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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Friedrich Nicolai schreibt am 11. April des Jahres 1769 an Herder sein Urteil über die Kritischen Wälder: "Mein kurzes Urteil von den kritischen Wäldern ist, daß Hr. L[essing] gegen den V[erfasser] in einigen Stücken wohl zu verteidigen wäre, daß er aber gegen Kl[otz] ganz frappant recht hat und daß dies Werk eines der besten kritischen Werke ist, das wir in unserer Sprache haben." (88) Farben verwendet Herder als Metaphern für die Wirkungen von Kritik im 22. seiner Briefe zur Beförderung der Humanität. Hier wird Kants Fähigkeit seiner Kritik erwähnt, tausend schon vorhandene, dunkle Vorideen zum Licht zu bringen: "Eben deshalb greift Kants Kritik so tief in den Geist der Zeiten ein, weil sie genug vorbereitet erscheint, und tausend schon vorhandene, dunkle Vorideen zum Licht bringen konnte." (89) Im Jahre 1764 dokumentiert Herders Briefwechsel die Büchercensur betreffend die Bestrebungen von Autoren, den Zustand der Zensur von Gegenwartsliteratur in öffentlichen Schriften mitzuteilen. Herders Briefsammlung Ideen zur Geschichte und Critik der Poesie und der bildenden Künste in Briefen erscheint in den Jahren von 1794 bis 1796. In seiner Schrift mit dem Titel Bemühungen des vergangenen Jahrhunderts in der Kritik spricht er in einem Vergleich von Seele und Körper über die beiden Aufgaben eines Philologen mit den Begriffen höhere Kritik und wörtliche Kritik: "Die sogenannte hoehere Kritik ist nur die geistigere, feinere; ohne die woertliche findet sie nicht statt; ohne den zeitmaeßigen oertlichen Verstand der Worte geht sie sogar in der Irre und traeumet; beide vereint, sind Seele und Körper." (90) In seiner Definition von Kritik der Vergangenheit berücksichtigt er ihre Aufgabe als Wissenschaft und Kunst, die er mit dem Begriff Kunst der Beurtheilung erläutert: "Unter Kritik verstand man im Anfange des vergangenen Jahrhunderts noch etwas anders [...]. Allen vorhergehenden Zeiten gemaeß nannte man mit diesem Wort die Wissenschaft und Kunst, Schriften, insbesondere aelterer Zeiten und fremder Sprachen genau zu verstehen und zu beurtheilen: denn Kritik heißt Kunst der Beurtheilung." (91) Herder unterscheidet philologische Verfahren mit den Begriffen Realkritik, Verbalkritik, höhere Kritik und niedere Kritik als Methoden zur Erforschung von Sprache. (92) Zu den von ihm erwähnten Gattungen von Literatur gehört auch eine Utopie einer zukünftigen Geschichte der Literatur, deren Landereien die Sprache, Geschmackswissenschaften, Geschichte und Weltweisheit sind. (93) In einer Allegorie beschreibt Herder, daß die von der Göttin Langeweile gejagten Schriftsteller und Leser Zuflucht in dem Schoos der personifizierten Kritik, der Göttin Critik, nehmen. (94) Herders Abhandlung mit dem Titel Metakritik zu Kants Kritik der Urtheilskraft und die Sammlung Kritische Wälder widmen sich den Tätigkeiten von Philosophen und Kunstrichtern der Malerei und Musik.

