiede zwischen den Künsten. Bildende Kunst und Dichtkunst zeichnen sich gegenüber der Redekunst dahingehend aus, daß sie ein Grenze haben, für die er den Begriff finis verwendet: "Et pictor, cum vi artis suae efficit ut quaedam eminere in opere, quaedam recessisse credamus, ipse ea plana esse non nescit. Aiunt etiam omnes artes habere finem aliquem propositum ad quem tendant: hunc modo nullum esse in rhetorice, modo non praestari eum qui promittatur." (8) Nach dem Kommentar von Johann Matthias Gesner zu seiner Edition der Institutio oratoria ist der Begriff Urteil (iudicium) bei Quintilian in das sorgfältigere und festere Urteil (iudicium acrius, iudicium firmius) (9), das Urteil des Wahnsinns (iudicium dementiae) (10), das verborgene Urteil (iudicium latens) (11) und das freie Urteil (iudicium liberale) untergliedert. (12) Ferner unterscheidet Quintilian in öffentliche und private Urteile (iudicia privata und iudicia publica). (13) Die Bezeichnung ´kritische Richter einzelner Sachen´ (critici iudices singularum rerum) ist hier überliefert. Ennius wird von ihm als ein zweiter Homer (alter Homer) nach der Rede der Kritiker (ut critici dicunt) bezeichnet. Bei der Gegenüberstellung von Philosophen und Kritikern (philosophis criticisque), mit denen er Gemeinsamkeiten hat (videntur esse communia) werden mit der Bezeichnung kritische Kunst (ars critica) bei Quintilian als lateinische Begriffe überliefert. (14)

Für die Kritiker und Künstler und ihr Publikum in der republica litteraria hat in diesem Jahrhundert der Aufklärung die Rhetorik ihren Platz innerhalb der Künste, die an Akademien ausgeübt werden. Eine der Funktionen der Beredsamkeit ist ihre Anwendung auf literarische Gattungen bei der Bearbeitung von Texten durch die Verfahren der Kritik. Die Schriften in der Werksammlung Opuscula academica Christian Gottlob Heynes setzen sich aus den Vorspielen (Prolusiones) in Form von Schriften zu einzelnen Themen der Wissenschaft und deren Zensuren (censurae) zusammen. Anläßlich einer Besprechung der Antrittsrede des Göttinger Professors für Beredsamkeit und Poetik mit dem Titel De verum bonarum artium litterarumque incrementis ex libertate publica wird im Jahre 1763 in der Zeitschrift Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste das Ideal des ethisch und sinnlich rechtmäßig beurteilenden Kunstrichters angeführt: "Es ist leicht zu begreifen, daß dieser sittliche Charakter auch für den Schriftsteller, für den Kunstrichter, für den Leser oder Beurtheiler nicht umsonst seyn koenne. Die Erfahrung hat es seit Jahrhunderten bestaetigt, und ihr stimmen die groeßten Kunstrichter bey." (15) Mit dem Verweis auf Pseudo-Longins Schrift Vom Erhabenen, nach der sich Seelengröße einer Person in ihrem Werk spiegelt, Ciceros Schrift De Oratore und Quintilians Instititio Oratoria erläutert der Verfasser dieses Artikels nach den Ausführungen in Heynes Rede das Ideal des Beurteilens durch das rechte Schreiben (recte scribendi): "Welcher Ausspruch ist gemeiner als dieser? Recte scribendi sapere est et principium et fons. Und Quintilian thut den bekannten Ausspruch: Pectus est, quod disertos facit." (16)

Zurück zum Text  1. Quintilian, Marcus Fabius: Instititio oratoria. Ausbildung des Redners. Herausge-geben und übersetzt von Helmut Rahn. Darmstadt 1972 u. 1975. Hier Bd. 1. 1972. 2, 1, 4. S. 162.

Vgl. auch: Bonell, Eduard: Lexicon Quintilianeum. Leipzig 1834. S. 190.

Zurück zum Text  2. Quintilian: Institutio oratoria. 1972. Bd. 1. 5, 14, 28. S. 662.

Zurück zum Text  3. Quintilian: Institutio oratoria. 1975. Bd. 2. 10, 1, 8. S. 434.

Zurück zum Text  4. Quintilian: Institutio oratoria. 1975. Bd. 2. 10, 1, 18/19. S. 438 und Bd. 2. 10, 1, 37/40. S. 444-446.

Zurück zum Text  5. Quintilian: Institutio oratoria. 1975. Bd. 2. 10, 1, 54. S. 452.

Zurück zum Text  6. Quintilian: Institutio oratoria. 1972. Bd. 1. 3, 11, 4. S. 392.

Zurück zum Text  7. Quintilian: Institutio oratoria. 1975. Bd. 2. 10, 2, 8. S. 488.

Zurück zum Text  8. Quintilian: Institutio oratoria. 1972. Bd. 1. 2, 17, 21. S. 254-256.

Zurück zum Text  9. Quintilian: Institutio oratoria. 1975. Bd. 2. 12, 10, 76. S. 786 und 1972. Bd. 1. 1, 8, 5. S. 118.

Zurück zum Text  10. Quintilian: Instititio oratoria. 1972. Bd. 1. 7, 4, 29. S. 86.

Zurück zum Text  11. Quintilian: Instititio oratoria. 1972. Bd. 1. 6, 3, 19. S. 720.

Zurück zum Text  12. Quintilian: Instititio oratoria. 1972. Bd. 1. 6, 3, 32. S. 726.

Zurück zum Text  13. Quintilian: Instititio oratoria. 1972. Bd. 1. 3, 10. S. 388; 4, 2, 61. S. 460; 6, 4, 7; S. 762. Bd. 2. 1975. 11, 3, 156. S. 666.

Quintilian: Institutio oratoria. 3, 10, 1; 6, 4, 7; 11, 1, 43. Hier zitiert nach der Aus-gabe: Quintilian, Marcus Fabius: De institutione oratoria libri duodecim collatione codicis Gothani et iensoniae editionis aliorumque librorum ac perpeto commentario illustrati a Io. Matthia Gesnero accedit praefatio et indices copiosissimi. Göttingen 1738. Vgl. auch Bd. 1. 1972. S. 388. Bd. 1. 1972. S. 762. Bd. 1. 1972. S. 562.

Zurück zum Text  14. Vgl.: Thesaurus linguae latinae. Editus auctoritate et consilio academiarum quin-que Germanicarum Berolingensis Gottingensis Lipsiensis Monacendis Vindobo-nensis. Volumen IV. Con-Cylus. Leipzig 1906-1909. S. 1210-1211.

Zurück zum Text  15. Anonymus: Vermischte Nachrichten. In: Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste. Bd. 10. 1763. 1. St. S. 150.

Zurück zum Text  16. Anonymus: Vermischte Nachrichten. 1963. S. 152.

 

Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor  Textsonderzeichen-Version


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de