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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Der Kommentar (commentatio) ist in der Aufklärung eine Form der angewandten Kritik in Form einer Abhandlung. Die Klassen der Commentationes von Mitgliedern der Göttinger Sozietät der Wissenschaften vermitteln einen Eindruck über die thematische Aufteilung ihrer Schriften in den historischen Kommentar (commentatio historica), philologischen Kommentar (commentatio philologica), physikalischen Kommentar (commentatio physica) und mathematischen Kommentar (commentatio mathematica), die seit dem Jahre 1811 in die entsprechenden Klassen (classes) der Physik, Mathematik, Historik, der alten Schriften und Künste unterteilt werden. Für ihre Klassifizierung werden die Begriffe commentationes classis physicae, commentationes classis mathematicae, commentationes classis historicae, commentationes classis litterarum antiquarum et artium in Göttingen genutzt. Elogien (elogia) sind an diese Commentationes angefügt. Heyne bemerkt zur Gattung (genus) des Kommentars in seiner Anmerkung zum Index der Commentationes aus dem Jahre 1778 über das Rezensieren (recensere): "Quod commentationis genus si vobis non omni fructu carere videbitur, aliarum deinceps ex antiquitate civitatum, Magnae saltem Graeciae ac Siciliae, instituta et leges, quarum quidem memoria ad nos peruenit, pari cura et ratione recensebimus." (44) Im Vorwort zu seiner Edition von Herders gesammelten Werken klagt er über die Mangelhaftigkeit von ´Commentarien´. (45) Den Zeitgenossen blieb Heynes Leistung als Kommentator antiker Schriften nicht unbemerkt. Ein Nachruf der Allgemeinen Zeitung hält fest, daß Heynes philologischer Kommentar sich als ein commentarius perpetuus von der "nur einzelne Stellen desultorisch aufhellenden Interpretation" unterscheidet. (46)

Die Darstellungen eines Buches in den Formen Rezension und Kritik sind hinsichtlich ihrer Behandlung des Gegenstandes als ihren Stoff konzeptionell miteinander verwandt. Bei beiden Vertretern der Beurteilung wird die Rezeption eines Werkes in Form eines Urteils angestrebt. Seine eigenen Rezensionen in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen, die Heyne seit dem Jahre 1770 leitet, erstrecken sich auf nahezu alle Gebiete der damaligen Wissenschaften. Zu den besprochenen Schriften von Rhetorikern zählt die Briefsammlung Epistolae ad familiares Ciceros und Johann Ernestis Werksammlung Opuscula. (47) Heyne war im Besitz von Heinrich Homes Abhandlung Die Grundsätze der Critik, die er auch in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen rezensierte, Gottlob Samuel Nicolais Schrift Versuch einer allgemeinen Critik der Beispiele aus dem Jahre 1752 und Johann Christoph Gottscheds Werk Critische Dichtkunst für die Deutschen in der Leipziger Ausgabe aus dem Jahre 1730. (48) Der Theologe Herder bemerkt jedoch bei einer Unterscheidung zwischen den Begriffen Auslegung und Critik zu Heynes Textbearbeitung in der Ausgabe von Gedichten Pindars aus dem Jahre 1773: "Abseiten der Critik also, ist hier fast alles geleistet, was geleistet werden konnte. [...] In Absicht dessen, was eigentlich Ausslegung heißt, war nichts versprochen, und gleichwohl ist viel dabey gethan worden. Fast überall ist die Dürre der Critik durch angenehme exegetische Erläuterungen unterbrochen." (49)

Es sind in Heynes Werken Anmerkungen zu anderen Autoren, Begriffe und Erörterungen über ihre Methoden und die Geschichte der Kritik zu finden. Zahlreiche der formalen Bezeichnung von kritischen Schriften, die zur Zeit seiner Arbeit veröffentlicht werden, bespricht Heyne in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen. So die Schriftenreihe Museum criticum, das von Ferdinand Stosch in Lemgo im Jahre 1775 über die alten Autoren (auctores veteres) herausgegeben wird. (50) In seiner Rezension zur Pierre C. Levesques Schrift Histoire critique de la République Romaine aus dem Jahre 1807 untersucht er, ob seine Sittenkritik (Critique morale) für eine kritische Geschichte (histoire critique) als methodische Herangehensweise der Wissenschaft mit einer Critik der Handlungen geeignet ist: "Zu dem Ende macht er haeufigen Gebrauch von der Critique morale, wie er sie nennt, d.i. Beyfuegung der Urtheile des Schriftstellers ueber den moralischen Charakter des Menschen und ihrer Handlungen. Den Gesichtspunkt gibt er, bereits auf dem Titellblatte, folgender Maßen an: Ouvrage, dans lequel on s´est proposé de detruire des Préjugés invetéres sur l´histoire des premiers Siècles de la Republique, sur la morale des Romains, leurs vertus, leur politique extérieure, leur institution et le caractère de leurs hommes célebres. Dieß dient auch, das Beywort auf dem Titel, histoire critique, zu rechtfertigen; wiewohl jede gruendlich geschriebene Geschichte, die aus andern, zumahl alten, verschiedenen, Quellen mir mit eigener Beurtheilung geschoepft ist, eine critische Geschichte seyn muß. Eine andere Art von Critik ist, wenn man die Handlungen selbst, ihre Moralitaet, Motive, Werth, beurtheilet: hier treten wir dem Herrn L. gern bey, z.B. ueber Coriolan´s und andrer Patricier und Edeln fuehllose Haerte, Adels-Uebermuth, Unterdrueckung u. Bevortheilung der Plebejer, Herrschsucht, Fractionsgeist und Untergrabung des Gemeinwohls." (51) In den Rezensionen versteht Heyne es, auch die mit ihren Begriffen dargestellten Konzeptionen von zeitgenössischen Kritiker wie Levesque auf ihren Nutzen hin zu überprüfen.