Die Bearbeitung von Herders Werken setzt zu Lebzeiten ein. Anonym erscheint die Abhandlung Sinnlichkeit und Vernunft oder über die Principien des menschlichen Wissens als eine Kritik über Herders Metakritik im Jahre 1800. Auch moderne Autoren greifen das Rezensionswesen der Aufklärung als Motiv auf. Arno Schmidts Dialog Herder oder vom Primzahlenmenschen nutzt die Namen der historischen Persönlichkeiten aus Herders Bekanntenkreis für eine Schilderung des Rezensionswesens. In seinem Dialog zwischen B und A über das Verhalten des Bibliothekars Klotz gegenüber Herder wird der Prediger als junger Mensch in einer Gesellschaft beschrieben, die pöbelhafteste Kritiken hervorbringt. So läßt er B sagen: "Kurzum: der äolsharfigst-tausendnächtige Jungmännertraum. - Aber dem Publikum eines Predigers begreiflicherweise ... (Hanseatisch= steif, mit s0t, ges= prochen) ..."aarch ans= tössich." A ergänzt diese Bemerkungen über dem Streit von Ephraim Lessing und Christian Adolf Klotz: "Zudem hat er - zwar berechtigt, aber unvorsichtig - mit jenem von Lessing her geläufigen Professor Klotz in Halle angebunden, der vielleicht nur ein "selbstbewußtes Nichts" war- aber gleichzeitig spiritus rector diverser einflußreicher Nachrichtenmagazine. Sein Gegenüber beschreibt nun die Wirkungen der Rezensenten auf das Werk: B.: Deren Methoden Herder auch prompt verspüren soll: fliegenhaft vervielfacht erscheinen die pöbelhaftesten Kritiken; und die Gegner wissen Tricks, von denen der harmlose junge Mensch, der halb anonym bleiben will, nichts ahnt: man verschafft sich durch Bestechung der Drucker die Namen des Verfassers, und die Fahnen seiner Bücher, lange bevor sie im Buchhandel erhältlich sind, und man also Zeit hat, ausgiebig Kabalen anzuspinnen." (95) Schmidt beschreibt auch für die zeitgenössische Literatur in der Abhandlung Die Wüste Deutschland das Recht der Rezensenten und ihren Umgang mit jungen Talenten als Wirkung mit begrenzender Funktion: "Eine relative Öde unserer Literatur ist unleugbar (relativ insofern, als zuweilen ganze Meteorschwärme von Talenten auftreten, eins am andern sich entzündend, ein das andre beleuchtend. ´Romantik´ oder ´Expressionsmus´). Wer allerdings kein Recht hat, sich über das seuchenhafte Verkalben unserer Autoren zu moquiren, sind die ´Fachleute´. Einmal die Rezensenten; die begrüßen nämlich glühende junge Talente mit nichten begeistert, sondern reagieren wie die Feuerwehrmänner, als sei ihre Aufgabe, jeden Funken Genie sogleich zu löschen. Und die Literaturhistoriker hinken grausam hinterher: ein Professor, der so weit gelangt, den Expressionismus für sich zu ´entdecken´, ist ein Fönix, und gilt bei Kollegen als ´unruhiger Kopf´." (96)

Zurück zum Text  88. Herder, Johann Gottfried: Johann Gottfried Herder im Spiegel seiner Zeitgenos-sen. Briefe und Selbstzeugisse. Herausgegeben von Lutz Richter. Göttingen 1978. S. 60-61. Zitat S. 61.

Zurück zum Text  89. Herder, Johann Gottfried: Briefe zur Beförderung der Humanität. Herausgege-ben von Hans Dietrich Irmscher. Frankfurt am Main 1991. Brief Nr. 22. S. 798-800. Zitat S. 799.

Zurück zum Text  90. Herder: Briefe zur Beförderung. 1991. S. 21.

Zurück zum Text  91. Herder: Briefe zur Beförderung. 1991. S. 167. S. 165-193.

Zurück zum Text  92. Herder: Briefe zur Beförderung. 1991. S. 179.

Zurück zum Text  93. Herder, Johann Gottfried: Werke. Erster Theil. Fragmente zu deutschen Litera-tur als Fortsetzung der Literaturbriefe Vorrede zur erster Ausgabe. Tübingen 1805. S. I; S. IX.; S. XI.

Zurück zum Text  94. Herder: Werke. 1805. S. VII.

Zurück zum Text  95. Schmidt, Arno: Johann Gottfried Herder. Herder oder vom Primzahlenmenschen. In: Ders.: Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in 4 Bänden. Sämtliche Nachtprogramme und Aufsätze. Band 1. Zürich 1988. S. 153-188. Zitat S. 160.

Zurück zum Text  96. Schmidt, Arno: Deutsches Elend. 3 Erklärungen zur Lage der Nationen. Barg-feld 1984. S. 113.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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