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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Für Heinrich Lausberg ist die Kritik eine Methode für die Klassifikation von Kunst nach grundlegenden lateinischen Begriffen. Das Urteil (iudicium), das bei ihm in Verweis auf den Begriff von Quintilian sich als Gabe der Unterscheidung dessen, was durch Begabung (ingenium) und Kunst (ars) für das Werk (opus) durch die Tätigkeit der Beurteilung (iudicatio) anbietet, gehört zu den Begriffen der Beredsamkeit. (76) Für die beurteilende Gattung der Rede (genus iudicale) und die Begriffe gerecht (iustum) und ungerecht (iniustum) bei der Abstraktion des Absehens von der im Gesetz selbst liegenden Problematik in der rationalen Gattung (genus rationale) einerseits und des Absehens von der in der Handlung selbst liegenden Problematik in der gesetzlichen Gattung (genus legale) andererseits gilt nach Lausberg die Definition, daß eine getane Handlung im genus rationale und das Gesetz selbst im genus legale als zwei Arten judicaler Tatbestände aufgefaßt werden können. (77) Lausberg beschreibt in einer Biographie das Leben von Ernst Robert Curtius, durch dessen Schüler Wolfgang Jördens ein Zitat überliefert wurde: "Den entscheidenden Schritt tat die Kritik im 19. Jahrhundert." (78) Nach der Terminologie der Rhetorik klassischer römischer Autoren stellt Lausberg ein Modell für die in den artes liberales vertretenen Disziplinen und andere Künste über die Wirkung von Kritik auf. Neben den poetischen Künsten und praktischen Künsten bilden die theoretischen Künste eine dritte Gruppe von Kunst durch die Betrachtung (inspectio) eines Kunstwerks. Lausberg hat diese Bezeichnungen der Kritik neben den Begriffen ars und critica für die Unterscheidung von Disziplinen auf angewandte zeitgenössische Formen der Kritik wie die Gebiete Literaturkritik, Kunstkritik und Sprachwissenschaft übertragen. (79) In ihrer schriftlichen Form (scriptum) wie auch als Rede (oratio) dient diese Kunstkritik zur Erklärung des Kunstwerks (interpretatio) durch die produzierende Kunst (ars) eines Kritikers. Diese Kritik kann die Form einer Kunstwissenschaft, die umfassende kulturkritische historische Gesichtspunkte berücksichtigt, oder einer die Kunst (ars) der einzelnen Kunstwerke bewertenden einfachen Kritik haben. Gegenstand der ästhetischen Kunst der kunstwissenschaftlichen Kritik ist das Werk, auf das kunstkritische Normen (leges) angewendet werden. Die einfache Kritik (sententia) beurteilt das einzelne Werk durch die Kunstkenntnis (ars). Die Bedeutung des Wortes sententia als Meinung weist auf die Subjektivität dieser Kritik hin, während mit dem Wort lex (Gesetz) allgemeine Geltungsansprüche erhoben werden. Für die Bezeichnung des Richters (iudex) wird auch der Begriff Kunstrichter verwendet. Der Philologe (philologus) ist ein Kunstkritiker und Ästhet. Die Kunst (ars) ist entweder Kunstkenntnis oder Ästhetik. Die Begriffe actio für die Ausführung der Kritik, lex für das Gesetz und eine kunstkritische Norm und die Bezeichnung sententia für die ausgesprochene Meinung in der fertigen Kritik ermöglichen Lausberg die Beurteilung des Kunstwerks und der Kunstwissenschaft. Allgemeine Kennzeichen der poetischen und praktischen Künste wie auch der Kritik sind die Intention des Bezeichnens und Bedeutens (voluntas) und die Nützlichkeit (utilitas). In der sprachlichen Formulierung der Kunstkritik äußert sich diese Intention des Bezeichnens und Bedeutens in der Funktion der Sprache als semantisches Symbol. Als ein Prinzip der Nachahmung liegt nach Lausbergs Schema Mimesis jeder Form künstlerischen Ausdrucks zugrunde und bildet so ein Kennzeichen der Kunst, die als Symbol für einen zukünftigen (meist umfassenderen), wichtigen geschichtlichen [...] Vorgang dient. (80)

Als eine Rede der Lobesgattung (genus demonstrativum) kommt der Kritik als Hauptfunktion das Lob der Schönheit zu, als deren Anlässe Ehre (laudatur ex honore), Nutzen (laudatur ex utilitate), Schönheit des Werks (laudatur ex pulchritudine) und der Urheber des Kunstwerks (laudatur ex auctore) gelten. (81) Da der Gegenstand der Rede ein bestimmbares Objekt (certum) ist, liegt die Aufgabe des Redners im Bereich der Wiedergabe des Wahrgenommenen, zu der die sinnliche Wahrnehmung nach dem Lob des Gegenstands Begriffe wie schön (honestum) oder häßlich (turpe) genutzt werden, deren parteiische Leitaffekte die Gefühle bewundernde Liebe und verabscheuender Haß oder Verachtung sind. (82) Diese Affekte nutzten die parteiisch Redenden in den Vorgängen der Betrachtung und Bewertung. Sie werden sprachlich im Lob oder Tadel des Gegenstands umgesetzt. Die rhetorische Theorie geht davon aus, daß jede Argumentation bei der Frage nach den Eigenschaften eines Dinges oder Sachverhalts (res) beginnt und dementsprechend auch ästhetische Wertungen beinhalten kann. (83) Diese Begriffe der Beredsamkeit nach der Moderne sind ein Beispiel der Benutzung von deutscher Sprache für die Kritik in der Philologie im 20. Jahrhundert.

Zurück zum Text  76. Quintilian: Institutio oratoria. Bd. 2. 1975. S. 484. 10, 1, 130.

Zurück zum Text  77. Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. Zweite, durch einen Nachtrag vermehrte Auflage. Stuttgart 21973. 142. S. 87.

Zurück zum Text  78. Lausberg, Heinrich. Ernst Robert Curtius. Aus dem Nachlaß herausgegeben und eingeleitet von Arnold Arens. Stuttgart 1993. S. 161.

Zurück zum Text  79. Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literatur-wissenschaft. Stuttgart 31990. 204. S. 113.

Zurück zum Text  80. Lausberg: Handbuch. 31990. 204. S. 112.

Zurück zum Text  81. Lausberg: Handbuch. 31990. 239. S. 130.

Zurück zum Text  82. Lausberg: Handbuch. 31990. 240. S. 131.

Zurück zum Text  83. Vgl.: Kopperschmidt, Josef: Methodik der Argumentationsanalyse. Stuttgart, Bad Cannstadt 1989. S. 15.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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