Heynes Schriften weisen ihn als einen Gelehrten aus, der mit Beiträgen zu philologischen Methoden die zeitgenössische Forschung unterstützte. Unter dieser Art von Kritik wurde von Zeitgenossen die den Gehalt eines Wortes untersuchende Textbearbeitung verstanden. Heyne berücksichtigt die Werke der antiken Kunstgeschichte und die antiken Autoren. Durch Verweise auf einzelne Vertreter wird mit der Überlieferung von Begriffen eine Geschichte von Kritik durch historische Persönlichkeiten und ihre Werke veranschaulicht. Heynes Rezensionen zu einer in das Deutsche übersetzten Ausgabe von Henry Homes Werk mit dem Titel Die Grundsätze der Kritik und Alexander Popes Essay in Criticism sind dafür Beispiele seiner eigenen philologischen Erörterungen von Editionen. Dieses Verfahren der Bewertung, das sich auf die in Nationalsprachen verfaßten Werke erstreckt, wird im 19. Jahrhundert von den Vertretern der Philologien unter der Bezeichnung Literaturkritik fortgesetzt werden. Heynes Schriften beziehen ihre Kriterien für den Wert der Werke nicht zuletzt aus der Würdigung von Leistungen ihrer Übersetzer. Diese Beurteilung von Übertragungen ist ein Teil der Arbeit Heynes, der auch die neue Literatur als Gegenstand seiner an altphilologischen Schriften geschulten Textkritik heranzieht. Heyne erkannte dabei die unterschiedlichen Methoden von Zeitgenossen, die auf dem Felde der Kritik arbeiteten. Die Untersuchung von ihren Beiträgen zeigt die Möglichkeiten von Methoden und Erörterungen zu den von ihnen genutzten Begriffen. Die deutsche und lateinische Terminologie zum kritischen Schrifttum und seinen Methoden ist in seiner Arbeit ein Beitrag zur Etablierung von Ansätze der Kritik in der Aufklärung. Zu ihrer Überlieferung trägt Heyne in einem nicht unerheblichen Maße in der Neuzeit bei. Heyne vermittelt so eine historische Terminologie in der lateinischen und deutschen Sprache, deren Begriffe in unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft für Rezensionen zu zeitgenössischen Werken genutzt wurden.

Zurück zum Text  44. Heyne, Christian Gottlob: Legum Locris a Zaleuco scriptarum fragmenta. Com-mentatio prior. Ad commendandum novum Prorectorem Ge. Henr. Ayrer d. 3. Julii 1767. In: Ders.: Opuscula academica. Bd. 2. 1787. S. 12-23. S. 13.

Zurück zum Text  45. Herder, Johann Gottfried von: Sämtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Vierter Theil. Wien 1816. Acht und zwanzigster Band. Enthaltend: Lite-ratur und Kunst. Eilfter Theil. Früchte aus den sogenannt goldenen Zeiten des achtzehnten Jahrhunderts. Wien 1826. S. VI.

Zurück zum Text  46. Allgemeine Zeitung. 1812. Nr. 216. S. 362.

Zurück zum Text  47. Göttingische Gelehrte Anzeigen; 1770. S. 861 und Göttingische Gelehrte Anzei-gen; 1794. S. 1424.

Zurück zum Text  48. Vgl. zur Privatbibliothek Heynes: Catalogus librorum quos Chr. Gottlob Heynius cor. Westphal. eques. Prof. eloqu. die 14. Iulii 1812 pie defunctus reliquit ad litte-raturam maxime antiquam graecam et romanam pertinentium quorum subhastatio fiet. Göttingen 1813.

Zurück zum Text  49. In: Herder, Johann Gottfried: Sämtliche Werke. XXXIII. Herausgegeben von Bernhard Suphan. Poetische Werke. Herausgegeben von Karl Redlich. 9. Hildes-heim 1968. S. 206-215. Zitat S. 209.

Zurück zum Text  50. Göttingische Gelehrte Anzeigen. 1775. S. 166, S. 783.

Zurück zum Text  51. Göttingische Gelehrte Anzeigen. 1807. S. 1113-1128. Zitat S. 1114-1115.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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